Schulschwänzer : Schulbehörde will Atteste überprüfen lassen

Die Fehlquote in den Berliner Schulklassen liegt bei 6,9 Prozent. Experten misstrauen jedoch vielen Krankschreibungen. Unterdessen Senator Zöllner erhöht den Druck auf Schwänzer.

Sandra Dassler
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Foto: Mike Wolff

Immer häufiger bleiben Berliner Schüler dem Unterricht fern. Laut Bildungsverwaltung lag die Fehlquote von Mädchen und Jungen im vergangenen Schuljahr bei 6,9 Prozent, was einer Steigerung von 0,3 Prozent entspricht. Dass davon durchschnittlich nur 1,4 Schüler unentschuldigt fehlten, beruhigt die Experten nicht. Denn in vielen Fällen misstrauen Lehrer, Schulleiter und Bildungspolitiker den Entschuldigungen von Eltern und sogar den Attesten der Ärzte.

Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) hat daher in seiner Antwort auf eine Anfrage der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus darauf hingewiesen, dass der Senat mit der Neufassung der „Ausführungsvorschrift Schulpflicht“ nun erstmals ermöglicht hat, dass Schulen bei Zweifeln ein amtsärztliches Gutachten einholen können.

In der Praxis bedeute dies, dass die Schulbehörde das zuständige Gesundheitsamt beauftragen kann, festzustellen, ob ein Schüler tatsächlich so krank ist wie dargestellt. Zöllner fügte in seiner Antwort auf die Anfrage hinzu, dass man noch Erfahrungen mit dem neuen Instrumentarium abwarten müsse.

Das kann allerdings dauern. Denn weder der Bildungs- noch der Gesundheitsverwaltung sind bislang Fälle bekannt, in denen ein solches Gutachten erstellt wurde. Die Verwaltungen müssten darüber auch nicht informiert werden, sagten die Sprecher beider Verwaltungen – und verwiesen auf die Bezirke.

Aber auch dort scheint man von den Möglichkeiten der neuen Verordnung noch nichts gehört zu haben. Vertreter der Schul- und Gesundheitsämter in Neukölln und Mitte reagierten gestern unisono mit Kopfschütteln: Nein, davon wisse man nichts, hieß es. Woher solle denn das Personal für solche Gutachten kommen? Und wie solle man Eltern zwingen, ihre Kinder begutachten zu lassen?

Dabei ist das Problem nicht neu. Lehrer berichten seit Jahren von gehäuften Krankschreibungen vor oder nach den Ferien. „Unter den Schülern kursieren sogar Listen von Ärzten, die – ohne groß zu diskutieren – Atteste ausstellen“, sagt ein Schulleiter aus Kreuzberg.

Auch die Ärztekammer Berlin kennt solche Fälle. „Tatsächlich werden sogenannte Gefälligkeitsatteste am meisten für Schüler ausgestellt“, sagt Sprecherin Sybille Golkowski: „Sie nehmen offenbar sogar zu. Schuld daran sind aber nur einige wenige schwarze Schafe unter den Ärzten.“ Die Ärztekammer gehe solchen Hinweisen nach, berichtet die Sprecherin. Sie verteile gegebenenfalls Rügen und mache die Mediziner darauf aufmerksam, dass falsche Atteste gegenüber Behörden auch ein Straftatbestand seien.

„Auch wenn wir grundsätzlich dafür sind, dass die ärztliche Schweigepflicht nicht angetastet wird, begrüßen wir die Initiative des Bildungssenators für ein härteres Vorgehen“, sagt Golkowski. Besonders ärgerlich seien Fälle, wo Schülern ärztliche Atteste ausgestellt werden, um bestimmten religiösen Weltanschauungen zu genügen – wenn beispielsweise einem muslimischen Mädchen, das nicht am Schwimmunterricht teilnehmen soll, eine Hautkrankheit attestiert wird.

„Gegen solche Fälle konnten wir aber schon immer vorgehen“, sagt der Leiter des Kinder- und Jugendgesundheitsdienstes Neukölln, Andreas Zintl: „Wenn eine Sportbefreiung für länger als vier Wochen vorliegt, setzen wir uns auf Wunsch der Schule mit den Eltern in Verbindung, vereinbaren einen Termin und geben eine Empfehlung ab.“ Dies geschehe allerdings stets auf freiwilliger Basis. „Alles andere würde unseren Auftrag auch konterkarieren. Wir sind ja keine Ordnungsbehörde.“

Am häufigsten bleiben laut Senatsbildungsverwaltung übrigens Sonderschüler mit Förderschwerpunkt „Lernen“ (14,4 Prozent) und Hauptschüler (12,4 Prozent) dem Unterricht fern. Seltener fehlten Gymnasiasten (4,4 Prozent) und Realschüler (6,5 Prozent).

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