Schiller-Gymnasium in Charlottenburg : Griechische Geschichtsstunde

Von Charlottenburg über Auschwitz nach Thessaloniki und zurück: Wie Berliner Schüler Geschichte und Gegenwart verbinden.

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Im Gespräch. Chaints Kounio und Charlottenburger Schüler.
Im Gespräch. Chaints Kounio und Charlottenburger Schüler.Foto: Maxim Schmidthals

Wo anfangen mit dieser verworrenen Geschichte, die in Charlottenburg beginnt und über Polen nach Thessaloniki führt? Vielleicht vom Ende her. Da sitzt Chaints Kounio in der Aula des Schiller-Gymnasiums und beantwortet Fragen. Was geschah in Thessaloniki vor der Deportation? Woran erinnert sich der 88-Jährige, wenn er an seine Ankunft in Auschwitz denkt?

Kounio und seine Schwester hatten von ihrer Mutter Deutsch gelernt. „Das rettete uns das Leben, als wir in Auschwitz ankamen“, sagt er. Denn es gab nicht viele, die Deutsch konnten unter den 56 000 Juden Thessalonikis, die fast alle nach Auschwitz deportiert wurden.

„Jerusalem des Balkans“ wurde Thessaloniki früher genannt, weil dort eine der größten jüdischen Gemeinden Europas war. Kounios Familie gehörte zum ersten Transport. Mit leiser Stimme erzählt er, dass sich die Viehwaggons, in denen sie sieben Tage unterwegs waren, nur von außen öffnen ließen. „Als die Tür aufging, sah ich die schönsten Sterne und einen Blick in die Hölle: fünf große Schornsteine, aus denen es Asche regnete.“

Kounio ist ins Schiller-Gymnasium gekommen, weil es dort die Arbeitsgemeinschaft „Erinnern“ gibt. Die Geschichte dieser AG fängt eigentlich damit an, dass sie das Schicksal der ehemaligen jüdischen Mitschüler recherchieren wollte. Elf Schüler und 63 ihrer Angehörigen wurden ermordet. „Es ist wichtig, dass wir uns unserer Geschichte bewusst werden“, sagt der 16-jährige Marc Wätzold. Mit der AG fuhr er 2013 nach Auschwitz und Majdanek in Polen. Bald soll es ein Denkmal für die ermordeten Schüler im Schulhof geben.

Eher zufällig stießen die Schüler in Polen auf Berichte aus Griechenland, in denen es um die aktuelle Finanzkrise und die deutsche Besatzung während des Zweiten Weltkriegs ging: Hitler und Merkel wurden auf Karikaturen gleichgesetzt. „Die Schüler waren verwirrt; auch darüber, dass die Griechen von ,Holocaust’ sprechen, wenn es um die Racheaktionen der Wehrmacht gegen griechische Dörfer geht, die im Widerstand waren“, beschreibt Elke Gryglewski einen der Auslöser für die Reise nach Thessaloniki.

Gryglewski arbeitet im Haus der Wannseekonferenz und engagiert sich in der AG. Im November 2014 fuhr die AG dann nach Griechenland. Sie besuchten zwei der 1600 von Racheaktionen betroffenen Dörfer sowie die jüdische Gemeinde von Thessaloniki. Und dort trafen sie Chaints Kounio und luden ihn in ihre Schule ein. Susanne Vieth-Entus

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