Sandra Scheeres im Interview : „Die Entwicklung ist nicht aufzuhalten“

Wie geht es weiter mit der Inklusion? Bildungssenatorin Sandra Scheeres antwortet.

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD).
Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD).Foto: picture alliance / dpa

Wie weit ist Berlin mit der Inklusion und wie sehen die nächsten Schritte aus?

Im Zusammenhang mit der Umsetzung der UN-Behindertenkonvention ist Berlin auf schulischer Ebene sehr gut vorangekommen: Die Integrationsquote ist in den letzten Jahren konstant gestiegen. Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder in Regelschulen gehen, und die strukturellen Bedingungen in den Schulen und das Engagement der Lehrkräfte ermöglichen das. Der Ausbau der Schulpsychologischen und Inklusionspädagogischen Beratungs- und Unterstützungszentrum, SIBUZ genannt, schreitet voran. Wir sind bei den Räumlichkeiten aber auf die Bereitschaft der Bezirksämter angewiesen.

Inklusion bedeutet, dass alle Schülerinnen und Schüler an Bildung teilhaben können - unabhängig von ihrer Herkunft, ihres sozialen Status oder ob sie Menschen mit oder ohne Behinderung sind. Inklusion bedeutet daher auch, Ressourcen, also Pädagoginnen und Pädagogen, zur Verfügung zu stellen. Es kann sie nicht zum Nulltarif geben! Die Entwicklung der inklusiven Schule muss als partizipativer Prozess angelegt sein: Wir müssen alle beteiligten Akteure mitnehmen, um Sorgen, Befürchtungen und Anregungen ausreichend zu berücksichtigen. Das bedeutet natürlich vor allem, dass Eltern beteiligt sind. Ihr Wahlrecht, auf welche Schule ihr Kind geht, ist mir besonders wichtig. Der neue Rahmenlehrplan wird den Lehrkräften in den Schulen mehr Möglichkeiten als bisher geben, auf die Unterschiedlichkeiten und die individuellen Ausprägungen ihrer Schülerschaft einzugehen.

Wie unterscheiden sich die Schwerpunktschulen von den Schulen, die schon inklusiv arbeiten? Was ist der Unterschied zu Förderzentren?

Im kommenden Schuljahr werden sechs Schulen als inklusive Schwerpunktschulen am entsprechenden Schulversuch teilnehmen. Die Zahl der inklusiven Schwerpunktschulen möchte ich in den kommenden Jahren sukzessive auf  36 Schulen erhöhen. Das Besondere an inklusiven Schwerpunktschulen ist, dass Kinder mit und ohne Förderbedarf nicht nebeneinander, sondern miteinander lernen. Diese Schulen sind durch ihre personellen, räumlichen und sächlichen Bedingungen besonders profiliert. Von anderen Regelschulen unterscheidet sie, dass sie sich auf einen oder mehrere der sonderpädagogischen Förderschwerpunkte „Körperlich-motorische Entwicklung“, „Sehen“, „Hören und Kommunikation“, „Geistige Entwicklung“ oder „Autismus“ spezialisieren. Sie werden pro Klasse nicht mehr als drei Schülerinnen und Schüler aufnehmen, die sonderpädagogische Förderung in einem der vorgenannten Förderschwerpunkte benötigen und dem Profil der Schule entsprechen. Für sie gelten darüber hinaus festgelegte Höchstzahlen für Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Darin entscheiden sie sich wesentlich von den Förderschulen, in denen nur Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf lernen. 

Wie geht es mit den Förderzentren weiter?

Mir ist das Elternwahlrecht dabei ganz wichtig. Zurzeit werden insbesondere die Schulen für die Förderschwerpunkte „Körperlich-motorische Entwicklung“, „Sehen“, „Hören und Kommunikation“ sowie „Geistige Entwicklung“ noch stark nachgefragt. 62 Prozent der Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf lernen bereits in Regelschulen.

Kritisiert wird immer wieder, dass für die Inklusion nicht genügend Personal zur Verfügung stehe. Auch beim baulichen Zustand ist noch einiges zu tun.

Wir haben Ruhe ins System gebracht, weil wir zusätzlich 240 Stellen für die sonderpädagogische Integration geschaffen und eine bedarfsgerechte Ausstattung bei den Schulhilfemaßnahmen vorgenommen haben. Die Berliner Schulen werden nach und nach barrierefrei umgebaut, mit dem Schul- und Sportstättensanierungsprogramm und mit den Mitteln für die Schaffung von Barrierefreiheit speziell an den Schwerpunktschulen.

Manche Lehrer scheinen nach vielen Reformen ermüdet. Wie wollen Sie diese Lehrer für die Inklusion gewinnen?

Schauen Sie sich die steigende Integrationsquote an. Die Entwicklung ist nicht aufzuhalten. Die Berliner Schülerschaft ist seit jeher heterogen. Dies ist Herausforderung und Chance zugleich. Veränderung im Unterricht und besseres Classroom-Management hilft Lehrkräften. Der neue Rahmenlehrplan und die Fortbildungsangebote unterstützen die Veränderungsprozesse. Eine meiner großen Reformen war das Lehrkräftebildungsgesetz: Zukünftig können angehende Lehrkräfte in allen Lehrämtern zwei sonderpädagogische Fachrichtungen als zweites Fach wählen. Und für alle Lehrer gibt es eine Basisqualifikation zur inklusiven Schule. Inklusion ist letztendlich eine Haltungsfrage. Bislang habe ich mit meinem partizipativen Ansatz gute Erfahrungen gemacht. Daher lasse ich den Prozess auch von einem Beirat begleiten.

Was würden Sie Eltern raten, die ein Kind mit Förderbedarf haben und bei der Schulwahl unsicher sind?

Es kommt immer auf das Kind an. Die SIBUZ sind ein guter Ort, an dem Eltern Informationen zur richtigen Schulwahl erhalten können. Und dann natürlich die Schule selbst. Wenn sich das Kind dort wohl fühlt, ist das der erste Schritt für eine richtige Entscheidung.

Die Fragen stellte Sylvia Vogt.

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