Schullandheim : Altgriechisch im Grünen

TV-Moderator Günther Jauch, ein Texaner und Steglitzer Eltern gründen ein Schullandheim für Berliner Kinder in der Uckermark.

Andreas Wilhelm
Schullandheim Foto: Andreas Wilhelm
Raus aus der Großstadt: Seit Jahren sammeln Eltern des Steglitzer Gymnasiums und Günther Jauch Geld für ein Schullandheim. -Foto: Andreas Wilhelm

Berlin/AltkünkendorfVom Prinzip her funktioniert Günther Jauch ein bisschen wie die Europäische Union. In beiden Fällen zahlen Menschen, die etwas auf die Beine stellen wollen, einen Eigenanteil. Und die EU, respektive Jauch, gibt einen Großteil dazu.

Im uckermärkischen Altkünkendorf spielt sich das seit Jahren so ab. Dort will das Gymnasium Steglitz ein Schullandheim einrichten. Nach der Wende war der märkische Dreiseiten-Hof am Wolletzsee noch eine Ruine. Anfang der 90er Jahre schlossen sich Eltern und Lehrer in einem Förderverein zusammen. Seitdem konzipieren, investieren, organisieren und schuften sie, um den Hof herzurichten. Mittlerweile fügt sich die sanierte Backsteinhülle der Scheune mit nagelneuem Dach, riesigen Fenstern und lauschigem Garten in das malerische Dorf.

Hunderte Berliner, aber auch Gäste aus der Region pilgerten am vergangenen Wochenende nach Altkünkendorf, um die Baufortschritte zu bestaunen. Einige wohl auch, weil der berühmte Fernsehmoderator Jauch angekündigt war.

Der wirft seit Jahren Geld in die Vereinskasse. Denn er selbst hat sein Abitur in Steglitz gemacht, war sogar mit Schulleiterin Michaela Stein-Kramer in einer Klasse. „Ich bin Clown geworden und sie Direktorin“, sagte Jauch am Sonnabend. Seine Kinder gehen ebenfalls auf das Gymnasium. „Jeden Euro, der bis Ende 2007 in der Kasse liegt“, rief er den Steglitzern und ihren Gästen zu, „werde ich verdoppeln.“

Etwas ruhiger, aber nicht weniger umjubelt stand Wolfgang Gesch auf der Bühne. Der eher unscheinbarer Mittfünfziger musste offensichtlich mit den Freudentränen kämpfen, als er auf das Zimmer hinter sich zeigte, in dem er geboren wurde. Zwei Jahre war er alt, als ihn sein Vater bei Nacht und Nebel aus dem Bett holte. Die Familie flüchtete wegen der Zwangskollektivierung über West-Berlin in die USA. Jetzt lebt der Offizier der Luftwaffe in Houston, Texas.

Nach dem Fall der Mauer hörte er, dass Alteigentümer ihre Grundstücke wieder bekommen können. Er engagierte einen Berliner Anwalt namens Helmut Sieglerschmidt und bekam das Gut zurück, auf dem seine Familie seit rund 400 Jahren gelebt hatte. Doch was sollte ein Texaner mit einem verwucherten Fleckchen Land samt verfallenem Bauernhof in der Uckermark, das sich nicht verkaufen lässt? Über den Anwalt, dessen Kinder das Steglitzer Gymnasium besuchten, kam der Kontakt zu den Eltern zustande. Die wollten schon 1991ein Schullandheim gründen und wurden sich mit Gesch schnell einig. Seitdem pachten die Steglitzer das 5700 Quadratmeter große Anwesen – für null Euro.

Zu denen, die von Anfang an das Gelingen glaubten, gehört Ramona Sieglerschmidt. Für die Frau des Anwalts kam das Projekt wie gerufen. Als stellvertretende Vorsitzende des rund 400 Mitglieder zählenden Vereins umschmeichelte sie Sponsoren, beantragte Fördermittel, trug das Anliegen Stiftungen vor und holte ABM-Kräfte vom Arbeitsamt Prenzlau, die das Dach deckten.

Im Frühjahr 2007 buddelten 20 Eltern unter Anleitung eines Profi-Ökologen in der Wiese hinter dem Hauptgebäude, um die Pflanzenkläranlage zu installieren. Zu jedem Sommerfest, bei dem Autos mit Berliner Nummernschildern die Altkünkendorfer Straßen füllen, organisieren die Eltern eine Tombola. Die teils kostspieligen Preise sind Sachspenden von Unternehmen oder den Eltern. 400 000 Euro konnte der Förderverein bislang investieren. „600 000 werden wir wohl insgesamt brauchen“, schätzt Ramona Sieglerschmidt. Heizung und Küche fehlen noch, die Wände müssen gestrichen werden. Kommendes Jahr soll alles fertig sein.

„Dann ist Altgriechisch im Grünen und Latein am See möglich“, so der Traum der Vereinsmitstreiter. 33 Schulkinder wird das Haus beherbergen. Dabei soll das Gut kein „Schickimicki-Projekt des Steglitzer Gymnasiums“ werden, sagt Sieglerschmidt. „Mit der Vermietung an andere Schulen in Berlin und Brandenburg werden wir keine Not haben.“ Ganz oben auf der Gästeliste wird das Einstein-Gymnasium aus Angermünde stehen, das als Partnerschule an der Entwicklung großen Anteil hat. Wolfgang Gesch wird mit seiner Familie umsonst übernachten dürfen. Die Chancen stehen gut, dass bald genügend Geld zusammen ist. Ein Kredit soll beim Endspurt helfen. Und auch nach dem diesjährigen Sommerfest lagen wieder 6000 Euro mehr in der Kasse.

Weitere Infos unter: www.gymnasiumsteglitz.de

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