Schule : Das "Turboabitur" - ein Irrweg?

Fastfoodbildung oder Vorbereitung auf den internationalen Arbeitsmarkt: Ein Pro und Contra zur verkürzten Schulzeit.

Fritz Reheis

Pro:


Sachsen-Anhalt hat bereits ab 2003 auf den achtjährigen gymnasialen Bildungsgang umgestellt und 2007 als erstes Bundesland geräuschlos und unspektakulär den ersten Jahrgang mit „Turboabitur“ entlassen. Dabei wurden die 265 Jahreswochenstunden, die dem Osten in den 90er Jahren von den alten Ländern für sein 12-jähriges Modell auferlegt worden waren, akribisch eingehalten.

In Sachsen und Thüringen gilt dies seit Jahren. Plötzlich soll nun diese Mindestvoraussetzung für die Anerkennung des ostdeutschen Abiturs keinem Schüler in den alten Ländern zugemutet werden können. Sind westdeutsche Jugendliche weniger belastbar als ostdeutsche?

Eher ist anzunehmen, dass hinter manchen Klagen über das „Turboabitur“ in Wirklichkeit Unzulänglichkeiten bei der Umsetzung und vielleicht auch der Selbstorganisation der Schüler stehen, die man jetzt bequem dem G-8-Modell anlasten kann. Ich sehe durchaus die Grenzen für die tägliche Beanspruchung der jungen Leute durch die Schule, aber sie stehen im Vergleich mit der dualen Berufsausbildung noch gut da. Eines zeigt die Diskussion deutlich: Die Lehrpläne bedürfen einer kritischen Revision, um durch Konzentration und Straffung mehr Zeit für das Verweilen, Wiederholen und Festigen zu gewinnen.

Außerdem sollten die Anlässe für die Schulzeitverkürzung nicht vergessen werden. Sie liegen im hohen Abschlussalter der Hochschulabsolventen und ihrer daraus resultierenden Benachteiligung auf dem internationalen Arbeitsmarkt, im Fachkräftemangel sowie in unserer überalternden Gesellschaft, die auf das kritische Mitgestaltungspotenzial der Jugend angewiesen ist. Mir ist ohnehin unklar, was 19- oder 20-jährige junge Leute in der Schule zu suchen haben. Sie können in diesem Alter heiraten, wählen, den Führerschein erwerben und längst Verantwortung in der Gesellschaft übernehmen.

Dass wir die Anerkennung des Abiturs an formale Vorgaben knüpfen, bleibt ein Makel. Sobald Bildungsstandards für die Oberstufe vorliegen, werden Stundenvorgaben obsolet. Wer aber jetzt eine Stundenabsenkung fordert, ruft nur die Finanzminister auf den Plan. Dann käme eine andere Diskussion auf – die Frage nach der Qualität des Abiturs in Deutschland.

In Sachsen-Anhalt ist unaufgeregt und sachlich an die Umstellung herangegangen worden. Zunächst wurde die gymnasiale Oberstufe von Grund auf umgestaltet. An die Stelle der Grund- und Leistungskurse, über die wesentliche Kompetenzen der Allgemeinen Hochschulreife einfach abwählbar waren, trat ein verbindliches Kernfächersystem. Seitdem erfolgt der Unterricht zur Hälfte im Klassenverband – die Belastung wird hier anders empfunden als bei der Vereinzelung der Schüler im herkömmlichen Kurssystem. So wurden das 13-jährige und das 12-jährige System sinnvoll zusammengeführt. Die Schulen konnten je nach ihren Voraussetzungen die parallelen Abiturjahrgänge in der Oberstufe jahrgangsübergreifend, jahrgangshomogen oder in wechselnden Gruppen führen.

Der Notendurchschnitt beim Doppelabitur 2007 wich mit 2,45 (13. Schuljahr 2,43 und 12. Schuljahr 2,47) nur marginal von den Ergebnissen der Vorjahre ab. In erster Linie spricht das für die Abiturienten, die dafür keineswegs ihre Freunde vernachlässigen oder Hobbys aufgeben mussten. Und für jammernde Eltern könnten sie ein Vorbild sein. Von Jan-Hendrik Olbertz

Jan-Hendrik Olbertz ist seit 2002 Kultusminister in Sachsen-Anhalt. Der parteilose Politiker war zuvor Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Halle-Wittenberg.

Contra:
Die Verkürzung des Wegs zum Abitur um ein Jahr hat die zerstörerische Kraft der Turboschule weiter erhöht. Die Turboschule versucht, mit hohem Druck Bildung in die Köpfe, Herzen und Hände der Kinder und Jugendlichen zu pressen, ohne Rücksicht auf Verluste.

Und die sind beträchtlich: Den Kindern wird kaum Zeit zum Üben, Verbinden und kritischen Nachfragen gelassen. Sie müssen ständig Fragen anderer beantworten, ihre eigenen Fragen interessieren fast nie. Hin und her gerissen zwischen Stress und Langeweile treibt diese Schule mit ihrer Fastfood- und Wegwerfkultur den Kindern ihre natürliche Neugierde aus. Fastfoodbildung deshalb, weil sie statt auf Anregung des Hungers nach Wissen auf schnelles Hinunterschlucken und schnelle Sättigung zielt. Und Wegwerfbildung, weil es ihr nicht um die Erschließung der Welt für den Menschen und des Menschen für die Welt, sondern um den Tausch von Wissen gegen Noten, Punkte, Berechtigungsscheine geht, und ein Großteil des Wissens nach seiner Einlösung umgehend entsorgt wird.

Die Turboschule bringt keine mündigen Bürger hervor, sondern willige Konsumenten und Arbeitnehmer. Bildung und Menschenwürde bleiben auf der Strecke. Mehr noch: Die Turboschule macht viele ihrer Opfer krank. Dazu zähle ich Lehrer wie Schüler. Bei den Lehrern gelten mittlerweile zwei von drei Pädagogen als gesundheitlich durch ihren Beruf belastet, immer mehr landen in Burn-out-Kliniken. Von den Schülern geben 95 Prozent zu Protokoll, sie hätten in der Schule kaum Gelegenheit, auf ihre Gefühle zu achten und sie auszudrücken. 70 Prozent der Schüler beklagen, auf ihre zeitlichen Bedürfnisse werde in der Schule kaum Rücksicht genommen. Und 20 Prozent der Schüler leiden körperlich unter Schulstress, etliche werden darüber hinaus depressiv oder aggressiv, einige wenige implodieren oder explodieren – bisweilen mit mörderischen Konsequenzen.

Wie der gegenwärtige Umgang mit Zeit dem Bildungsauftrag der Schule schadet, lässt sich besonders gut am Umgang mit Fehlern studieren. Was geschieht genau, wenn im Rahmen des in weiterführenden Schulen vorherrschenden Unterrichts, dem sogenannten „lehrerzentrierten Unterrichtsgespräch“, der Lehrer eine Frage stellt? In aller Regel melden sich ein paar Schüler. Wenn die Antwort des zuerst Aufgerufenen nicht richtig war, kommt der Nächste dran und so weiter. Dazwischen gibt der Lehrer bestenfalls ein paar Hilfestellungen. Oft beantwortet er seine Frage dann selbst. Es dauert ihm einfach zu lange. Wie aber werden die falschen Antworten genutzt? Wird überhaupt geprüft, warum eine Antwort in die Irre ging? Wo genau der Fehlschluss angesiedelt war oder welche Information falsch verstanden oder fehlerhaft gespeichert wurde? Dafür ist in der Regel keine Zeit. Die Fehler gehen in einem solchen Unterrichtsgespräch unter wie Schiffe im Bermudadreieck. Die Fehler lassen sich, sind sie einmal verschwunden, nicht mehr rekonstruieren. Eine solcher Unterricht nimmt den Schülern die Chance, im wahrsten Sinne des Wortes aus Fehlern zu lernen.

Im Übrigen sind Turboabitur und Turboschule nur Symptome unserer Turbogesellschaft. Es müsste also um die Entschleunigung der Schule gehen – und um Entschleunigung des Lebens insgesamt.

Fritz Reheis war von 1983 bis 2007 Gymnasiallehrer in Neustadt bei Coburg und lehrt heute Didaktik der Sozialkunde an der Universität Bamberg. Im September 2007 erschien sein Buch „Bildung contra Turboschule! Ein Plädoyer“ (Herder-Verlag, 14,90 Euro).

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