Rosa-Luxemburg-Gymnasium : Bäume, die wachsen dürfen

Das Rosa-Luxemburg-Gymnasium in Berlin-Pankow feiert seinen besten Abiturjahrgang aller Zeiten. Die Traumnoten versteht man hier nur als „Nebeneffekt“ des Schulkonzepts: Förderung für alle – Begabte wie Schwächere.

Susanne Ehlerding
Die Besten. Von 111 Abiturienten gelang neun Schülerinnen und einem Schüler die Note 1,0 – hier bei der Feier mit Direktor Ralf Treptow.
Die Besten. Von 111 Abiturienten gelang neun Schülerinnen und einem Schüler die Note 1,0 – hier bei der Feier mit Direktor Ralf...Foto: Promo/Fotostudio Trabert

„Es ist eigentlich wie ein Wunder, dass der moderne Lehrbetrieb die heilige Neugier des Forschens noch nicht ganz erdrosselt hat“, sagte einst Albert Einstein. Und im vergangenen Jahr nahm der Philosoph Richard David Precht in seinem Buch „Anna, die Schule und der liebe Gott“ das Ersticken der kindlichen Neugier durch unser Bildungssystem aufs Korn. So gesehen machen Schulen also schon lange viel falsch – das Rosa-Luxemburg-Gymnasium in Berlin-Pankow dagegen offenbar ganz viel richtig. Dort sind die Schüler so motiviert, dass jetzt zehn von 111 mit einer 1,0 auf dem Abiturzeugnis ins Leben starten. Niemand fiel durch und alle Schüler zusammen sind einen Hauch besser 2,0 – der beste Jahrgang aller Zeiten an ihrer Schule.

Zwar beweisen die Zahlen noch nicht, dass das Lernen am ältesten Gymnasium Pankows Spaß macht. Zweifel daran dürfte aber niemand mehr haben, der bei der Abifeier der Schule in der Gethsemanekirche dabei war. Die Elternvertreterin erntet Jubelrufe, als sie die Pädagogen der Schule lobt – etwa den Philosophielehrer, der die Liebe zum Leben und das eigenständige Denken unterrichte. Großer Applaus begleitet die beiden Redner der Lehrerschaft schon auf dem Weg zum Mikrofon. Den „Austausch auf Augenhöhe“ werden sie in Erinnerung behalten und „einen traumhaften Unterricht, in dem ein herrschaftsfreier Diskurs möglich war“.

Am Ende raten die Lehrer den Schülern: „Umarmt eure Eltern, denn sie haben es am meisten verdient.“ Dann gibt es ein Violinkonzert, das der Musiklehrer eigens für das Schulorchester komponiert hat. Am Rosa-Luxemburg- Gymnasium ziehen offensichtlich ganz viele an einem Strang und sind mit vollem Engagement bei der Sache.

Hin und wieder schimmert durch, dass Bildungserfolg auch mit gebildeten Eltern zu tun hat – gerade in Deutschland mehr als anderswo, wie seit den Pisa-Studien bekannt ist: „Dein Opa war Arzt, dein Vater ist Arzt, du wirst Arzt“, gehört zu den Sprüchen Erwachsener, die der Schüler Toralf Ließneck in seiner Abiturrede zitiert.

„Enrichment“ heißt die Förderung von besonders Begabten

„Dass die Schule seit zehn Jahren signifikant über dem Berliner Mittel liegt, hat auch damit zu tun, welche Kinder angemeldet werden“, räumt Schulleiter Ralf Treptow ein. Gute Noten sind für ihn aber nur ein „Nebeneffekt“ des Schulkonzepts. „Es beruht darauf, die Interessen, Fähigkeiten und Vorstellungen der Eltern und Kinder so umzusetzen, dass sie sich wirklich zu Hause fühlen.“

Dafür schuf sich die Schule erstaunliche Freiräume. So wurde der Unterricht 2006 auf 60-minütige Schulstunden umgestellt, die mehr Vertiefung pro Lerneinheit erlauben. Anlass war die Einführung des Abiturs nach acht Oberschuljahren. Gleichzeitig wurde das Überspringen der achten Klasse für sehr gute Schüler abgeschafft und ein neues Modell aufgelegt. „Enrichment“ heißt seitdem die Förderung von besonders Begabten in speziellen Kursen. Schwächere Kinder bekommen im schulischen Verein „Hilf nach!“ von eingewiesenen Schülern für vier bis sieben Euro pro Stunde Unterstützung in allen einschlägigen Fächern.

Und es geht noch weiter: „Rosa bildet“ ist ein Methodentraining für die Oberstufe, das die Schüler mit wichtigen Arbeitstechniken vertraut macht. Bis zu zehn Ehrenpreise werden jedes Jahr für besonderes Engagement der Schüler verliehen. Und deutschlandweit einzigartig ist die Möglichkeit, statt zwei Leistungskursen sogar drei zu belegen.

Es gibt also ein ganzes Bündel von Möglichkeiten, wie Kinder am Rosa-Luxemburg-Gymnasium lernen und sich ernst genommen fühlen können. Der in Noten ausgedrückte Erfolg stellte sich parallel dazu ein. „Da kann man nicht einmal den Schalter umlegen, das muss im Lauf der Jahre wachsen“, sagt Ralf Treptow, der die Schule seit 1991 leitet.

„How high does the sycamore grow? If you cut it down, you’ll never know“, sang die Schülerin Franziska von Harsdorf bei der Abschlussfeier. Wenn man einen Baum fällt, wird man nie wissen, wie hoch er gewachsen wäre.

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