Schule : "Die Hauptschulen können nicht mehr warten"

Bildungssenator Jürgen Zöllner rechtfertigt die geplante Fusion mit den Realschulen und wirbt um Geduld für den langen Weg zu besseren "Pisa"-Ergebnissen.

Zöllner
Reformen ohne Ende. Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner will bis Jahresende die Weichen stellen. -Foto: Wolff

„Pisa-Papst“ Jürgen Baumert hat jüngst geäußert, es wäre seit dem Pisa-Schock 2001 zu schaffen gewesen, die Risikogruppe zu verkleinern, wenn die Kultusminister entschlossen genug reagiert hätten. Das ist aber offenbar nicht geschehen. Konnte man die jetzt Fünfzehnjährigen, die 2001 erst zehn Jahre alt waren, wirklich nicht mehr „retten“?



Seit dem Pisa-Schock ist enorm viel getan worden – auch gezielt für die sogenannten Risikogruppen der Abschlussgfährdeten und Schuldistanzierten. Das alles ist natürlich erst nach 2003 initiiert worden und konnte damit die Breitenwirkung noch nicht entfalten. Jeder weiß, dass tief reichende Reformprozesse in der Bildungspolitik nicht in kurzer Zeit deutlich messbare Wirkung zeigen.

Es gibt vor allem an den Hauptschulen die große Gruppe der Problemschüler. Was halten sie von der Absicht der Kultusministerkonferenz, die Bildungsstandards für Hauptschüler zu senken?

Es gibt eine Diskussion über die große Zahl der Hauptschüler bundesweit, die diese Standards nicht erreichen. Aber hier dürfen nicht Äpfel und Birnen verglichen werden: Die Berliner Hauptschule, die nur sieben Prozent eines Jahrgangs ausmacht, kann man nicht mit der Hauptschule in Bayern vergleichen, die fast jeder dritte Schüler dort besucht. Eine Standardabsenkung aber ist nie die Lösung für Leistungsprobleme. Deshalb habe ich ja für Berlin einen anderen Weg vorgeschlagen, nämlich die Fusion der Hauptschulen mit den Realschulen.

Können die potenziellen Hauptschüler künftig denn bessere Leistungen schaffen, wenn man sie von Anfang an mit den Realschülern mischt?

Ja und nein, denn das allein reicht nicht. Überdies ist die Fusion mit Realschulen ja auch nur der erste Schritt und nicht das Ziel. Wir wissen, dass eine Heterogenität eine bessere Anregungskultur schafft. Das beweisen uns Berliner Gesamtschulen und sicher auch bald Gemeinschaftsschulen. Fusion allein aber löst keine Probleme. Wir wollen vor allem auch pädagogische Verbesserungen erzielen. Dazu gehört, dass durch Ganztagsangebote und durch die Kooperation mit Betrieben eine andere Lernkultur und individuellere Lernformen ermöglicht werden: Die Schüler müssen in der Praxis erfahren, wofür sie zum Beispiel den Dreisatz benötigen. So werden sie leichter motiviert.

Sie bekommen zurzeit viele Fragen aus Realschulen zu hören. Eltern und Schulleiter wollen wissen: Warum werden jetzt die Realschulen mit den Hauptschulen verschmolzen werden und nicht erst die Gesamtschulen?

Das ist ein Abwägungsprozess. Ich meine, dass die Realschulen eine zusätzliche Perspektive bekommen.

Was für eine Perspektive ist das?

Ein Ganztagsangebot etwa. Das ist auch für Realschulen gut, denn auch sie haben eine sehr unterschiedlich zusammengesetzte Schülerklientel. Zudem würden auch sie von den Praxisangeboten profitieren. Sie wären dann mit solchen Angeboten, die man ihnen pädagogisch eröffnet, besser förderbar.

Aber die Realschulen wollen diese Hilfe gar nicht. Sie wollen so weitermachen wie bisher, weil es ihnen relativ gut geht.


Die Realschulen haben grundsätzlich dieselben Schwierigkeiten mit der Differenzierung im Unterricht wie andere Schulformen auch. Auch die Realschulen brauchen eine gewisse Größenordnung an Schülern, also mehrere Parallelklassen, um bestimmte Differenzierungen und Profilbildungen anbieten zu können. Deshalb täte es auch den Realschulen gut, größer zu werden. Das würde ihnen neue Spielräume eröffnen, ihre Angebote an die Schüler zu verbreitern.

Können die Schulen auf zusätzliche Lehrer hoffen?

Um auf die Probleme mit schwierigen Schülern zu reagieren, überlege ich jetzt, zusätzliche Lehrerstunden zu geben: So wie an den Grundschulen könnte man auch an den Oberschulen die Personalzuweisungen konsequenter abhängig machen vom Migrantenanteil und dem sozialen Faktor in den Klassen. Das wird sicher zur Sprache kommen, wenn wir über die Lehrerausstattung an den Integrierten Haupt- und Realschulen sprechen werden. Das ist ja nicht als Einsparprojekt gedacht.

Aber wer wird Ihnen jetzt noch mehr Lehrer geben?

Das ist nur eine Frage der Verteilung – genau wie an den Grundschulen.

