Schulbau in Berlin : Rainer Schweppe: „Wenn alle mitspielen, ist das zu schaffen“

Er war Stadtschulrat in München und soll nun Berlins Schulbau modernisieren – und zwar schnell. Aus München bringt Rainer Schweppe das Konzept der Lernhäuser mit.

Rainer Schweppe, 62, leitet die neue Fach-AG Schulraumqualität. Davor war er Stadtschulrat in München.
Rainer Schweppe, 62, leitet die neue Fach-AG Schulraumqualität. Davor war er Stadtschulrat in München.Foto: Tamas Magyar

Herr Schweppe, Sie standen als Stadtschulrat in München vor wenigen Jahren vor ähnlichen Problemen wie Berlin: In kurzer Zeit mussten sehr viele Schulen gebaut und saniert werden. Wie haben Sie das Problem gelöst?

Zunächst mal haben wir eine ehrliche Bestandsaufnahme gemacht: Was muss gemacht werden, wie viele neue Schulen brauchen wir? Dazu haben wir uns ressortübergreifend zusammengesetzt. Das ist ganz wichtig, und das geschieht ja inzwischen auch in Berlin mit der Task Force zur Beschleunigung des Schulbaus. Wir hatten schon zuvor überlegt, wie Schulen aussehen müssten, damit sie den Anforderungen zeitgemäßer Pädagogik gerecht werden und das sogenannte Münchner Lernhauskonzept entwickelt. Der Stadtrat hat dessen Verbindlichkeit für alle neuen Schulen und die Großsanierungsmaßnahmen beschlossen.

Jetzt leiten Sie in Berlin für die Senatsbildungsverwaltung die Facharbeitsgruppe Schulraumqualität. Sind die Erfahrungen und Konzepte aus München auf die Situation hier übertragbar?

Wir werden uns sehr genau anschauen, was die Berliner wollen und brauchen, und was wir von bestehenden Modellen übernehmen können. Deshalb ist es auch gut, dass Eltern-, Lehrer- und Schülervertreter in die Gruppe eingebunden sind. Die Situation ist in Berlin aber schon ein bisschen anders als in München: Wir haben hier mit Bezirken und Senat zwei Ebenen, die sich abstimmen müssen.

In München, und davor schon in Herford, haben Sie für Schulbauten das Konzept der Lernhäuser entwickelt. Was verbirgt sich dahinter?

Dabei wird eine große Schule in kleinere Einheiten aufgeteilt. In einem Lernhaus sind mehrere Klassen mit Unterrichtsräumen und Differenzierungssräumen, einem kleinen Teamraum sowie einem Forum untergebracht. Eine vierzügige Grundschule könnte zum Beispiel aus vier Lernhäusern bestehen, in jedem wäre ein Zug von der ersten bis zur sechsten Klasse untergebracht. Außerdem gibt es an der Schule Fachräume, eine Sporthalle, eine Mensa und Außenanlagen, die sich alle teilen.

Was ist der Vorteil der Lernhäuser?

So wird die Unpersönlichkeit großer Schulen aufgelöst, und es entsteht eine besondere Verantwortungskultur. Ältere und jüngere Schüler lernen miteinander und voneinander. Es ist viel einfacher, offene Lernformen anzuwenden und binnendifferenziert zu unterrichten. Die Räume sind so gestaltet, dass sie flexibel verändert werden können – für Teilungsunterricht, Einzel- oder Gruppenarbeiten. Die Teamarbeit des pädagogischen Personals wird maßgeblich unterstützt.

Welche Rückmeldungen bekommen Sie aus den Schulen?

Sehr positive. Die Schulen, die mit dem Lernhauskonzept arbeiten, haben bis zu 50 Prozent weniger Sitzenbleiber, die Schüler schaffen bessere Abschlüsse. Es ist in diesen kleineren Einheiten einfacher darauf zu achten, dass kein Kind verloren geht. Die Anne-Frank-Realschule in München, die 2014 den Hauptpreis des Deutschen Schulpreises gewonnen hat, arbeitet organisatorisch mit Lernhäusern, weitere gute architektonische Beispiele in München gibt es im Grundschul- und Gymnasialbereich.

Berlin muss nicht nur viel neu bauen, sondern auch viel sanieren. Kann man ein solches Konzept wie die Lernhäuser auch in Altbauten realisieren?

Ja, das geht und das haben wir auch gemacht. Man kann auch in großen Gebäuden gestalterisch kleinere Einheiten schaffen.

Zurzeit werden an vielen Standorten in Berlin Schulen in Leichtbauweise errichtet oder mit modularen Ergänzungsbauten erweitert. Diese Bauten sollen teilweise über 50 Jahre lang stehen. Viele fürchten, dass die pädagogische Raumqualität dabei auf der Strecke bleibt.

Natürlich ist das eine große Frage. In Berlin muss extrem schnell gebaut werden. Das war und ist aber in München ähnlich, und auch da mussten wir teilweise Modulbauten einsetzten. Wenn diese länger stehen sollten, haben wir darauf geachtet, dass sie für das Lernhauskonzept passen. Nur wenn klar war, dass etwas nur wenige Jahre benötigt wird, haben wir auf schlichte Container zurückgegriffen.

Die Fach-AG Schulraumqualität hat am Freitag das erste Mal getagt. Schon im Januar 2017 sollen erste Ergebnisse vorliegen. Wie wollen Sie das schaffen?

Wenn alle mitspielen, ist das zu schaffen. Dann können wir schnell einen Ansatz entwickeln, den dann ausbauen und weiter anpassen. Als Erstes wollen wir nach München und Hamburg reisen und dort Schulen besuchen. Und wir schauen uns natürlich auch gelungene Beispiele in Berlin an.

Warum haben Sie in München aufgehört?

München war bis zur Kommunalwahl 2014 rot-grün regiert. Danach stellte die CSU die größte Stadtratsfraktion und sie kooperierte mit der SPD und dem SPD-Oberbürgermeister. Als eine Folge davon wurden die Spitzenpositionen im Rahmen eines Personalkarussells neu besetzt.

Das Gespräch führte Sylvia Vogt.

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