Schule : Schwerarbeiter Lehrer

Früher galten sie als Respektspersonen. Altkanzler Schröder nannte sie „faule Säcke“. Die Realität sieht anders aus. An den Schulen wird Schwerstarbeit geleistet. Montag geht’s wieder los.

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Ein Bild von einem Lehrer: Der brave Lehrer Lämpel aus Wilhelm Buschs „Max und Moritz“. Fotos: mauritius, picture-alliance, Promo, Mike Wolff
Ein Bild von einem Lehrer: Der brave Lehrer Lämpel aus Wilhelm Buschs „Max und Moritz“. Fotos: mauritius, picture-alliance, Promo,...Foto: mauritius images / imagebroker

WIE DENKT DIE DEUTSCHE ÖFFENTLICHKEIT ÜBER DIE LEHRER?

Wir wissen, was Gerhard Schröder dachte, als er 1995 Lehrer als „faule Säcke“ bezeichnete – allerdings liegt die Vermutung nahe, dass die im Gespräch mit Schülerzeitungsredakteuren formulierte Sottise eher scherzhaft sarkastisch gemeint war. Generell hat sich das Bild des Lehrers in der deutschen Öffentlichkeit immer wieder gewandelt. Von der unumstrittenen Respektsperson mit einem Status ähnlich dem der Ärzte oder Professoren ging es in den sechziger Jahren bergab – der Lehrer wurde verbreitet als akademischer Dünnbrettbohrer und Freizeitsportler mit leichter Lehrverpflichtung angesehen, der sich in den reichlich verfügbaren Ferien auf einen komfortablen Ruhestand vorbereitete. Etwa seit Beginn der neunziger Jahre scheint sich aber herumzusprechen, dass die Situation an den meisten deutschen Schulen hohe Belastungen mit sich bringt. Lehrer gelten heute als oft überfordert und werden ähnlich wie Polizisten schulterklopfend für ihren Einsatz gewürdigt: „Toll, ich würde das nicht machen wollen.“

Nach einer Allensbach- Studie von 2009 meinen 68 Prozent der Deutschen und 75 Prozent der deutschen Eltern, viele Pädagogen seien mit ihren Klassen überfordert. Allerdings räumt ein ähnlich großer Anteil der Befragten ein, dass das auch an Versäumnissen der Eltern liege. Und die Eltern geben den Lehrern, die sie selbst persönlich kennen, viel bessere Noten. Vermutlich gibt es auch heute unter den Pädagogen immer noch einige der von Schröder verspotteten Freizeitkönige – doch sie sind auch unter ihren Kollegen nicht besser angesehen als ähnliche Privilegienjongleure in anderen Berufen.

WIE IST DIESER WANDEL ZU ERKLÄREN?

Darüber gibt es viele Theorien, aber wenig gesichertes Wissen. Fest steht nur, dass sich das Verhalten der Schüler wie ihrer Eltern im Vergleich zur Nachkriegszeit gravierend verändert hat. Konservative Erklärungsversuche laufen oft darauf hinaus, dass die 68er-Generation mit ihrer ideologisch motivierten Offensive Respekt, Leistungswille und Verhaltensstandards vernichtet habe. Auf der ideologischen Gegenseite wird eher die Zerstörung von Lebensperspektiven durch Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit genannt, die sich angeblich in zwei Effekten niederschlägt: Einerseits demotiviere sie die Schüler, andererseits zerrütte sie die sozialen Standards in den Familien, die deshalb ihrem Erziehungsauftrag nicht mehr gerecht werden könnten. Beide Lager befehden sich im Dauerstreit um Gymnasium und Gesamtschule, jenen Schulformen, in denen je nach Blickwinkel das Heilmittel gesehen wird; der gerade in Hamburg ausgefochtene Streit um die vier- oder sechsjährige Grundschule ist eine Teil dieser Debatte. Kulturkritiker aller Lager sehen das Übel in der Ausbreitung von Fernsehen, Internet und Videospielen, die angeblich Konzentration, Hemmschwellen und angemessene Realitätswahrnehmung zerstören. Unbestritten ist allerdings, dass vor allem in den Ballungsgebieten wie Berlin immer mehr Kinder aus Einwandererfamilien dem Unterricht sprachlich nicht folgen können, was entsprechende Folgen für Unterrichtsniveau und Disziplin hat.

