Schwedische Schulen : Vom Norden lernen

Janna Just verbringt ein Jahr in Schweden. Mit ihrer neuen Klasse war sie jetzt auf Klassenfahrt - ausgerechnet in ihren Heimatort Berlin. Ein Schulvergleich

Daniela Martens
Jana Just
Jana Just mit ihren schwedischen Klassenkameradinnen in Berlin. -Foto: Uwe Steinert

Janna beißt in einen riesigen Hamburger. Ihre beste Freundin lernt zurzeit in Guatemala Spanisch, viele aus ihrem Jahrgang an der Katholischen Schule Liebfrauen in Charlottenburg verbringen gerade die elfte Klasse in Kanada. Und Janna? Sie sitzt an einem Februarabend im Restaurant Sam Kullman’s Diner in Charlottenburg, isst amerikanisches Fast Food und unterhält sich auf Schwedisch.

Die 17-jährige Berlinerin Janna Just ist kurioserweise auf Klassenreise in Berlin – zusammen mit 84 schwedischen Elftklässlern vom Kullagymnasiet im südschwedischen Höganäs, 20 Minuten von Helsingborg entfernt. Seit August geht Janna dort zur Schule, es ist ihr Auslandsjahr. Aber warum gerade Schweden? Janna schiebt den Hamburger zur Seite und sagt: „Schweden ist etwas Besonderes, gerade weil es nicht so viele Menschen gibt, die die Sprache sprechen.“ Englisch könne sie ja schon.

Dass sie sich inzwischen fließend mit ihren neuen Klassenkameraden unterhalten kann, liegt am besonderen Engagement des Kulla-Gymnasiums: Drei Mal pro Woche hat Janna eine Stunde Schwedisch-Einzelunterricht bei einer Lehrerin, die eine Zusatzausbildung hat, um Schwedisch als Fremdsprache zu unterrichten. Janna ist die einzige Austauschschülerin an der Schule. Sie hat kaum Mitschüler, deren Muttersprache nicht Schwedisch ist. Sie fühlt sich wohl in Höganäs. „Man arbeitet selbständiger als an deutschen Schulen.“ Gerade schreibt sie an einer längeren Hausarbeit, in der sie sich Grundlagen der Psychologie selbst erarbeitet. Sie hat das Gefühl, sie könne ihre Lehrer jederzeit alles fragen. „In Schweden ist das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern nicht so steif.“

Ein paar Tische weiter haben die sechs Lehrer, die mit nach Berlin gefahren sind, schon aufgegessen. „Ein enges Verhältnis mag ja sehr schön sein. Aber deutsche Schüler haben mehr Respekt vor ihren Lehrern“, sagt Boel Andersson. Die Schwedisch- und Geschichtslehrerin hat sich vor 20 Jahren als Touristin in die Stadt Berlin verliebt. Und ist jetzt schon zum fünften Mal mit Schülern wiedergekommen. Vormittags war sie mit ihnen zu Besuch in der Internationalen Nelson Mandela Schule in Wilmersdorf, um sich den Unterricht in Deutschland einmal anzusehen und zu vergleichen. Was sie an der bilingualen Schule gesehen hat, hat Boel Andersson beeindruckt: „Es war fantastisch dort. Die Schüler haben sehr konzentriert gearbeitet.“

Das ist auch dem 17-jährigen Markus aufgefallen. Und sein Kumpel Pontus, 18, fügt hinzu: „Alle wirken da sehr motiviert und sie hören besser zu als wir.“ Vor allem aber sind alle Schweden über eins erstaunt: die Ausstattung der deutschen Klassenzimmer: „Nur Tafeln und Kreide. Das ist ja Low Budget“, findet Markus. Und Amelie, 17, die neben Janna sitzt, sagt: „ In Schweden haben wir in jedem Raum Computer, einen Videorecorder und ein Whiteboard.“ Das sind elektronische Schultafeln, auf die man per Computer zum Beispiel Internetseiten projizieren kann.

„In meiner Klasse hat sogar jeder einen Computer für sich“, sagt die 18-jährige Madeleine Wickström, die wie Janna Just in die mehrsprachige Klasse „International Program“ geht. Aber das sei auch in Schweden etwas Besonderes. Madeleines Vater ist Schwede, ihre Mutter Österreicherin. Aufgewachsen ist sie in Potsdam und geht seit neun Monaten in Höganäs zur Schule, weil sie ihr Abitur gern im Land des Vaters machen wollte. Auch sie fühlt sich wie Janna wohl dort: „Es wird viel Rücksicht auf jeden Einzelnen genommen, jeder lernt auf seinem Niveau.“ Sie war aber erstaunt, wie weit zurück viele ihrer Klassenkameraden etwa in Mathe sind.

In Schweden gibt es bis zur 10. Klasse eine gemeinsame Schulform, erst dann wechseln die Schüler aufs Gymnasium. Dafür gibt es keine besonderen Zugangsvoraussetzungen. Lehrerin Boel Andersson sieht das System sehr kritisch: „Es gehen bei uns zu viele Jugendliche aufs Gymnasium. Nicht jeder hat das Zeug dazu. Viele meiner Schüler haben gar nicht die Fähigkeit, meinen Unterricht zu verstehen.“ Das deutsche System der dualen Berufsausbildung findet sie besser. „Das sollte man in Schweden auch einführen.“ Ihre Kollegin Helena Molin, Englisch- und Italienischlehrerin, sieht das anders: „Unser System ist gut, weil jeder eine Chance bekommt – aber bei uns fehlen Herausforderungen.“ Dafür gibt es interessantere Fächer: „An welcher deutschen Schule wird schon wie in Höganäs Unterwasserrugby im Sportunterricht gespielt“, sagt Madeleine.


Tipps und Stipendien

„Wenn das Abitur schon nach zwölf Jahren abgelegt wird, wird es schwierig, in der elften Klasse ein Auslandsschuljahr einzulegen“, sagt Annike Hüske von der Organisation Weltweiser. Sie berät Schüler vor einem Auslandsaufenthalt (www.weltweiser.de). Die Jugendlichen verpassen dann nämlich ein Jahr der Qualifikationsphase vor dem Abitur. „Man könnte dann entweder das Jahr wiederholen oder nur für drei Monate ins Ausland gehen“, sagt Hüske. Die ersten Berliner, die das betrifft, kommen 2010 in die elfte Klasse. Informationen und Beratung gibt es auch bei der Aktion Bildungsinformation (Mo- Fr jeweils 11-12 Uhr unter Tel. 0711 - 227 00 73 oder www.abi-ev.de) und beim Deutschen Fachverband High School (www.dfh.org). Dort können sich Schüler um Stipendien bewerben.

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