Schulbeginn : Fürchten und freuen

Ja, es wird ein anstrengendes Jahr. Schon wieder! Schon wieder prangt die Überschrift "Reform" über einem neuen Schuljahr. Und doch gibt es Gründe, sich auf den Schulbeginn zu freuen.

Susanne Vieth-Entus

Guten Morgen, Berlin! Die Ferien sind vorbei! Schluss mit dem Ausschlafen, Rumhängen, Shoppen, Spielen, Sandburgen bauen: Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt und zum Füller gegriffen. Heute werden die Schultaschen gepackt, am Montag geht es los.

Ist das schön oder schrecklich? Können wir uns auf das neue Schuljahr freuen, oder sollen wir uns doch eher fürchten? Für beides gibt es gute Gründe.

Fangen wir beim Fürchten an. Berlin rast auf die finale Bildungsreform zu. Zum letzten Mal sollen Haupt- und Realschulen neue Schüler aufnehmen, bevor sie zu Sekundarschulen verschmelzen. Keiner weiß, wie sich deren zum Teil schwierige Klientel anschließend aufteilen wird. Mancher bangt, ob es gelingt, die mühsam erarbeiteten Konzepte und Profile guter Hauptschulen in die neuen Sekundarschulen einzupflanzen. Eltern fragen sich, ob ihre Kinder erneut zu Versuchskaninchen werden, während sie doch gerade erst die Grundschulreformen mehr oder weniger beschadet überstanden haben. Andere fürchten die Presslufthämmer und den Staub, der entsteht, wenn in kurzer Zeit ein paar hundert Millionen Euro aus Konjunktur- und Sanierungsmitteln verbaut werden – bei laufendem Unterrichtsbetrieb.

Ja, es wird ein anstrengendes Jahr. Schon wieder! Schon wieder prangt die Überschrift „Reform“ über einem neuen Schuljahr. Und was haben Berlins Schulen in den acht Jahren seit dem Pisa- Schock nicht alles ertragen: Von der Früheinschulung bis zum Zentralabitur wurde zu jedem Mittel gegriffen, das die Wissenschaft empfahl. Einiges musste bereits zurückgenommen oder jedenfalls abgeschwächt werden, weil der Bogen überspannt worden war – etwa bei der Einschulung unreifer Kinder.

Und doch: Es führt kein Weg daran vorbei, den Reformprozess zu Ende zu führen. Alle bisherigen Versuche, Berlins Schulprobleme zu mildern, würden ein Torso bleiben ohne die Abschaffung der Hauptschulen und ohne ein Ganztagsangebot für die Schüler an den neuen Sekundarschulen. Das weiß die Wirtschaft, das weiß auch die grüne Opposition, die der rot-roten Regierung in seltener Eintracht Rückendeckung geben. Sie alle wollen, dass das Stigma „Hauptschule“ verschwindet, und dass man Schüler am Nachmittag fördert, damit Berlin seinen traurigen Spitzenreiterplatz bei der Quote der Schulabbrecher überwindet.

Allerdings muss man auch wissen, dass diese Reformen vorerst die letzten beiden großen Stellschrauben sind, an denen die Politik drehen kann. Alles Weitere muss dann von innen kommen, denn Geld für mehr Lehrer und kleinere Klassen wird es nach Stand der Dinge nicht geben.

Und warum kann man sich dennoch auf den Schulbeginn freuen? Zum Beispiel deshalb, weil die Sanierungsmillionen nicht nur Staub, sondern auch moderne Mensen und neue Fenster bringen; weil es tausende Lehrer gibt, die mit frischen Ideen und Methoden ins Schuljahr starten; weil die besten Direktoren der Stadt damit begonnen haben, den Schulleiternachwuchs zu beraten; weil wieder über 20 000 Erstklässler zur Schule kommen, die begeistert lernen wollen, und weil es immer wieder Eltern gibt, die sich für ihre Schulen stark machen.

Guten Morgen, Berlin! Jede Stadt hat die Schulen, die sie verdient. Jeder kann dazu beitragen, sie besser zu machen – nicht nur der Bildungssenator.

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