Die Hauptschulen haben eine Lehrer-Schülerrelation von 1 zu 8, die Realschulen 1 zu 25. Hat man schon eine Idee, wie die Relation in der neuen Schulform sein wird?

Es wird einen Mittelwert geben. Im Übrigen braucht man natürlich zusätzliche Ressourcen für den Ganztagsbetrieb und für die Praxisausbildung. Das müssen keine Lehrer sein. Ich habe ein gutes Gewissen: Die Realschulen werden Gewinner sein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass verantwortungsvolle Lehrer sagen, dass schwierige Schülerklientel per se schlecht ist, wenn sie mehr Möglichkeiten bekommen. Denn gehe ich davon aus, dass sie genauso innerlich bejahend diese Herausforderung annehmen wie Hauptschullehrer das tun. Sie sind nicht überwiegend darauf aus, sich die Rosinen herauszupicken.

Die Bezirke schätzen, dass sie knapp 100 Millionen Euro für Umbauten brauchen, um die Voraussetzungen für den Ganztagsbetrieb und den Ausbau zu vierzügigen Schulen zu schaffen.

Wir sind jetzt dabei, aus den Eckpunkten einen konkreten Vorschlag zu erarbeiten. Unabhängig von der Schulstruktur ist mir klar, dass wir mehr in die Schulen investieren müssen. Zu den konkreten Summen kann ich heute noch nichts sagen. Das wollen wir ja gerade im Gespräch mit den Bezirken ermitteln. Mit dem konkreten Strukturvorschlag zum Ende des Jahres werden wir auch schätzen, was es kostet, diesen Vorschlag erfolgreich zu verwirklichen.

Wo ist denn aber nun den Unterschied zwischen der geplanten Integrierten Haupt-/Realschule und einer Gesamtschule ohne gymnasiale Oberstufe?

Die Gesamtschule hat den Anspruch, den gymnasialen Bereich mit abzudecken – auch wenn sie mit Klasse 10 endet. Abgesehen davon ist es natürlich so, dass die Integrierte Haupt-/Realschule nur ein erster Schritt sein kann. Sie würde dann im zweiten Schritt mit den Gesamtschulen zur neuen Regionalschule fusioniert. Man könnte diesen zweiten Schritt gleich mittun, aber das würde mehr Zeit in Anspruch nehmen. Die Hauptschulen können aber nicht mehr warten. Und wenn man diesen ersten Schritt vernünftig tut, dann ist er auch für die Realschulen ein Gewinn.

Warum will man jetzt diese komplizierte Verschmelzung angehen und nicht lieber die Hauptschulen auslaufen lassen? Dazu müsste man einfach ab 2009 keine neuen siebten Klassen aufnehmen.

Das ist ein Weg, den man gehen kann, den man ernsthaft erwägen kann. Das ist ein sehr überlegenswerter Vorschlag, der auch pragmatische Vorteile hat. Das würde bedeuten, dass man dann nicht alle jetzt bestehenden achten, neunten, zehnten Klassenstufen ab 2010 zusammenlegt, sondern erst mit den neuen siebten Klassen anfängt, die dann gemischt hochwachsen. Das wäre organisatorisch nicht so ein großer Aufwand und wäre deshalb vielleicht einfacher in der Umsetzung. Es befreit uns aber nicht von der Grundsatzentscheidung: Wie soll es danach aussehen?

Aber warum muss man denn 2009 überhaupt noch neue siebte Hauptschulklassen aufmachen? Die haben doch schon jetzt kaum Anmeldungen.

Das stimmt. Aber zeitlich geht das nicht anders: Denn es muss doch zunächst entschieden werden, welchen Weg wir gehen. Vorher laufen die Anmeldefristen.

Die Realschulen sagen, man soll die Hauptschulen nicht abschaffen, sondern das Geld, das jetzt die Fusion kostet, in die Hauptschulen stecken. Das wäre so viel Geld, dass man den Hauptschülern Paläste bauen könnte.

Ich glaube nicht, dass wir Paläste brauchen. Nein. Ich verstehe die Bedenken der Realschulen und wir müssen versuchen, ihre Möglichkeiten zu erweitern.

Es gilt aber nicht nur, die Realschulen zu überzeugen. Sie müssen ja auch die eigenen Genossen mit ins Boot holen, die eigentlich noch viel weiter gehen und auch die Gymnasien abschaffen wollen.

Ich bin der festen Überzeugung, dass mein Vorschlag eine breite Zustimmung findet. Denn die Schulen behalten ja die Entscheidungsfreiheit über die Art der Ausgestaltung, also auch ob sie Gemeinschaftsschule werden, und welche Fächer sie gemeinsam unterrichten.

Aber wie wollen sie es schaffen, dass die SPD-Linke ihren Traum von der einen Schule für alle begräbt?

Ich will keine Träume begraben. Aber Aufgabe von Politik und eines Senators ist es nicht nur, zu träumen. Er sollte träumen, aber im Handeln auf dem Boden der Tatsachen bleiben. Für die Zeitspanne, über die wir jetzt zu entscheiden haben, gibt es auch keinen anderen Vorschlag.

Dann ist ihr Vorschlag also mehrheitsfähig?


Darum bemühe ich mich.


Die Fragen stellte Susanne Vieth-Entus

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