Schulstrukturreform : Die Fusionen der Schulen sind zum Erfolg verurteilt

Viele Sekundarschulen haben nach den Fusionen noch Anlaufprobleme, aber alle Rektoren und Lehrer wissen: Es gibt keine Alternative zu diesem Weg.

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Groß ist die Empörung in der Tempelhofer Dag-Hammarskjöld-Realschule (DHO) wegen eines Artikels über die Anlaufschwierigkeiten bei der Fusion mit der Werner-Stephan-Hauptschule (WSO). Hauptschullehrer Reiner Haag und einige Kollegen mussten sich rechtfertigen, weil sie gegenüber dem Tagesspiegel ihrer Unzufriedenheit über den Einstieg an der Hammarskjöld-Schule Luft gemacht hatten. Sie hatten darüber berichtet, dass etliche Realschullehrer angesichts der Fusion lieber an andere Schulen wechselten und auch darüber, dass Gebäude und Gelände an ihrer Hauptschule besser gepflegt seien als an der Realschule.

Wie unterschiedlich die Wahrnehmung ist, zeigt ein empörter Leserbrief, den die Hammarskjöld-Zehntklässler geschickt haben. Auch Haag hat einen Leserbrief geschrieben, aus dem zu ersehen ist, wie stark er an der neuen „Partnerschule“ unter Druck geraten ist. Befürworter der Strukturreform mitsamt ihrer Fusionen äußerten zudem die Befürchtung, dass der ganze notwendige Umbruchprozess in ein falsches – zu negatives – Licht gerate, wenn man derartige Konflikte an die Öffentlichkeit bringe.

In der Tat ist die Fusion WSO/DHO ein Sonderfall – wie übrigens alle Fusionen. Wenn man sich unter anderen betroffenen Schulen umhört, aber auch unter Sekundarschulen, die nicht fusionieren, ergibt sich ein sehr differenziertes Bild. Da gibt es regelrechte „Liebesheiraten“, aber eben auch Fälle, in denen die Chemie eindeutig nicht stimmt. Bei einigen hatte es schon im Vorfeld Proteste gegeben – wie etwa bei der Fusion der Carl-Friedrich-Zelter- und Eberhard-Klein-Hauptschule in Kreuzberg. Da bangte die Zelter-Schule um ihr anerkanntes Profil und gutes Image.

Zu denen, bei denen die Chemie stimmt, gehören die Kurt-Löwenstein- Hauptschule und die Röntgen-Realschule in Neukölln. Sie haben es insofern gut getroffen, als sie in dem frisch sanierten Gebäude eines ehemaligen Gymnasiums einen gemeinsamen Neuanfang erleben. „Wir passen gut zusammen. Das war eine gute Fügung“, berichtet etwa Klaus Düsing, bisher Konrektor der Röntgen-Realschule und jetzt Konrektor der Fusionsschule. Allerdings hatte die Realschule auch vorher schon viele hauptschulempfohlene Kinder zu verkraften, sodass die Umstellung nicht so dramatisch sei wie vielleicht andernorts. Geleitet wird die Fusionsschule vom Rektor der bisherigen Löwenstein-Hauptschule, Detlef Pawollek.

Anders ist die Ausgangslage in Lichtenberg. Hier hatte die Philipp-Reis-Realschule bisher nur „zehn bis zwölf Prozent“ hauptschulempfohlene Kinder und war davon ausgegangen, nicht zu fusionieren, wie Rektor Roland Härtel berichtet. Dann wurde sie doch mit der Paul-Schmidt-Hauptschule zusammengelegt. Dennoch hat unter den neuen Siebtklässlern nur jeder Dritte eine Hauptschulempfehlung. „Die Schüler sind nicht einfach. Einige haben sonderpädagogischen Förderbedarf“, beschreibt Härtel die Umstellung. Große Differenzen habe es zwischen den Kollegien bisher nicht gegeben, aber er weiß von „Querelen“ an anderen Fusionsschulen.

Auch Michael Mutschischk ist Realschulleiter. Auf die Frage, ob seine Kollegen an der Vincent-van-Gogh-Schule in Neu-Hohenschönhausen „Angst“ vor der Fusion mit einer Hauptschule gehabt hätten, sagt Mutschischk, dass er lieber von „Bedenken“ sprechen würde. Allerdings wurde der Einstieg dadurch abgefedert, dass unter den 100 neuen Siebtklässlern nur 25 mit einer Hauptschulempfehlung sind und immerhin „zehn bis 15 mit einer Gymnasialempfehlung“. Von der Hauptschule kommen bisher nur einzelne Lehrer in das Gebäude der Gogh-Schule, das Gros bleibt noch am alten Standort, bis die Hauptschule „ausgelaufen“ ist.

