Schulessen in Berlin : Appetit mangelhaft

Trotz langer Tage essen nur wenige Jugendliche in den schuleigenen Mensen warm zu Mittag. Eltern und Lehrer machen mangelnde Qualität und hohe Preise verantwortlich.

An die Teller. An der Weddinger Ernst-Schering-Schule, einer Ganztagsschule, kostet ein warmes Essen 2,30 Euro. Für viele zu teuer, sagen Lehrer und Eltern.
An die Teller. An der Weddinger Ernst-Schering-Schule, einer Ganztagsschule, kostet ein warmes Essen 2,30 Euro. Für viele zu...Foto: David von Becker

Die Jugendlichen der Weddinger Ernst-Schering-Schule, die seit 2006 im Ganztagsbetrieb läuft, mögen ihre Mensa. Im Essensraum stehen Blumen auf den Tischen, an den Wänden hängen Bilder. Ein Problem sind allerdings die warmen Mahlzeiten: „Jeden Tag werden nur sehr wenige Portionen verkauft“, sagt die Lehrerin Claudia Falk. Vor allem, weil sich viele Schüler das nicht leisten können, sagt Falk – ein warmes Essen in der Mensa kostet 2,30 Euro. „Da greifen die Jugendlichen eher zu einem Börek oder einer türkischen Pizza – die sind viel günstiger.“

Warmes Mittagessen wird nicht nur an der Schering-Schule kaum nachgefragt. Und je älter die Schüler werden, desto seltener essen sie warm – das zeigt eine Befragung, die die Vernetzungsstelle Schulverpflegung Berlin und die AOK 2009 veröffentlichten. Während bis zur vierten Klasse rund 71 Prozent der Kinder in der Schule ein warmes Mittagessen einnehmen, sind es in der fünften und sechsten Klasse nur noch 23 Prozent. An den Gymnasien sind es nur zwölf, an Real- und Hauptschulen liegen die Zahlen bei vier und fünf Prozent. Eine Erklärung dafür ist, dass die Subventionen der Senatsverwaltung auf die ersten vier Grundschuljahre beschränkt sind (siehe Kasten).

Ein weiterer Grund, warum die Jugendlichen in den Schulen nichts essen, sind der Befragung zufolge neben „anderen Verpflegungsangeboten in der Umgebung“ auch geschmackliche Defizite. Dabei sind in Berlin schon früh Kriterien für gutes Schulessen festgelegt worden – zum Beispiel die Verwendung von saisonalem Obst und Gemüse, der Verzicht auf Konservierungsstoffe und ein Mindestanteil an Ökoprodukten (siehe Kasten). „Die Ergebnisse unserer Befragung deuten allerdings darauf hin, dass das Essen auf den Tellern nicht immer der vereinbarten Qualität entspricht“, sagt Michael Jäger von der Vernetzungsstelle Schulverpflegung, einem Verein, der Schulen in Sachen Essensqualität berät. Ob die vertraglich vereinbarten Leistungen eingehalten werden, müsse sowohl von den Schulträgern kontrolliert als auch von den Schulen vor Ort beobachtet werden.

Gutes Essen für Berliner Schüler

Dabei sind warme Mahlzeiten wichtig, um die Schüler fit zu halten. Eingenommen werden sollten sie während einer Mittagspause, die mindestens 60 Minuten dauert – damit keine Hektik aufkommt. Denn Berliner Kinder und Jugendliche verbringen immer mehr Zeit in der Schule, und ihre Arbeitstage sind mittlerweile häufig länger als die von vielen Erwachsenen. In den vergangenen Jahren wurden unter anderem mithilfe des Konjunkturpakets Millionen Euro verbaut, damit die Schüler sich in Mensen für den Rest des Tages stärken können. Laut Bildungsverwaltung haben 92 Prozent der Berliner Sekundarschulen ein Mittagessensangebot. An fünf Prozent der Schulen gebe es noch provisorische Mensen, in den restlichen drei Prozent sei noch kein Angebot vorhanden.

Die Verträge zur Essensversorgung der Kinder an Grundschulen werden von den Bezirksämtern mit den Caterern geschlossen. Und auch im Falle der weiterführenden Schulen werden Pacht- und Mietverträge zwischen Bezirksämtern und Anbietern geschlossen. Um die vorzeitige Entlassung aus seinen Verträgen hat vor einigen Monaten allerdings der Caterer „Greens“ gebeten, weil er mit dem warmen Essen nichts verdienen konnte. „Greens“ hatte neben dem Charlottenburger Berggruen-Gymnasium auch das Goethe- und das Hildegard-Wegscheider- Gymnasium mit Essen beliefert und dort täglich zwei warme Gerichte mit einem Bioanteil von 30 Prozent angeboten. Die Kosten für das Essen: 2,70 Euro.

„Das warme Essen hat sich an den Schulen nicht durchgesetzt“, sagt jedoch „Greens“-Geschäftsführer Manfred Liemann. Die Kultur des warmen Essens werde an den Schulen nicht gelebt – laut AOK-Studie essen auch nur rund 20 Prozent der Lehrer in der Mensa. Liemann hat schon durch kostenlose Probeessen versucht, den Schülern das warme Mittagsangebot schmackhaft zu machen – genützt hat es nichts.

„Ich denke nicht, dass das Essen schlecht war“, sagt eine Mutter, die mehrfach an den Probeessen teilgenommen hat. „Ich glaube einfach, dass ältere Schüler nicht so gerne in der Schule warm essen.“ Sie denke deshalb, dass die Caterer Zusatzangebote zur Mahlzeit machen müssen: „Zum Beispiel belegte Brote oder Quiches“. So etwas äßen schließlich auch viele Erwachsene in der Pause.

Diese Meinung teilt auch Ernährungsprofi Michael Jäger: „Ich halte insbesondere an weiterführenden Schulen Angebote für wichtig, die stärker an den Bedürfnissen von Jugendlichen ausgerichtet sind.“ Pubertierende könnten etwa mit einem flexibleren Angebot bei der Auswahl und Bezahlung vom warmen Essen überzeugt werden. Einen Schritt in diese Richtung macht seit einigen Wochen das Pankower Rosa-Luxemburg-Gymnasium, an dem sich die Schüler ihre Beilagen an einem Buffet aussuchen können. „Seitdem ist die Zahl der Mittagessen im Vergleich zum Vorjahr um rund 100 Schüler gestiegen“, sagt Schulleiter Ralf Treptow.

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