Schule : Bauchschmerzen vor der Zeugnisvergabe

Wird es in Deutsch noch eine Vier oder muss das Jahr wiederholt werden? Am Dienstag erhalten Berlins Schüler ihre Zeugnisse - viele von ihnen beschleicht ein mulmiges Gefühl.

Katharina Kühn

Ein paar Wochen vor den Zeugnissen geht es los: Dann müssen die letzten Arbeiten noch eine gute Endnote rausreißen. Die Tage vor den großen Ferien verbringen viele Schüler mit einem mulmigen Gefühl: Reicht die Englischnote oder muss das Jahr wiederholt werden? Wird es in Deutsch doch noch eine Vier? 6.350 Berliner Schüler mussten vergangenes Schuljahr eine Extrarunde einlegen – eine Gruppe, bei der keiner dabei sein möchte.

Bei dem Verein Nummer gegen Kummer, der ein Notruftelefon für Kinder und Jugendliche eingerichtet hat, rufen im Juni und Juli so einige Wackelkandidaten an. „Die Angst, in der Schule schlecht zu sein geht schon in der Grundschule los“, sagt Beate Friese vom dem gemeinnützigen Verein. Die jüngeren Schüler beklagen sich oft zuerst über Bauchschmerzen und Unlust, in die Schule zu gehen. Erst im Gespräch wird dann deutlich, dass die Klassenarbeit in den Sand gesetzt wurde, weil der Schüler keine Freunde findet oder sich in der Klasse nicht wohl fühlt. „Häufig wissen die Eltern nichts von der brenzligen Lage und fallen dann am Zeugnistag aus allen Wolken“, so Friese.

Aus Angst vor dem Donnerwetter Zuhause laufen am Zeugnistag einige Schüler um einen Häuserblock nach dem anderen. Einige fürchten sich, die kompletten Ferien über lernen zu müssen oder die Freunde nicht mehr sehen zu dürfen. „Wenn Eltern unüberlegt große Strafen verhängen, nehmen sie diese auch später nicht zurück, um ihre Autorität nicht infrage zu stellen.“ Friese empfiehlt Eltern, sich bewusst zu machen, dass die Ferien keine Belohnung, sondern eine nötige Pause seien, um neue Energie aufzubauen.

Erhöht sich der Druck durch Vergleichtests?

Klaus Seifried, Leiter des Schulpsychologischen Dienstes Tempelhof-Schöneberg, rät Eltern, ihre Kinder nicht zu bestrafen, wenn diese in der Schule nicht die erwünschten Noten bringen. „Zuerst sollten die Eltern nach den Ursachen suchen: Hat sich das Kind angestrengt und es nicht geschafft oder ist es unmotiviert?“ Hierbei helfen Gespräche mit dem Klassenlehrer. Eventuell bestehe die Möglichkeit einer Nachprüfung. In diesem Fall sei ein rechtzeitiges Arbeitsprogramm für die Ferien wichtig, so Seifried. „Die Kinder sollten nicht erst am letzten Tag anfangen, sonst ist der Druck zu hoch.“ Insgesamt würden Belohnungen und Anreize für gute Leistungen oft mehr helfen als Strafen.

Vergleichstests in Europa oder wie kürzlich in den Bundesländern kämen zwar bei den Telefonanrufen zur Sprache, seien jedoch nicht so wichtig, so die Erfahrung von Friese. „Manche Anrufer fühlen sich durch die Testinstitute ungerecht behandelt.“ Da nicht jeder bei einer solchen Erhebung mitmacht, fühlen sich die Berliner Schüler, als bekämen sie einen Stempel aufgedrückt, ohne für das Ergebnis verantwortlich zu sein. Durch die unterdurchschnittlichen Bewertungen der Hauptstadt in Bildungstests steigere bei einigen Schülern sogar der Druck. Wer schon in Berlin zur Schule gehe, der müsste erst recht gute Noten haben, so die Logik einiger Schüler.

Wechsel vom Gymnasium zur Realschule ist kein Weltuntergang

Besonders Schüler der Klassenstufen sieben bis zehn wenden sich häufig an die kostenlose Telefonberatung. Meistens stehen neben der Angst vor schlechten Noten auch Hilflosigkeit und das Gefühl, allein gelassen zu werden. Für Grundschüler ist die Versetzung auf eine Oberschule eine nervenaufreibende Angelegenheit. Wenn die Eltern ihren Sprössling lieber auf dem Gymnasium sehen möchten, sich dieser das jedoch nicht zutraut, fängt die Angst schon vor dem ersten Schultag an. In den Bezirken Pankow, Charlottenburg-Wilmersdorf und Steglitz-Zehlendorf bekam über die Hälfte der Grundschulabgänger eine Empfehlung für das Gymnasium. In Mitte, Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln schafft dies nur etwas mehr als jeder dritte Schüler. Denjenigen Schülern, die gehofft hatten, auf eine andere Schule zu kommen, rät Friese, die vorgeschlagene Schule erst einmal zu besuchen. „Und auch ein Wechsel vom Gymnasium zur Realschule ist kein Weltuntergang.“

Seifried bestätigt, dass der Leistungsdruck auf die Schüler steigt. „Früher konnte man mit dem Hauptschulabschluss Kfz-Mechaniker werden, heute braucht man dafür den Realschulabschluss.“ Andererseits würden Kinder in der Familie oft zu sehr von Verantwortung und Pflichten entlastet und kaum mit Regeln und Anforderungen konfrontiert. „Wer nicht die Verantwortung für sein Zimmer übernimmt, der tut sich auch schwer dabei, eigenständig die Vokabeln für die Englischarbeit zu lernen.“ Nur mit der Unterstützung der Eltern und durch eine gute Zusammenarbeit mit der Schule sei eine Verbesserung in der Schule möglich. Schließlich könne „die Schule nur teilweise das kompensieren, was die Familie nicht leistet.“

Mehr Anrufe vor den Zeugnissen verbucht der Verein Nummer gegen Kummer übrigens nicht – die 93 Leitungen für Kinder und Jugendliche sind montags bis samstags, von 14 bis 20 Uhr stets ausgelastet. Liebeskummer, Probleme mit den Eltern und Freunden haben die Kinder und Jugendlichen das ganze Jahr. Nur der prozentuale Anteil der Kinder, die mit Schulproblemen anrufen, steigt vor der Zeugnisvergabe.

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