Schule : Schüler sollen mehr über die DDR lernen

FU-Studie löst Debatte über Wissensdefizite aus Kritik auch an den Verhältnissen an Ostschulen

Susanne Vieth-Entus

Die zunehmende Verklärung der DDR durch Berliner Schüler und ihre überwiegende Unkenntnis hinsichtlich der historischen Zusammenhänge hat die Politik alarmiert. „Ich wünsche mir, dass die Aufarbeitung der DDR-Geschichte einen größeren Stellenwert hat“, sagte SPD-Fraktionschef Michael Müller gestern gegenüber dem Tagesspiegel anlässlich der neuen FU-Studie, die gravierende Wissenslücken der Berliner Schüler aufgedeckt hatte (wir berichteten). CDU, Grüne und FDP forderten, die Gedenkstättenbesuche auszudehnen, um den Schülern die Schattenseiten des DDR-Regimes zu verdeutlichen. Zudem wollen sie, dass die Behandlung der DDR-Geschichte verbindlicher als bisher in den Rahmenplänen festgeschrieben wird.

Ob diese Forderungen fruchten, ist allerdings fraglich. Lehrer aus dem Westteil, die in den östlichen Bezirken unterrichten, berichten regelmäßig, dass in den dortigen Kollegien Kritik an der DDR nicht erwünscht sei. „Wer sie trotzdem äußert, wird gemobbt“, sagt ein Lehrer, der inzwischen frustriert in seine ehemalige Schule im Westteil zurückgekehrt ist. An der Tagesordnung sei es, die „Errungenschaften“ des DDR-Bildungssystems zu loben und dessen Schattenseiten wie etwa den rigide gedrosselten Zugang zum Abitur auszublenden.

Da nach der Wende fast alle DDR-Lehrer übernommen wurden, geben sie schon rein zahlenmäßig noch immer den Ton in vielen Schulen an. Nach aktuellen Angaben der Bildungsverwaltung sind noch heute rund 9900 Lehrkräfte in Berlin tätig, die zu Zeiten Margot Honeckers als DDR-Bildungsministerin ihre Ausbildung genossen. Von ihnen sind rund 3450 in Westberliner Schulen tätig, weil sie infolge des Geburtenrückgangs im Ostteil versetzt werden mussten.

Viele dieser Lehrer geben ihr positives DDR-Bild offenbar an die Schüler weiter: Anstatt die Schattenseiten der DDR zu schildern, geben sie eher die Pluspunkte zum Besten. Die starke Luftverschmutzung rund um Bitterfeld beispielsweise, wo überdurchschnittlich viele Kinder unter Haut- und Atemwegserkrankungen litten, wird ebenso wenig thematisiert wie die Tatsache, dass es bis 1987 in der DDR die Todesstrafe gab und bis 1968 sogar die Guillotine zum Einsatz kam, die dann dem Genickschuss wich.

Dass dieses Unwissen der DDR-Verklärung und letztlich auch der Linkspartei zuarbeitet, scheint die SPD allerdings nicht besonders zu interessieren: Als der an der FU angesiedelte „Forschungsverbund SED-Staat“ unter Leitung des Historikers Klaus Schroeder für die Schülerstudie Fördergelder beim Lotto–Beirat beantragte, wurde er abgewiesen. Der Forscher hätte sich ja an die FU wenden können, rechtfertigt SPD-Fraktionschef Müller auch jetzt noch die Negativbescheide aus den Jahren 2004 und 2005. Im Beirat haben SPD und Linkspartei vier von sechs Sitzen inne.

Zurückhaltend reagiert bisher die Bildungsverwaltung auf die Ergebnisse der Schülerstudie. Wie berichtet, rätselt die Behörde, warum die Berliner Schüler bei einer Befragung durch die Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Zusammenarbeit mit dem Verband der Geschichtslehrer viel besser abgeschnitten hatten in Sachen „DDR-Wissen“.

Klaus Schroeder wundert sich über diese abweichenden Befunde allerdings überhaupt nicht, denn es gab gravierende Unterschiede zwischen beiden Untersuchungen: Während Schroeders Team in den Schulen die Beantwortung der Fragebögen selbst beaufsichtigte und zusätzlich Gespräche mit den Schülern führte, habe die Stiftung lediglich Fragebögen an die Schulen geschickt. Zudem wurden nur 500 Schüler befragt und nur Gymnasiasten, während Schroeder sowohl Gesamtschüler als auch Gymnasiasten befragte, und zwar insgesamt 2350.

Für die Verklärung der DDR sind aber offenbar nicht nur Eltern und Lehrer, sondern teilweise auch die Schulbuchverlage mitverantwortlich. Wie eine Untersuchung der Stiftung Warentest jetzt ergeben hat, blenden etliche Geschichtsbücher die Negativseiten der DDR aus. So bemängelten die Tester, dass die Probleme der sozialistische Planwirtschaft nicht benannt wurden. Auch die Doppelbelastung der Frau mit der verordneten Berufstätigkeit sei zu kurz gekommen. In einem Standardwerk für die Mittelstufe, das zurzeit in Gymnasien benutzt wird, sind gerade einmal 16 Seiten der DDR gewidmet.

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