Sarrazin-Forderung : Neue Kopftuchdebatte lässt Schulen kalt

Neuköllns Bildungsstadtrat: "Bei uns stehen andere Themen an." Auch Verbände reagieren ablehnend auf Sarrazins Verbotsforderung.

Ferda Ataman
Sarrazin Foto: ddp
Thilo Sarrazin -Foto: ddp

Schülerinnen, die ihr Haar mit einem Stück Stoff bedecken – das gehört zum Alltag in den Klassenzimmern der Berliner Innenstadt. Ob muslimischen oder anderen Glaubens, hier steht es allen Mädchen und jungen Frauen frei, eine entsprechende Kopfbedeckung zu tragen. Nach dem Motto: „Entscheidend ist, was unter dem Kopftuch steckt“, haben sich viele Schulleiter und Lehrer damit arrangiert und mit ihren Schülern Regeln aufgestellt, wie etwa ein „Untertuch“ ohne Nadeln im Sportunterricht, damit keine Verletzungsgefahr besteht.

Doch das Thema „Kopftuch im Klassenzimmer – ja oder nein?“ ist nun wieder auf dem Tisch, nachdem Bundesbankvorstandsmitglied Thilo Sarrazin forderte, Schülerinnen das Tuch zu untersagen. Das sei eine politische Botschaft.

Der Neuköllner Bildungsstadtrat Wolfgang Schimmang (SPD) stöhnt auf, als er auf das Thema angesprochen wird. Er kennt die Kopftuch-Debatte noch aus den 70er Jahren. „Es wurde schon 20 Mal geprüft, ob man das in die Schulordnung aufnehmen kann“, sagt er. Und: „Nein, es gibt keine rechtliche Grundlage dafür.“ Heute sei das Kopftuch kein Thema mehr. „Bei uns stehen andere Themen an“. Etwa, dass alle Kinder an Klassenfahrten, dem Schwimm- und Sportunterricht teilnehmen, sagt Schimmang. Grundsätzlich sei gegen das Kopftuch an Neuköllner Schulen nichts einzuwenden, solange es „nicht als aggressive Botschaft und Bekehrungssymbol“ getragen werde. Woran aber erkennt man, aus welchen Motiven heraus eine Schülerin ihre Haare bedeckt? „Das weiß ich auch nicht.“

„Wir können schlecht unterscheiden, aus welchen Gründen das Kopftuch getragen wird“, sagt ein Lehrer, in dessen Klassen viele Muslime sitzen. „Tatsache ist, dass auf unbedeckte Mädchen von Kopftuchmädchen manchmal Druck ausgeübt wird.“ Unbedeckt gelte manchen als weniger „rein“. Eine Regelung wie in der Türkei, wo das Kopftuch an Schulen verboten ist, fänden er und viele seiner Kollegen gut.

„Wir werden Sekundarschule, da haben wir ganz andere Sorgen“, sagt dagegen Hildburg Kagerer von der Ferdinand-Freiligrath-Schule in Kreuzberg. Das Thema Kopftuch nehme ihr Kollegium zwar sehr ernst. Allerdings seien die Gründe, ein Kopftuch zu tragen, viel komplexer, als es oft dargestellt wird.

Für die Neuköllnerin Selma, die seit ihrem zwölften Lebensjahr ein Kopftuch trägt, ist die politische Debatte nicht nachvollziehbar. „Ich bin integriert, spreche fließend deutsch, habe deutsche Freunde“, sagt die 18-Jährige. „Das müsste doch reichen.“ Sie besuchte bis vor Kurzem das Ernst-Abbe-Gymnasium. „Manche Lehrer haben mich gefragt, ob ich das Kopftuch freiwillig trage“, erinnert sie sich. Ihr „Ja“ hätten nicht alle Lehrer geglaubt, aber daran könne man nichts ändern. Wenn sie hört, dass jemand das verlangt, findet sie das rücksichtslos. „Ich sage doch auch zu niemandem, trage keine Kette mit Kreuz.“ Ihre arabischstämmige Freundin Mona Suleimann trägt kein Kopftuch, aber auch sie findet die Debatte „daneben“. Die 15-Jährige geht in die Röntgen-Realschule. „Bei uns in der Schule wurde darüber diskutiert“, sagt sie, vor allem wegen des Sportunterrichts. Ergebnis: Jungs und Mädchen machen getrennt Sport. „Finde ich gut“, sagt Mona, in Shorts wolle sie auch nicht vor den Jungs stehen.

Der Interkulturelle Frauenbund Berlin (IFB) erklärte am Montag empört, das Tragen eines Kopftuchs sei „die alleinige Entscheidung der Frauen und Mädchen“. Das sollten auch deutsche Politiker endlich akzeptieren. Auch der Sprecher des Türkischen Bundes Berlin-Brandenburg, Safter Cinar, meint: „Wenn Schülerinnen oder deren Eltern das Tragen von Kopfbedeckung für richtig halten, muss ihnen das erlaubt sein.“

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