Schulpolitik : Nur keine Panik vor dem Systemwechsel

Viele Eltern sehen dem Systemwechsel mit gemischten Gefühlen entgegen Was kaum jemand weiß: Fast alle Realschulen haben längst Hauptschüler in ihren Reihen

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Ein Jahr lang wurde diskutiert, abgewogen und um Mehrheiten gerungen. Damit ist es jetzt – fast – vorbei: Wenn am kommenden Donnerstag das Abgeordnetenhaus das „Gesetz zur Integrierten Sekundarschule“ beschließt, muss sich das Reformwerk in der Praxis bewähren.

Die Voraussetzungen dafür sind nicht schlecht: Bis weit hinein in das bürgerliche Lager besteht Einigkeit darüber, dass die Abschaffung der Hauptschule alternativlos ist. Hoffnung macht zudem die Ausstattung der neuen Sekundarschule: Die Klassen sollen mit rund 25 Schülern kleiner sein als in den bisherigen Gesamtschulen, es wird Erzieher geben, Ganztagsangebote und einen Mittagstisch.

Dennoch gibt es Vorbehalte – und zwar vor allem bei den rund 20 Realschulen, die mit Hauptschulen fusionieren sollen. „Es herrscht bei den Eltern fast panische Angst vor Hauptschülern“, ist der Eindruck von Sabine Schwarz, Konrektorin der Gustav-Freytag-Realschule in Spandau. Deshalb gehört ihre Schule zu denen, die mit der Umsetzung der Reform noch ein Jahr lang warten wollen.

Zwar keine „Angst“, aber „Bedenken“ in der Elternschaft konstatiert Wolfgang Kaminski, Leiter der Spandauer Johann- Georg-Halske-Realschule, die mit der Heinrich-Hertz-Hauptschule fusionieren soll. Um diesen Bedenken zu begegnen, verspreche er den Eltern, „weiterhin gute Arbeit zu machen“, sagt Kaminski.

Die Halske-Schule gehört zu den vielen Schulen in Berlin, die auch bislang schon Hauptschüler in ihren Reihen haben: Rund zwei Drittel der Berliner Schüler mit Hauptschulempfehlung besuchen nämlich längst Real- und Gesamtschulen, weil die meisten Hauptschulen keine Akzeptanz haben. Im laufenden Schuljahr gibt es deshalb nur noch 1724 Siebtklässler in den Hauptschulen – sechs Prozent des Jahrgangs. Wenn man davon ausgeht, dass es künftig 105 Sekundarschulen gibt, kommen pro Schule im Schnitt 16 Problemschüler pro Jahrgang hinzu – drei bis vier pro Klasse.

Dies mindert die Bedenken der Lehrer und Eltern aber nur bedingt. „Manche Lehrer schüren Ängste, wenn sie sagen, dass schon ein einziger schwieriger Schüler den ganzen Unterricht torpedieren kann“, weiß Landeselternsprecher André Schindler. Andererseits beobachtet er aber auch „Aufbruchstimmung“ in Kollegien, die die Reform begrüßen. Schindler geht davon aus, „dass die Sekundarschule funktionieren wird“.

Wie hin- und hergerissen die Kollegien sind, zeigt das Beispiel der Schöneberger Luise-und-Wilhelm-Teske-Realschule. „Einige Kollegen haben wenig Bereitschaft, sich auf die Reform einzulassen, andere sind voller Elan“, konstatiert Rektor Michael Kaemmerer. Seine Schule fusioniert mit der Waldenburg-Hauptschule. Das Gute sei, dass es an einem neuen Standort am Grazer Platz einen gemeinsamen Beginn geben werde. Dort befindet sich bereits eine Grundschule, und nun ist sogar die Idee entstanden, sich zu einer Gemeinschaftsschule zu verbinden. CDU-Bildungsstadtrat Dieter Hapel habe „nicht unaufgeschlossen“ reagiert, freut sich Kaemmerer.

Entspannt reagiert die Lichtenberger Vincent-van-Gogh-Realschule auf die Fusion mit der Keith-Haring-Hauptschule. „Die Schockphase gab es bei uns nicht“, berichtet Rektor Michael Mutschischk. Vielleicht liege das auch bei ihnen daran, dass sie längst Hauptschüler hätten und mit ihnen zurechtkämen. Vielleicht spiele aber auch eine Rolle, dass das Hauptschulklientel in Lichtenberg ein anderes sei als etwa in Neukölln.

Auffallend schweigsam war bisher der Realschullehrerverband. Hörbar protestiert er erst jetzt – nachdem politisch alles entschieden ist: Zusammen mit anderen kleinen Verbänden wie dem Philologenverband gehört er zum „Aktionsbündnis gegliedertes Schulwesen Berlin-Brandenburg“, das sich heute vorstellen will. Während der Realschullehrerverband so wenig Mitglieder hat, dass er die Zahl noch nicht einmal nennen will, ist vom Philologenverband zu hören, dass er in Berlin rund 600 Mitglieder hat – was etwa zwei Prozent der Lehrerschaft entspricht. Dass das Bündnis keine größeren oder einflussreicheren Verbände gewinnen konnte, zeigt, auf wie verlorenem Posten die Reformgegner stehen.

Dennoch haften der Reform Risiken an. Um zu verhindern, dass leistungsstärkere Realschulkinder „zu Gymnasien flüchten“, müssten ihnen die Sekundarschulen „Anreize“ geben, mahnt Eckart Jendis von der Evangelischen Schule Charlottenburg. Auch er weiß von einer „großen Furcht in der Elternschaft“. Deshalb komme es darauf an, je nach Leistung differenzierte Angebote zu machen, pflichtet Landeselternsprecher Schindler bei.

Die Lichterfelder Max-von-Laue-Realschule traut sich das zu. Hier bekam 2009 fast jeder zweite Absolvent eine Zulassung zur gymnasialen Oberstufe, berichtet Rektor Günther Schrenk. Auch die Hauptschulempfohlenen profitierten an seiner Schule: „Die werden besser“, sagt Schrenk. Er rechnet sich auch deshalb gute Chancen für das Gelingen als Sekundarschule aus, weil er mit derselben Anzahl Schüler künftig vier statt drei Klassen bilden kann und zudem einen Erzieher bekommt. Deshalb hat seine Schule beschlossen, mit der Reform nicht mehr zu warten.

Die Max-von-Laue-Realschule lädt am heutigen Freitag von 17 bis 20 Uhr zum Tag der offenen Tür (Dürerstraße 27), die Vincent-van-Gogh-Realschule am 12. und 14. 1. ab 19 Uhr (Wustrower Straße 26).

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