Schule in Schöneberg : Schnupperstunden

Wie eine Kita und eine Schule in Schöneberg ihre Kinder auf den Schulanfang vorbereiten.

Susanna Nieder
Einschulung
Erwartungsfrohe Gesichter vor der Einschulung. -Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Petrus steht in seinem Fischerboot und wirft sein Netz aus: kein Glück! Erst als Jesus ihm rät, an das zu glauben, was er tut, zappeln plötzlich so viele Fische zu seinen Füßen, dass das Netz sogar reißt.

In Wirklichkeit heißt Petrus Marisol, und das Boot ist ein umgedrehter Tisch in einem Klassenzimmer in der Katholischen Schule St. Franziskus in Schöneberg. Im großen Kreis um Petrus und sein Fischerboot sitzen nicht nur die anderen 27 Kinder aus Marisols Klasse, in der Kinder der Jahrgangsstufen eins bis drei gemeinsam lernen (Jahrgangsübergreifendes Lernen, kurz: JüL). Auch sieben Vorschulkinder aus der benachbarten Kita St. Matthias sind heute dabei. Zum fünften Mal sind sie heute hier, es ist das Finale eines Projektes, das sie mit den großen Kindern erarbeitet haben.

In den letzten Wochen wurde die Geschichte von Jesus, Petrus und den Fischen vorgelesen, die Kinder haben darüber geredet, einen riesigen Wandbehang mit einem blauen See, Fischern, Booten, Netzen und vielen glitzernden Fischen gebastelt und für jeden einen bunten Fisch zum Umhängen. Das Kunstwerk ist am Schuleingang ausgestellt. Zum Abschluss versammeln sich dort die Vorschulkinder von St. Matthias und die Schüler aller JüL-Klassen von St. Franziskus – insgesamt knapp 100 Kinder. „Fifi-Fafa-Fisch!“, schmettern sie das von der Lehrerin Veronika Gog eigens geschriebene Lied.

„Schön war es bei den Großen!“, sagen Maria, Johannes und Isabel aus der Kita unter eifrigem Kopfnicken, und: „Ich freue mich schon auf die Schule!“ Das hören die Initiatoren des gemeinsamen Projektes natürlich gerne. „Der Schuleintritt kann für Kinder und ihre Eltern verunsichernd sein“, erklärt Kitaleiterin Judith Stückler. Die zwei Schulstunden Schnupperbesuch, die Kitakindern normalerweise angeboten werden, ändern daran wenig. Fünf Termine über eine Dauer von sieben Wochen geben den Kindern die Chance, warm zu werden. Nach und nach trauen sie sich, auch im Kreis mit den anderen etwas zu sagen, und erleben, wie unter ihrem Zutun ein gemeinsames Werk entsteht.

„Wir haben keine vorgefertigten Elemente benutzt, alles ist in freier Arbeit mit vielen unterschiedlichen Materialien entstanden“, betont Katie Okwuazu, eine der Erzieherinnen aus der Kita St. Matthias, die das Projekt begleitet haben. Sie und ihre Kollegin Julia Blarr waren immer in der Nähe und boten Schutz, wenn es einem Vorschulkind zu viel wurde. „Die Kinder haben sich jedes Mal sehr auf die Schule gefreut – und hinterher wieder auf die Kita“, lächelt Katie Okwuazu. Das Selbstvertrauen der Kinder ist bei diesem letzten Termin sichtlich gefestigt; die meisten bewegen sich schon ganz selbstverständlich durchs Schulhaus. Kein Wunder, dass das Interesse der Eltern an diesem Projekt groß ist. Zum dritten Mal wurde es jetzt durchgeführt.

Eine altersgemische Gruppe und handlungsorientiertes Lernen wie in den JüL-Klassen der St.-Franziskus-Schule sind für die Kitakinder von St. Matthias eine Fortsetzung der Form von Lernen, die sie schon aus der Kita kennen. Auch in den Alltag der Schulkinder gliedert sich das Projekt gut ein. „Klar sagen manche der Älteren, die Babys kommen, wenn uns die Vorschulkinder besuchen. Aber andere freuen sich“, sagt Veronika Gog, die eine der JüL-Klassen leitet.

In den JüL-Klassen ist das „Lernen von Kind zu Kind“ ein wichtiges Element: „Die größeren Schüler kennen Umgebung und Materialien und nehmen die Kleineren an die Hand. So hat die Lehrerin Zeit, sich um die individuellen Bedürfnisse Einzelner zu kümmern.“ Das erleichtert nicht nur die Eingewöhnungsphase im neuen Schuljahr, sondern schafft auch Voraussetzungen für ein gemeinsames Projekt mit Vorschulkindern, von dem alle etwas haben: Die Vorschulkinder, weil sie nun besser wissen, was nach den Sommerferien auf sie zukommt, deren Eltern, weil sie dem Schulanfang entspannter entgegensehen, die Erzieherinnen in der Kita, weil sie genauer wissen, wie sie die Vorschulkinder auf die Schule vorbereiten können. Und die Lehrerinnen und Kinder in der Schule, weil sie demnächst einige neue Mitschüler bekommen werden, die schon vor dem Schuleintritt erfahren haben: Wer an das glaubt, was er tut, fängt viele Fische.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben