Schüler und Internet : Das Gesetz fürs Netz

Wie Berliner Schüler über das richtige Verhalten im Internet aufgeklärt werden – und was dafür noch getan werden könnte.

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Wie und wann soll man Kindern den richtigen Umgang mit dem Internet beibringen?
Wie und wann soll man Kindern den richtigen Umgang mit dem Internet beibringen?Foto: Kitty Kleist-Heinrich

„Ich habe alle eure Einträge gelesen", sagt Lehrerin Sabine Rahn. Es wird still in der achten Klasse des Paulsen-Gymnasiums in Steglitz. Rahn spricht von Einträgen bei „Isharegossip“, der derzeit viel diskutierten Mobbingplattform im Netz. Fast alle ihrer 33 Schüler haben dort schon einmal einen Kommentar verfasst. Doch dass ihre Lehrerin dort mitliest und sie erfährt, wer wem angeblich „einen geblasen hat“ oder wer ein „hirnloser Wichser“ sein soll – daran haben sie nicht gedacht. Die meisten von ihnen sind bisher sorglos durchs Internet gesurft, haben Kommentare gepostet, Bilder hochgeladen und sie kommentiert.

Weil jedoch viele von ihnen von Recht und Gesetz im Netz keine Ahnung haben, hat ihre Lehrerin nun German von Blumenthal zu Besuch in ihre Klasse eingeladen. Er ist als ehrenamtlicher „Anwalt in der Schule“ unterwegs, um Schüler darüber zu informieren, welche Grenzen die Meinungsfreiheit im Netz hat. „Alles, was im Bad oder im Schlafzimmer passiert“, sagt von Blumenthal etwa, „gehört zur Intimsphäre. Die ist besonders geschützt.“

Das sachgerechte und altersgemäße Lernen mit Medien sieht der Rahmenlehrplan der Grund- und Oberschulen in Berlin und Brandenburg ausdrücklich vor. Doch gibt es in Berlin im Gegensatz zu Brandenburg keine Berater im Bereich Medienbildung. „Das heißt, die Lehrer sind selbst dafür verantwortlich, wie und ob sie Themen wie soziale Netzwerke, Cybermobbing, Urheberrechte, Datenschutz oder die richtige Quellenangabe im Unterricht thematisieren", sagt Michael Retzlaff, Referatsleiter für Medienbildung am Landesinstitut für Schule und Medien (Lisum) Berlin-Brandenburg. Zu unverbindlich, wie er findet.

Seit Jahren beschäftigt sich das Landesinstitut mit aktuellen Themen wie Cybermobbing. In diesem Jahr findet im Lisum die achte Sommerakademie für Eltern statt, in der auch das Thema „Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen – Chancen und Risiken“ bearbeitet wird. Zudem unterstützt das Landesinstitut Studien- und Projekttage oder den Aufbau von Netzwerken mit Polizei, Providern wie Schüler VZ und Elternmedienberatern „Auf dem Bildungsserver gibt es aktuelle Unterrichtsmaterialien mit praktischen Tipps und Hinweisen, von denen viele Lehrer nichts wissen“, so Retzlaff.

Derzeit bekomme das Lisum vermehrt Anfragen von Schulen, die um Hilfe bitten und sich in den nächsten Wochen mit dem Thema beschäftigen wollen. Dazu zählt beispielsweise die John-F.-Kennedy-Schule. Die Sekundarschule Gustav Heinemann hat für den 15. März einen Workshop-Tag für die Lehrer geplant. An der Privaten Kant-Schule in Steglitz sprachen Lehrer mit den Schülern, und am Humboldt-Gymnasium in Reinickendorf planen Schülervertreter einen Aufruf zum Boykott von „Isharegossip“. Zudem wird das Thema auf der Regionalkonferenz der Schulen in Steglitz und Zehlendorf besprochen.

Einen selbstverständlichen und kompetenten Umgang mit dem Netz, der Gefahren und Risiken aufgreift – das wünscht sich Retzlaff für den Unterricht. „Wenn es beispielsweise im Kunstunterricht um Digitalfotografie geht, dann kann gleich auch über Datenschutz und das Recht am eigenen Bild gesprochen werden.“ In Berlin sei der Bereich Medienbildung zwar kein einzelnes Fach, könne aber an viele Themen angedockt werden, sagt der Medienexperte.

Auch könnte gemeinsam mit den Schülern ein Regelwerk „Respekt im Netz“ entwickelt werden, das als verbindlich in der Schulordnung gelte. „Darin könnte das respektvolle Miteinander im Internet festgelegt und etwa verabredet werden, dass Hassplattformen wie ’Isharegossip’ nicht benutzt, sondern ignoriert werden“, sagt Retzlaff. Derartige Selbstverpflichtungen würden das Moralbewusstsein der Schüler befördern – und Schulen hätten bessere Handhabe, Verstöße zu ahnden.

Das Thema Mediennutzung sei eine gemeinsame Bildungs- und Erziehungsaufgabe von Schule und Elternhaus, sagt Retzlaff. Den Kindern müsse klargemacht werden, dass sie sich auch im Netz ab dem Alter von 14 Jahren strafbar machen können. Zugleich gebe es Möglichkeiten, sich zu wehren, Anzeige zu erstatten und Seitenbetreiber wie die von „Isharegossip“ aufzufordern, Kommentare zu löschen. Auch auf „Isharegossip“ zeigt sich, dass es Nutzer gibt, die sich über beleidigende Inhalte beschweren oder die versuchen, Inhalte zu löschen.

Die Gespräche in der achten Klasse am Paulsen Gymnasium haben Früchte getragen. Felix tut es heute leid, dass er ein Foto seiner Klassenkameradin Carolin auf „Isharegossip“ hochgeladen hat. „Ich wollte meine Freunde übertrumpfen“, sagt der Schüler. Mit Carolin hat er sich ausgesprochen. Ihr Foto ist nicht mehr im Netz zu finden, weil Felix es geschafft hat, es entfernen zu lassen. Gemeinsam mit der Schulleiterin berichtet er derzeit in verschiedenen Klassen von seiner Geschichte. Zudem verteilen die Schülervertreter Flugblätter, auf denen sie für ein Schulklima des gegenseitigen Vertrauens werben.

Von vielen Schülern ist mittlerweile zu hören, dass sie „Isharegossip“ „feige“ und „uncool“ finden. Eine Schülerin sagt: „Dass Herr von Blumenthal und unsere Lehrerin von Anzeigen und Strafen gesprochen haben, hat viele abgeschreckt. Nur noch die Allerdümmsten posten jetzt weiter."

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