Detlef Pawollek von der fusionierten Röntgen-/Löwenstein-Schule gehört zu den wenigen Hauptschulleitern, die nach der Fusion mit einer Realschule die neue gemeinsame Sekundarschule leiten. Dies war dadurch problemlos möglich, weil die bisherige Realschulleiterin in Pension ging. In anderen Fällen ist dem Hauptschulleiter dieser Weg bei einer Fusion verbaut, weil ein höher dotierter Realschulleiter seinen Posten nicht räumen will. Dies ist vor allem dann ein Problem, wenn der Hauptschulleiter gute Arbeit gemacht hat, innovativ und führungsstark ist. Einige der besten Hauptschulrektoren der Stadt mussten nur deshalb nicht ins zweite Glied hinter einem höher besoldeten Realschulleiter zurücktreten, weil sie einer Fusion entgangen sind und Gemeinschaftsschule wurden. Dies gilt für die frühere Nikolaus-August-Otto- und die Heinrich-von-Stephan-Hauptschule.

Aber auch dann, wenn ein starker Hauptschulleiter den Leitungsposten an einer Sekundarschule bekommt, muss er sich erst die Akzeptanz der Realschullehrer und -schüler erarbeiten: „Als Neuer hat man nicht den Stallgeruch“, beschreibt Pawollek seine Situation. Er will jetzt bei Schülerversammlungen präsent sein und in die Klassen gehen. Am neuen Standort sind überwiegend Realschulklassen untergebracht, die Hauptschulklassen blieben zum Großteil am alten Standort. An der Löwenstein-Schule war es – wie auch an der Werner-Stephan-Schule – nach vielen Jahren mit großem Einsatz gelungen, dass man die Toiletten offen zugänglich machen konnte, ohne dass dort alles vollgeschmiert wurde: „Jetzt fangen wir wieder von vorn an“, sagt Pawollek: Im neuen Gebäude mit neuen Schülern muss alles neu eingeübt werden.

Um im übrigen ein Schulklima zu schaffen, wie er es von der Kurt-Löwenstein-Schule her kennt, will Pawollek vor allem die Zehntklässler ansprechen. „Ihre Unterstützung ist wichtig“, weiß Pawollek, da sie Vorbildfunktion hätten. Auch an der fusionierten Stephan-/Hammarskjöld-Schule helfen Zehntklässler beider Schulen bei der Betreuung der neuen Siebtklässler mit.

Erschwert wird der Neubeginn dadurch, dass nicht alle äußeren Voraussetzungen stimmen: Mittagessen, Nachmittagsbetreuung oder Angebote zum praktischen Lernen fehlen vielerorts. GEW-Vizechef Norbert Gundacker spricht in der aktuellen Berliner Lehrerzeitung deshalb von einem „Zug ohne Schienen“, wenn er die Strukturreform meint. Und er mahnt gegenüber dem Tagesspiegel zur Eile: Wenn die Sekundarschulen nicht ganz schnell „zu Potte“ kämen, werde das dazu führen, dass noch mehr Eltern an den Gymnasien und ehemaligen Gesamtschulen mit gymnasialer Oberstufe unterzukommen versuchten als in diesem Jahr.

Die Fusionsschulen wissen das und versuchen, ihre Differenzen unter den Teppich zu kehren. Niemand kann zurzeit genau beziffern, wie viele Realschullehrer sich an Grundschulen oder Gymnasien versetzen ließen, um vor pubertierenden Hauptschülern zu flüchten. „Jahrzehntelang waren sie es gewöhnt, schwierige Schüler an die Hauptschulen abzugeben. Es erschreckt sie, dass sie das nun nicht mehr können, dass sie es mit diesen Schülern aushalten müssen, egal was passiert“, sagt ein Neuköllner Hauptschullehrer.

Gundacker weiß um die Probleme bei den Fusionen. Er weiß auch, dass es noch immer viele ehemalige Realschulen gibt, die schwache und schwierige Schüler fernzuhalten versuchen, indem sie Eltern dahingehend „beraten“, ihr Kind sei an dieser oder jener ehemaligen Hauptschule besser aufgehoben. Vor allem aber erinnert Gundacker daran, dass „die Sekundarschule zum Erfolg verurteilt ist, wenn man die Hauptschule nicht zurückwill“.

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