Schule : Ein Abschluss für jeden Jugendlichen

In Deutschland verlassen fast acht Prozent der Schüler allgemeinbildende Schulen ohne Abschluss. Wie die Kultusminister die Zahl der Schulabbrecher in Deutschland senken wollen.

Uwe Schlicht

Die Länder der Europäischen Union haben sich in der Lissabonerklärung aus dem Jahr 2000 verpflichtet, die Zahl der Schulabgänger mit der niedrigsten Kompetenzstufe zu halbieren. Dieses Ziel soll bis zum Jahre 2010 erreicht werden. Jetzt hat sich die deutsche Kultusministerkonferenz dieses Planes angenommen und will am Donnerstag einen Handlungsrahmen beschließen.

Fast 20 Prozent brechen ihre Ausbildung ab

Die Zahlen sind in Deutschland in der Tat dramatisch: 7,9 Prozent der Schüler verlassen die allgemeinbildenden Schulen ohne Abschluss, und von den Auszubildenden lösen nahezu 20 Prozent vorzeitig und damit ohne Prüfung ihre Ausbildungsverträge auf. Um diese besorgniserregenden Zahlen zu verringern, empfehlen die Kultusminister eine enge Zusammenarbeit mit der Bundesagentur für Arbeit und der Wirtschaft sowie der Jugendhilfe. Mit der Wirtschaft plant man „strategische Partnerschaften“. In den Schulen soll bereits die Begegnung mit der Arbeitswelt verstärkt werden.

Dieses Ziel will man durch Ganztagsangebote erreichen, weil man die dann zur Verfügung stehende Zeit am Nachmittag auch für eine vertiefte Vorbereitung auf die Berufswelt nutzen möchte. Das Ganztagsschulprogramm, das die frühere Bundesbildungsministerin Bulmahn angestoßen hatte, soll bis 2009 fortgeführt werden. Gedacht ist an Partnerschaften zwischen Schulen und Betrieben. Die Betriebe sollen Praktikumsplätze bereitstellen, in die Unternehmen sollen ganze Unterrichtstage verlagert werden.

Besserer Anschluss an die Berufsausbildung für Hauptschüler

Die Bildungspolitiker wollen ab der fünften Klasse eine Berufswegeplanung zum durchgängigen Prinzip machen. Um Hauptschülern einen besseren Anschluss an die Berufsausbildung zu ermöglichen, soll bis zum November dieses Jahres ein System von Ausbildungsbausteinen in zwölf der wichtigsten Berufe geschaffen werden. Man verspricht sich davon eine Hilfe für Altbewerber, die sich bereits mehrfach vergeblich um einen Ausbildungsplatz beworben haben. Solche Ausbildungsbausteine könnten auch als Qualifikationen angerechnet werden, wenn sie in Berufsvorbereitungseinrichtungen der Bundesagentur für Arbeit im Berufsgrundbildungsjahr oder Berufsfachschulen erfolgt seien. Die Ausbildungsbausteine sollen in 25 „Pilotregionen“ erprobt werden.
Ob das ein erfolgversprechender Weg wird, kann man bezweifeln. Im letzten Bildungsbericht, der im Auftrag der Kultusministerkonferenz und der Bundeswissenschaftsministerin erstellt worden ist, wird darauf hingewiesen, dass sich etwa 44 Prozent der Jugendlichen, die eigentlich neu in die Berufsausbildung einsteigen wollen, in einem Übergangssystem aufhalten. 44 Prozent entsprechen einer halben Million junger Menschen. Der Bildungsbericht kommentiert: „Die Gefahr, dass hier wichtige Ressourcen von Jugendlichen und ein bedeutsames Arbeitskräftepotenzial für die Zukunft verspielt werden, ist nicht von der Hand zu weisen.“ Denn diese Maßnahmen werden von den Betrieben nicht in der Weise akzeptiert, dass sie die Ausbildungsbereitschaft erhöhen.

Entwicklung individueller Förderpläne

Für die Schulen sieht der Handlungsrahmen vor, dass von der fünften Klasse der Hauptschule an potenzielle Frühabbrecher eine besondere Förderung erhalten sollen. Gedacht ist vor allem an den Einsatz von Förderschullehrkräften. Sie sollen in der Lage sein, für jeden gefährdeten Schüler individuelle Förderpläne und Lernvereinbarungen zu entwickeln. Dazu wird eine frühzeitige und intensive Unterstützung der Lehrer bereits an den Grundschulen empfohlen, damit rechtzeitig einem Schulversagen vorgebeugt werden kann. Migranten, deren Kinder Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache haben, sollen in Intensivklassen für einen Seiteneinstieg vorbereitet werden.

Wie ernst ist es den Kultusministern mit diesem Programm? Wenn man in der Beschlussvorlage der Kultusministerkonferenz unter dem Stichwort „Kosten und Finanzierung“ die Angabe „keine“ liest, wird man skeptisch. Für eine intensive und individuelle Betreuung von Tausenden von Problemkindern und Jugendlichen benötigt man neues Personal. Und das kostet viel Geld. Ohne ausreichende Finanzierung könnte das Handlungsprogramm als bürokratische Ankündigung abgelegt werden. Wenn es allein dem Ziel dient, der EU zu beweisen, dass man zur Erreichung des Lissabonziels etwas getan hat, ist man zu kurz gesprungen.

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