Schulferien : Urlaub zu Hause

Für viele Berliner Schüler, deren Familien gerade erst eingewandert sind, geht es in den Sommerferien in die alte Heimat.

von
Mishel (zu sehen in der Mitte, im schwarzen T-Shirt), im Mai in Valkosel – umgeben von ihren Berliner Mitschülern und Klassenlehrerin Ruth Winkler-Ristau (unten rechts).
Mishel (zu sehen in der Mitte, im schwarzen T-Shirt), im Mai in Valkosel – umgeben von ihren Berliner Mitschülern und...Foto: privat

Es sind Sommerferien und Mishel sieht endlich ihre bulgarischen Freunde wieder. Die 15-Jährige von der Heinrich-von-Stephan-Schule in Moabit lebt seit Juli 2012 in Berlin. Wie viele Berliner Schüler, deren Familien noch relativ neu in der Stadt sind, fährt sie jeden Sommer in ihre alte Heimat. Die gesamten Ferien verbringt sie in Valkosel, einem 2500-Einwohner-Dorf nahe der bulgarisch-griechischen Grenze. Sie freue sich sehr, sagt Mishel. Auch wenn ihre Freunde fast immer beschäftigt und sehr müde von der Arbeit sind.

Bis zu 16 Stunden arbeiten ihre ehemaligen Mitschüler in den Sommerferien auf dem Feld. Sie sind alle so alt wie Mishel und gehen wie sie noch zur Schule. In den Ferien pflücken sie Tabak, dann trocknen sie die Blätter. Manchmal hilft Mishel ihnen. Wenn sie Freizeit haben, dann machen sie gerne Ausflüge in die Natur. Vergangene Woche sind sie im Nationalpark Rila an Bergseen vorbeispaziert. Diese Woche hat Mishel ein Treffen mit ihrer Cousine geplant. „Wir haben uns schon richtig lange nicht gesehen.“

Die Natur, ihr Dorf, das Pferd, das die Familie als Nutztier hält – das alles hat Mishel im Mai auch ihren Berliner Mitschülern gezeigt. Im Rahmen einer „Woche der Herausforderungen“ besuchte sie mit neun Mitschülern, mit ihrer Klassenlehrerin und einem Sportlehrer Valkosel. Bei diesem Projekt überlegen sich Schüler selbst Ziele für Klassenfahrten und organisieren die Reise. Auf Valkosel war die Klasse gekommen, als Mishel einer Mitschülerin vom Pferd der Familie in ihrem alten Dorf erzählte.

Neben Wanderungen und einem Ausflug nach Plovdiv, der zweitgrößten Stadt Bulgariens, besuchte die Berliner Gruppe zwei Tage lang den Unterricht an Mishels alter Schule. Zur Begrüßung bekamen sie Blumen. „Meine Mitschüler aus Berlin haben sich wie Superstars gefühlt“, sagt Mishel. Alle wollten ein Foto mit jedem Einzelnen aus der Reisegruppe haben.

„Über Mishel haben die Schüler Brücken gebaut“, sagt Klassenlehrerin Ruth Winkler-Ristau. Die gemeinsame Sprache war Englisch, was für alle eine gewisse Überwindung war. Doch bald seien ihre Schüler mit Wörterbuch neben dem Handy gesessen, um sich über das soziale Netzwerk Facebook Nachrichten auf Englisch zu schreiben. Auch Fußball und Sportwettkämpfe hätten die Schüler zusammengebracht. Insgesamt besuchen an Mishels alter Schule 420 Schüler jahrgangsübergreifend von der ersten bis zur zwölften Klasse gemeinsam den Unterricht. Der Umgangston sei dort förmlicher und autoritärer, meint Winkler-Ristau. Zur Begrüßung stehen alle Schüler auf. Dafür liegen, anders als in Berlin, die Handys der Schüler auf den Tischen.

Winkler-Ristau war beeindruckt von der Gastfreundschaft: Die Gruppe wurde ständig zum Essen eingeladen. Geschlafen hat die ganze Schülergruppe samt Lehrern im Haus von Mishels Großmutter. Das Monatseinkommen liegt bei 200 bis 300 Euro. Viele Familien sind Selbstversorger. Am Ende half die Familie mitten in der Nacht beim Rücktransport.

Berlin vermisse sie gerade nicht so, sagt Mishel in Valkosel. Das Leben in ihrer alten Heimat gefalle ihr besser. Während des Schuljahres ist sie täglich online mit ihren Freunden aus Bulgarien in Kontakt. Sie fehlen ihr sehr. Bei der Schülerreise im Mai sei ihr der Abschied aber nicht so schwer gefallen wie sonst. Weil sie mit ihren Freunden aus Berlin zusammen war und mit denen viel Spaß hat. Und auch der Abschied am Ende der Sommerferien ist diesmal zumindest nicht für so lang: Ihre Klassenlehrerin plant einen Rückbesuch der bulgarischen Schüler nach Berlin. Die Reise ist für den Winter geplant.

Die Heinrich-von-Stephan-Schule sammelt Spenden für den Rückbesuch der Schüler aus Valkosel nach Berlin. Spendenkonto: Förderverein der Heinrich-von-Stephan-Schule, IBAN: DE28 1009 0000 5313 4760 08, BIC: BEVODEBB, Stichwort: Bulgarien. Weitere Infos zur Schule online unter www.hvstephan.de

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben