Schulpolitik : Grüne gegen Probejahr an Gymnasien

Die Grünen lassen nicht locker: In einem offenen Brief an den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit und an Bildungssenator Jürgen Zöllner (beide SPD) plädieren sie dafür, das geplante Probejahr an Gymnasien doch noch zu verhindern.

Susanne Vieth-Entus

Andernfalls werde die integrierte Sekundarschule zu einem „Auffangbecken“ und „zu einer Schule zweiter Klasse degradiert“ und den gescheiterten Schülern „der Stempel des Versagens aufgedrückt“. Vehement warnen Fraktionschef Volker Ratzmann und Bildungspolitiker Özcan Mutlu, dass das Probejahr die „soziale Entmischung“ verstärken und die Reform der Gymnasien verhindern würde.

Für gerechter halten es die Grünen, die Hürden vorher zu setzen – durch strengere Zugangskriterien. Als Beispiel nennen sie Brandenburg, wo der Übergang an ein Gymnasium von einer entsprechenden Empfehlung der Grundschule abhängt. Falls Eltern dieses Votum nicht akzeptieren wollen, könnten sie die Teilnahme an einem zweitägigen Probeunterricht durchsetzen.

Ratzmann und Mutlu legen auch dar, wie sich das genannte Verfahren in Brandenburg ausgewirkt hat. So hätten beim ersten Probeunterricht mehr als 1000 Schüler diese Möglichkeit genutzt und 46 Prozent den Probeunterricht bestanden. Im zweiten Jahr seien es rund 800 Schüler, von denen 35 Prozent bestanden hätten. In Berlin rechnen die Grünen mit rund 1500 Schülern für den Probeunterricht. Dem gegenüber stünden rund 7000, die direkt von der Grundschule eine Gymnasialempfehlung erhalten. Nur bei 20 Prozent der potenziellen „Gymnasialeltern“ werde der Elternwille teilweise eingeschränkt. Die Grünen halten diese Einschränkung für vertretbar angesichts der Alternative „Probejahr“. Sie erinnerten an eine Anhörung im Abgeordnetenhaus, bei der alle vier geladenen Experten gegen ein Probejahr votiert hatten.

Offenbar befürchten die Grünen, dass die Gymnasien das Probejahr benutzen könnten, um unliebsame Schüler loszuwerden. „Schüler die vermeintlich schlecht sind, müssen das Gymnasium verlassen und ihre Bildungslaufbahn in der 8. Klasse der integrierten Sekundarschulen fortsetzen“, warnen Ratzmann und Mutlu. Letzterer äußerte gegenüber dem Tagesspiegel die Befürchtung, dass Gymnasiallehrer „unliebsame Schüler oder ,falsche‘, die über die Lostrommel ans Gymnasium gekommen sind oder einer anderen sozialen Schicht angehören oder einer ,ungewollten‘ Kultur entstammen, einfach ,abgeschoben‘, werden, wie wir es aus jahrelanger Erfahrung wissen“.

Abermals bieten die Grünen Rot-Rot an, die große Strukturreform mitzutragen, falls das Probejahr wegfallen sollte. Offen für einen Verzicht auf das Probejahr wäre auch der Verband der Oberstudiendirektoren – allerdings nur, wenn die Grundschulen „nicht zu weiche Kriterien“ für die Gymnasialempfehlung anlegen, fordert sein Vorsitzender Ralf Treptow. Susanne Vieth-Entus

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