WAS NERVT DIE LEHRER AM MEISTEN?

Es ist das Gefühl, vor einem immer größeren Berg von Aufgaben zu stehen, für die sie nicht ausgebildet wurden, und dabei sowohl von der Kultusbürokratie als auch von den Eltern alleingelassen zu werden. Statt den Schülern den Lernstoff beizubringen, sind sie zunehmend als Ersatz-Sozialarbeiter gefordert, müssen zeitraubende Kontakte zu Behörden wie der Polizei und dem Jugendamt halten, die die Lehrer früherer Generationen nur vom Hörensagen kannten. Von ihnen wird souveräner Umgang mit Computern und neuen Medien verlangt, aber niemand stellt Spezialisten für die Systemwartung und Administration dieser Geräte ein; allenfalls gering qualifizierte Kräfte aus der Hartz-IV-Reserve werden hilfsweise eingesetzt und, wenn sie sich gerade eingearbeitet haben, schon wieder entlassen.

Viele Lehrer sind sogar als unbezahlte Putzkräfte tätig, weil die dafür einst fest angestellten Mitarbeiter längst durch billige private Reinigungsfirmen ersetzt wurden, die völlig unzureichende Arbeit leisten, aber faktisch von niemandem kontrolliert werden. Schulleiter und ihre Stellvertreter übernehmen zudem immer mehr völlig fachfremde Aufgaben, weil sie beispielsweise eigene Budgets managen oder Neu- und Umbauten überwachen müssen, ohne dafür auch nur ansatzweise ausgebildet zu sein. Schließlich hat sich der Eindruck verfestigt, dass die Schulbürokratie angesichts der Pisa-Katastrophen ihr Heil im hektischen Reformieren und Erfinden von Schulmodellen sucht, die nichts kosten dürfen und deshalb nur den Arbeitsdruck verschärfen. Später werden diese Modelle dann gern per Dekret zum Erfolg erklärt, weil eine sachgerechte Kontrolle zu teuer und ein Rückzieher politisch unerwünscht wäre.

WAS DENKEN DIE LEHRER ÜBER SICH SELBST?

Sie klagen vor allem immer wieder über die kollektive Vergreisung der deutschen Lehrerkollegien. Da lange Zeit kaum noch Einstellungen vorgenommen wurden und das Interesse am Lehramtsstudium über Jahrzehnte kontinuierlich abgenommen hat, ist das Durchschnittsalter in den Lehrerzimmern permanent gestiegen. Das bedeutet oberflächlich, dass immer mehr Stunden krankheitsbedingt ausfallen, wirkt aber tiefer. Denn die Lebenswelten von Schülern und Lehrern driften immer weiter auseinander, und das macht den Unterricht nicht besser. Vor allem Grundschullehrer – in der Mehrzahl Frauen – klagen, dass sie den Kindern körperlich nicht mehr folgen können, was für die bewegungsbetonten Unterrichtsfächer ein massiver Nachteil ist. Und die Abwesenheit junger Lehrer bedeutet, dass neue methodische und didaktische Ansätze ebenso wie aktuelle fachliche Neuerungen an den Schulen kaum präsent sind, denn eine systematische Weiterbildung findet praktisch nicht mehr statt – sie ist weitgehend ins Belieben der Lehrkräfte gestellt und muss auch von ihnen bezahlt werden.

WIE IST IHRE MATERIELLE LAGE?

