Schule : Roller-Oldies im Trend

Besonders Fahrzeuge aus den 60ern begehrt

Dirk Engelhardt

Die wahren Roller – das ist genau so wie bei Designer-Sesseln oder Schmuckstücken – sind eben nur die Originale. Auch wenn jene Fabrikate von Piaggio, Innocenti oder Simson kein Automatik-Getriebe haben, der Polsterbuckel vom jahrzehntelangen Fahren löchrig geworden ist und man für den Kickstarter noch Muskelkraft einsetzen muss – Fans, die etwas auf sich halten, fahren lieber die Maschinen aus den ersten Produktserien.

Anfang der 50er Jahre begannen Piaggio und Innocenti in Italien und etwas später der ostdeutsche Betrieb Simson in Suhl mit der Fertigung jener Blechgefährte, die heute Kultstatus besitzen. Bei Piaggio konstruierte man die Vespa, bei Innocenti die Lambretta, bei Simson die Schwalbe, für die Menschen der Nachkriegszeit waren die motorisierten Zweiräder ein erschwingliches Fortbewegungsmittel. „Bei Simson in Suhl wurden von den frühen 60er bis in die späten 80er Jahre insgesamt 1,88 Millionen Roller gefertigt", sagt Werner Seelig, Betreiber einer Roller-Reparaturwerkstatt in Berlin. Das klingt gewaltig, aber viele Schwalben sind heute nicht mehr unterwegs.

Durch die beiden „Flügel" rechts und links unterhalb der Lenkstange, die die Schwalbe sehr breitbrüstig auftreten lassen, unterscheidet sie sich von den am „Kopf" schmaleren italienischen Fabrikaten. Wegen diesere Flügelkonstruktion lässt sich die Schwalbe bei starkem Wind etwas schwerer kontrollieren, bietet bei Stürzen jedoch einen zuverlässigen Knieschutz. Ihre Antriebstechnik unterscheidet sich von den Piaggio-Motoren nur geringfügig. Meist ist die Schwalbe mit einem 50 KubikzentimeterMotor ausgestattet, der 3,7 PS leistet. „Durch eine Klausel im Einheitsvertrag spielen die Regulierungsvorschriften der deutschen Straßenverkehrsordnung bei den Schwalben keine Rolle. Das bedeutet, dass man mit einer Schwalbe flotte 60 fahren darf, während alle anderen Fabrikate nur bis 50 km/h zugelassen sind", weiß Seelig.

Wo es Schwalben gibt? Vielleicht hat ja einebei den Eltern im Schuppen überlebt. Wenn nicht, bleibt immer noch die Durchforstung der Anzeigenmärkte, wo man für einen Simson-Roller Baujahr 1970 mit Halbautomatik, fahrbereit und in gutem Zustand allerdings schon um die 400 Euro aufwenden muss.

Piaggio erkannte die Zeichen der Zeit und produziert im Zuge der Retro-Welle Kopien der frühen Roller mit der Technik von heute. Dieses Frühjahr kam das Modell „Gran Turismo" auf den Markt – mit Viertaktmotor und Scheibenbremsen, ein wenig größer, ein wenig runder und ein wenig reifer als ihre Vorgängermodelle – für rund 4000 Euro. Bei Simson stellt sich die Frage, ob nachgebaut oder Original nicht mehr, denn nach der Wende wurde der Betrieb eingestellt.

Er mag „keine modernen Kautschuk-Gurken mit Plastikattributen zwecks schnöder Kostenreduzierung, wie sie die Industrie seit den 80ern anbietet", sagt Georg, ein Publizistik-Student, der seine himmelblaue Vespa besteigt. Roller fahren ist übrigens keine Männerdomäne, denn schwere Lederkluft ist nicht nötig. Jeder rollert, wie er eben ist, mancher auch im Anzug mit Krawatte.

Wer sich heute für den Kauf eines klassischen Blechrollers entscheidet, sollte zuvor die Frage für sich beantworten: Was für ein Typ bin ich? Mehr Bastel-Freund oder eher Draufsetzer und Losfahrer? Davon hängt ab, wie viel man in sein Gefährt investieren muss. Wer es intakt mag, sollte ungefähr 700 bis 800 Euro für einen gut erhaltenen Roller veranschlagen. Wer gerne selbst Hand anlegt, kann einige Euros sparen. Da die Blechroller tatsächlich aus Blech gefertigt sind, kann ihre Pflege sogar ein skurriles Vergnügen bereiten. „Es macht einfach Spaß, im Blech die kleinen Mankos auszubessern, sie dann mit einer selbst angerührten Lackmischung nachzulacken und schließlich alles schön glatt zu polieren," schwärmt Georg.

Ein bisschen Handarbeit ist bei den Oldies noch vonnöten. Dazu gehört auch das Betanken: Da die Roller von Zweitakt-Motoren angetrieben werden, müssen Öl und Benzin im richtigen Verhältnis gemischt werden. Die Mischformel lautet 1:50 – das heißt, in die fünf Liter Normalbenzin, die ein Rollertank fasst, kommen 0,1 Liter Motoröl, die sich mit der Skalierung auf den Ölflaschen exakt dosieren lassen. Benjamin König, der in Berlin den Motorrollerladen „Roller Könige" betreibt, rät, sich das Gemisch selber zu mischen. „Da weiß man nicht, was für ein Öl drinnen ist".

Und noch einen Rat gibt er seinen Kunden immer mit auf den Weg: „Um kleinere Reparaturen an Ort und Stelle auszuführen, sollte man immer eine Glühbirne, eine Zündkerze und einen Zug für Schaltung und Kupplung im Gepäck haben." Im Stadtverkehr ist der Blechroller-Fahrer dann gut und zügig auf seinem Untersatz unterwegs – und supersparsam dazu: zwischen zwei und drei Litern liegt der Verbrauch im Stadtverkehr. Auf 45 km/h bringen es selbst die kleineren Maschinen mit 1,25 PS.

Um seinen Roller auf der Strasse zu betreiben, ist mindestens ein Mopedführerschein vorgeschrieben, bis zu 50 Kubik tut es auch ein Autoführerschein. Bis zu einem Hubraumvolumen von 125 Kubik bleibt der Roller-Spaß steuerfrei. Wer auf stärkeren Maschinen sitzen will, entrichtet eine jährliche Steuer von 10 bis 20 Euro. Zwar bleibt die Wahl des Kopfschutzes jedem selbst überlassen, um jedoch bei einem Unfall vollständigen Versicherungsschutz beanspruchen zu können, werden Integral-Sturzhelme empfohlen, die den seit 2002 geltenden E3-Standards entsprechen.

Um sich den Blechroller-Gefühlen vollends hinzugeben, heißt es, keine Zeit verlieren. „Der ganze Blechroller-Fun wurde in letzter Zeit unheimlich gehypt. Selbst Fernsehwerbungen für Jeans, Milchreis und Hundefutter wurden mit Schwalben und Lambrettas aufgepeppt," erzählt König. Die Freunde der Originale sollten sich also sputen: Irgendwann sind die Blechroller-Reservoire erschöpft.

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