Schnellläuferklassen : Expressabitur vor dem Aus

Berlins Expressabitur hat nach Informationen des Tagesspiegel keine Zukunft mehr. Drei der nachgefragtesten Schulen für die Hochbegabtenförderung haben jetzt beantragt, das Konzept der so genannten Schnellläuferklassen abzuschaffen.

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Prüfender Blick. Wie hier, im Unterricht am Humboldt-Gymnasium, steht das Expressabitur gerade zur Debatte. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Prüfender Blick. Wie hier, im Unterricht am Humboldt-Gymnasium, steht das Expressabitur gerade zur Debatte.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Den Hochbegabten soll künftig zwölf statt elf Jahre Zeit zum Abitur gegeben werden. Dafür sollen sie aber anspruchsvolle Zusatzangebote erhalten. Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) sagte auf Anfrage, er stehe dem Antrag offen gegenüber. Für eine Korrektur des eingeschlagenen Weges spricht der drastische Rückgang bei den Anmeldezahlen für die Expressklassen.

Während in früheren Jahren meist über 900 Kinder pro Jahrgang an den Eignungstests für die Hochbegabtenklassen teilgenommen hatten, waren es 2010 nur noch etwas über 700. Den Ausschlag für die Zurückhaltung gab nach Meinung der Schulen die Verkürzung des Expressabiturs auf elf Jahre: Da an allen Gymnasien die Abiturzeit auf zwölf Jahre gesenkt wurde und die hochbegabten „Expressschüler“ zudem die achte Klasse überspringen, haben sie automatisch nur elf Schuljahre. Hinzu kam, dass die Schulpflicht vorgezogen wurde: In der Folge sind Expressabiturienten nicht mehr 17, sondern 16 oder sogar 15 Jahre jung, wenn sie – wie bei Hochbegabten nicht selten – noch eine Grundschulklasse übersprungen haben.

„Die Kinder sind einfach zu jung“, fasst Heike Schröder, Gesamtelternvertreterin des Pankower Rosa-Luxemburg-Gymnasiums, die Bedenken der Eltern zusammen. „Sie können weder einen Mietvertrag unterschreiben noch ein Auslandsstipendium bekommen“, ergänzt Elternvertreter Sven Johns vom Tegeler Humboldt- Gymnasium. Ebenso wie die Elternschaft des Biesdorfer Otto-Nagel-Gymnasiums haben sie den Beschluss der Schulkonferenz herbeigeführt, dass auch die Hochbegabtenklassen wieder zwölf Jahre Zeit bis zum Abitur haben sollen. Dann folgte der gemeinsame Antrag bei Zöllner.

„Der obligatorische Fachunterricht soll reduziert werden. Die dadurch gewonnenen Stunden stehen dann für zusätzliche Angebote zur Hochbegabtenförderung zur Verfügung“, erläutert Carsten Hintzmann, der als Gesamtelternvertreter der Otto-Nagel-Schule den Antrag mit unterstützt hat. Es bleibe also dabei, dass die Hochbegabten in speziellen Klassen ab Klasse 5 in Gymnasien gefördert werden.

Die Entwicklung war abzusehen

Offenbar ist der Vorstoß der drei Schulen mehrheitsfähig. Bei einem Treffen aller 13 Schulen mit Expresszügen am Donnerstag haben alle Schulleiter ihre Zustimmung zu einer Abkehr von dem elfjährigen Weg geäußert, hieß es anschließend. Jede Schule soll jetzt ein eigenes Konzept für die Hochbegabtenklassen entwickeln.

Die Entwicklung war abzusehen, seitdem 2005 der Bildungsgang auf elf Jahre verkürzt worden war: Nach und nach wurde den Eltern bewusst, was es bedeutet, wenn ein 14-Jähriger in die gymnasiale Oberstufe eintritt und zwei Jahre später mit dem Studium anfangen soll. Auch die Schulen bekamen Bedenken. Im Jahr 2009 stellte die Bildungsverwaltung ihnen anheim, nach Alternativen zu suchen.

Rosa-Luxemburg-, Humboldt- und Otto-Nagel-Gymnasium waren jetzt die ersten, die ein eigenes Konzept vorlegten. Außerdem plädieren sie dafür, stärker auf die Qualifizierung der Bewerber zu achten: In der Vergangenheit nahmen manche Schulen mangels Nachfrage überwiegend Schüler auf, die nicht als hochbegabt eingestuft werden konnten.

Unterdessen fragen sich allerdings viele Eltern, warum Berlin sich unter Zöllners Vorgänger Klaus Böger (SPD) überhaupt dafür entschieden hat, die Hochbegabten auf den nur elfjährigen Weg zum Abitur zu schicken – ein bundesweit nahezu einmaliger Vorgang. Es wird nicht ausgeschlossen, dass Eltern und Schulen versuchen werden, rückwirkend zumindest für den aktuellen Jahrgang eine „Entschleunigung“ auf zwölf Jahre zu erwirken, denn es wird mindestens bis 2011 dauern, bis die Reform offiziell entwickelt und beschlossen werden kann. Rund 4000 Schüler werden bis dahin den nur elfjährigen Weg durchlaufen haben.

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