Deutsche Lehrer gehören im internationalen Vergleich mit ihrem Einkommen immer noch zur Spitzengruppe – zumal der Beamtenstatus ihnen einen wichtigen, wenn auch schlecht quantifizierbaren Vorteil bringt. Allerdings haben sie in den vergangenen Jahrzehnten eine Reihe von wichtigen Gehaltsbestandteilen wie Weihnachts- und Urlaubsgeld verloren, und die Gehälter in akademischen Berufen der freien Wirtschaft liegen sowohl im Einstiegsbereich als auch im weiteren Berufsleben längst weit höher. Zudem gelten die Aufstiegschancen zumal im Grundschulbereich als schlecht bis inexistent. Eine föderalistische Spezialität ist es schließlich, dass reichere und/oder verantwortungsbewusstere Bundesländer ihre Lehrer materiell besser ausstatten, während andere – zum Beispiel Berlin – junge Lehrer nicht einmal mehr verbeamten und damit gerade den besonders qualifizierten Nachwuchs faktisch vertreiben. Das wiederum verschärft die kollektive Vergreisung. Ein anderer Aspekt ist die Pflichtstundenzahl, die in Deutschland eher geringer ausfällt als in vergleichbaren Ländern. Allerdings ist auch diese Zahl nur ein Anhaltspunkt. Sie sagt nichts darüber aus, ob der Lehrer noch andere fachfremde Aufgaben zu erfüllen hat, die in besser organisierten Ländern beispielsweise von Sozialarbeitern oder Erziehern übernommen werden.

WIE KÖNNTE DER BERUF WIEDER ATTRAKTIVER WERDEN?

Durch Geld, natürlich. Damit müssten Maßnahmen finanziert werden, die sicherstellen, dass alle Kinder bei Schulbeginn richtig Deutsch sprechen und verstehen und damit zumindest eine realistische Aussicht auf Erfolg haben. Ein weiterer Schritt wäre die Rückkehr zu einem klar definierten Lehrerstudium mit didaktischem Schwerpunkt; gegenwärtig wissen die Kultusminister nicht einmal genau, wie viele der deutschen Bachelor- Studenten überhaupt an die Schulen streben. Bis 2015 werden rund 250 000 Lehrer aus dem Schuldienst altersbedingt ausscheiden – für die Schließung dieser Lücke muss auch ein finanzpolitisches Konzept her.

Weniger notwendig erscheinen dagegen immer weitere Reformen. Ob ein Land mehr Gymnasien oder Gesamtschulen hat, ist für das Bildungsniveau weniger entscheidend als das Tempo, in dem immer neue Reformversuche Unruhe in diese Schulen bringen. Denn der internationale Vergleich zeigt auch, dass diese Schulen immer noch relativ gut funktionieren, wenn man ihnen den nötigen Freiraum lässt. Motivierte und gut ausgebildete Lehrer allerdings sind für jedes Unterrichtsmodell notwendig.

Statistik

Die aktuellsten Zahlen hat das Statistische Bundesamt für 2008. Vor zwei Jahren gab es in Deutschland insgesamt 56 958 Lehrer in den verschiedensten allgemeinbildenden Schulen. 1992 waren es noch 37 625. Interessant ist, dass es 2008 mehr Lehrer an Waldorfschulen gab als an Grundschulen: 6178 Lehrer unterrichteten an freien Walddorfschulen, in den deutschen Grundschulen waren es dagegen nur 5305. An Gymnasien gab es 19 133 Lehrer. In diesen Zahlen sind Voll- und Teilzeitkräfte zusammengefasst. Trennt man diese Bereiche, sieht man, dass 2008 an Grundschulen mehr Teilzeitkräfte (2744) als Vollzeitlehrer (2561) beschäftigt

waren.

Interessant ist auch ein Blick auf die Geschlechterverteilung. Sie belegt, wie die Frauen in Grundschulen dominieren. Von den 5305 Grundschullehrern im Jahr 2008 waren 4372 Frauen. An Gymnasien ist es ausgeglichener: 10 020 der 19 133 Lehrkräfte waren weiblich.

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