Schulprojekt : The Streets of Wedding

Die Ernst-Schering-Gesamtschule inszeniert mit einem amerikanischen Komponisten ein selbstverfasstes Musical. Zusammen mit dem Amerikaner Todd Fletcher erzählen die Darsteller eine Geschichte vom Alltag im Wedding und einer großen Liebe.

Alexander Schäfer
Streets of Wedding
Todd Fletcher inszeniert mit den Schülern der Ernst-Schering-Gesamtschule ein selbstverfasstes Stück über den Alltag in ihrem Kiez...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Musicalprobe am Nachmittag. Weddinger Hinterhofgebäude, dritte Etage. In der lichtdurchfluteten Aula scharen sich zwei Dutzend Siebt- bis Zehntklässler. Einige Schüler auf der Bühne kichern, andere verstecken ihre Gesichter hinter Textblättern. "Mehr Power!", ruft der am Klavier stehende Mann mit amerikanischem Akzent. Die Schüler haben verstanden: Nach den ersten Klavierakkorden werden Albernheiten abgeschüttelt, Schüchternheiten verschwinden. Die Schüler singen im Chor: "Welcome to our world."

Die Welt, zu der die jungen Menschen der Ernst-Schering-Gesamtschule laden, ist die Welt der Weddinger Jugendlichen. „Das gesamte Musical entsteht ausschließlich auf Grundlage der Erlebnisse der Schüler“, sagt der in New York geborene Komponist Todd Fletcher. Die Vorschläge der Schüler werden durch Fletcher zu englisch- und deutschsprachigen Songs verarbeitet. Heraus kommt das Bühnenwerk mit dem Titel "The Streets of Wedding"; Ende des Monats wird das Stück uraufgeführt (siehe Kasten).

"Welcome to the good times and the bad", heißt eine Liedzeile – um gute und schlechte Zeiten dreht sich auch das Stück. Die Handlung: Ein großes Straßenfest im Kiez soll organisiert werden. Natürlich mit vielen musikalischen Attraktionen: Tänzerinnen, Breakdancern, Rappern, Gitarristen. Doch es gibt Probleme: Ein großer Bruder verbietet seiner Schwester, beim Bauchtanz mitzumachen. „Wir spielen hier einfach unser Leben nach“, sagt die 16-jährige Gören Yalein, die im Stück den Charakter eines verliebten Mädchens übernimmt. Und so schwingt viel Autobiografie in "The Streets of Wedding" mit. Schulstress, Angst vor Arbeitslosigkeit und Jugendkriminalität werden thematisiert – davon können die Weddinger Schüler mehr als ein Lied singen.

"Jede Musicalprobe ist wie ein Antigewalttraining", erläutert Schulleiter Hilmar Pletat. "Das Projekt fördert die Integration." Nur jeder fünfte Jugendliche an der Ernst-Schering-Schule hat keinen Migrationshintergrund. Insgesamt leben und lernen hier Schüler aus 21 Nationen; die Schüler stammen überwiegend aus dem türkisch-arabischen Kulturkreis. Die kulturelle Vielfalt zeigt sich auch auf der Bühne; es ist ein Multikulti-Musical. „Vorhandene Vorbehalte der Schüler gegen westliche Kulturen werden abgebaut“, sagt Pletat. Schließlich wird das Musicalprojekt neben dem Weddinger Jugendverein Kiezboom auch von der US- Botschaft unterstützt. Ein Exklusivauftritt dort soll die Kooperation abrunden.

"Wir haben hier viel Spaß zusammen", strahlt Ismail Conde (15) während der Probe. Er ist im 64-köpfigen Ensemble einer der wenigen Jungen. Dennoch hat Ismail kein Lampenfieber vor seinen Auftritten; schließlich erhielt er durch das Fach Darstellendes Spiel, das an der Ernst-Schering-Schule ab der siebten Klasse unterrichtet wird, genug Bühnenerfahrung. "Das Selbstbewusstsein der Schüler wird durch solche Projekte gefördert", sagt Biologie- und Chemielehrer Hermann Diehm. Man könne durch die Musicalarbeit bei den Schülern ungeahnte Fähigkeiten entdecken, die so im Unterricht gar nicht erkannt werden.

Als die Schüler beim Casting im Februar etwas vorspielen sollten, hatte keiner gesungen. "Die Schüler wollten und konnten immer nur rappen", berichtet Theaterlehrerin Jane Natz. Das hat sich geändert; acht Lieder werden in "The Streets of Wedding“ gesungen. Nach den Castings fragten viele Schüler ängstlich, ob sie durchgefallen seien. „Wir haben hier für jeden Verwendung“, sagt Todd Fletcher. Wenn nicht auf der Bühne, dann im Backstage-Bereich: Da warten Jobs als Kulissengestalter, Licht- und Musiktechniker, Textschreiber, Plakatdesigner, Requisitenhersteller oder Projektdokumentar.

Nach neunzig schweißtreibenden Probeminuten können die meisten Schüler die Liedtexte auswendig. "Und jetzt noch mal alle mit übertriebenem Gefühl!", ruft Fletcher. Die Schüler klatschen den Takt, bewegen ihre Körper zum Rhythmus und legen noch mehr Pathos in ihre Stimmen. Emotionen sind auch in "The Streets of Wedding“ das Thema. Abgesehen von den Kiezproblemen geht es in dem Bühnenstück – wie in allen klassischen Musicals – um die große Liebe. Nur so viel sei verraten: Es gibt ein Happy End.

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