Schule : Von Pisa gelernt

In der Rangliste der Schulreformer liegen Berlin und Nordrhein-Westfalen vorn. Über Berlin, das in den Pisa-Tests blamabel abgeschnitten hatte, heißt es nun, der Stadtstaat habe "seine Hausaufgaben vorbildlich erledigt“.

Uwe Schlicht

Wird Pisa auf den Kopf gestellt? Bisher war Deutschland bei den vergleichenden Schultests unter den führenden Industrienationen nur Durchschnitt. Einzelne deutsche Länder wie Bayern, Sachsen und Baden-Württemberg schneiden jedoch überdurchschnittlich ab. Nun bescheinigt eine Studie, die die Initiative Neue soziale Marktwirtschaft und das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) am Dienstag in Berlin präsentiert haben, diesen Ländern nur durchschnittliche Leistungen bei den Schulreformen. Dagegen schneiden Nordrhein-Westfalen, Berlin, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Hessen gut ab – genau die Länder, die bei Pisa wenig erfolgreich waren.

„Der Reformdruck auf die Länder, die bei Pisa schlecht abgeschnitten hatten, war enorm“, sagt IW-Forscher Helmut Klein. Hier habe die Politik Druck auf Veränderungen gemacht. Baden-Württemberg und Bayern dagegen mit ihrem funktionierenden Schulsystem hätten nach dem guten Abschneiden in den Pisa-Tests „einen geringeren Reformdruck“ gehabt.

Bei dem Ländervergleich geht es um die Frage, ob Schulgesetze die notwendigen Bildungsreformen fördern. Dazu gehören Sprachtests vor der Einschulung, die Verringerung der Zahl der Sitzenbleiber, Konzepte zur individuellen Förderung im Unterricht, Zeit- und Betreuungsaufwand für die Bildung und damit der Ausbau von gebundenen Ganztagsschulen. Ganz wichtig ist es, ob sich die Schule ein pädagogisches Profil gibt, sich danach ihr Personal aussuchen kann und ob sie das Profil durch Vergleichsarbeiten, Visitationen von Schulinspektoren auch nachweisen muss. Den Initiatoren der Studie schweben als Vorbilder Schweden und Großbritannien vor. In beiden Ländern werden die Leistungen der Schulen mit Punkten bewertet und die Leistungsvergleiche anschließend ins Internet gestellt, wo sie die Eltern zur Kenntnis nehmen können.

Worum es geht, machen einige Beispiele deutlich: An dem so erfolgreichen Pisa-Land Bayern wird kritisiert, dass die dortigen Schulleiter das Lehrpersonal nicht selbst aussuchen dürfen, sondern vom Staat zugewiesen bekommen. Bayern verpflichte die Schulen nicht, ein eigenes Schulprogramm zu entwickeln und an diesem Maßstab die pädagogische Praxis zu überprüfen. Auch die Förderung von Lernschwachen habe in Bayern nicht den Stellenwert wie in anderen Ländern. Von Baden-Württemberg wird ein Mentalitätswandel gefordert, um lernschwache Schüler besser zu fördern. Erstaunlich sei, dass Baden-Württemberg bei der Schulautonomie zurückgeblieben sei. Modellvorhaben für mehr Eigenständigkeit gebe es ausschließlich an beruflichen Schulen, nicht aber an Haupt- und Realschulen oder Gymnasien.

Über Berlin, das in den Pisa-Tests blamabel abgeschnitten hatte, heißt es dagegen, der Stadtstaat habe „seine Hausaufgaben vorbildlich erledigt“. Die Vorgaben für die Vermeidung von Sitzenbleiben, eine frühe und flexible Einschulung sowie die Verkürzung der Gymnasialzeit stimmten. Auch die Instrumente zur Qualitätssicherung seien wirksam: Vergleichsarbeiten seien ebenso obligatorisch wie zentrale Abschlussprüfungen. Vor der Einschulung gebe es eine Sprachstandsdiagnose. Die Schulen seien verpflichtet, sich ein pädagogisches Programm zu geben. Aber noch seien nicht alle Entscheidungskompetenzen in den Fragen der Budgets, der Personalentwicklung und der Lehrereinstellung konsequent auf die Schulleitung übertragen worden.

Nordrhein-Westfalen erhält fast durchweg Spitzennoten: Besonders die konsequente Umwandlung von Hauptschulen in Ganztagsschulen wird gelobt. Auch die Einstellung von über 4000 zusätzlichen Lehrern über den Grundbedarf hinaus wird positiv hervorgehoben, weil sie die Chancen für die individuelle Förderung lernschwacher wie auch besonders begabter Schüler biete. Gelobt wird, dass sich die Schulen in Nordrhein-Westfalen künftig dem Urteil einer Schulinspektion stellen müssen. Der Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Andreas Meyer-Lauber, kritisierte, dass die Studie „ nur die Ankündigungspolitik der Landesregierung und nicht die wirkliche Entwicklung in den Schulen zum Maßstab der Bewertung gemacht hat“.

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