Scientology : Tom Cruise und die Mutprobe

Scientology-Aussteiger Wilfried Handl spricht oft in Schulen über Scientology und hat bemerkt, „dass viele Schüler eine sehr neutrale Einstellung haben.“ Sie halten die Organisation häufig für zu harmlos. Das liegt auch an Tom Cruise.

Daniela Martens

„Freiheit“ steht in Großbuchstaben auf dem Flugblatt. Eine Frau drückt es allen Passanten, die ins Theater Tribüne an der Charlottenburger Otto-Suhr-Theater strömen, in die Hand. Dort findet an diesem Abend die Aufklärungsveranstaltung „Totale Kontrolle: Scientology in Berlin“ statt. Die Flugblattaktion ist anscheinend eine „Gegenoffensive“ der Sekte. Auf dem Papier ist auch zu lesen: „herausgegeben von der Scientology Kirche Deutschland“. Darunter wird für eine Menschenrechtsorganisation für Jugendliche geworben, „Youth for Human Rights International“.

Mitglieder dieser Organisation hielten seit einiger Zeit Vorträge in Jugendclubs, sagt kurz darauf Ursula Caberta, Scientology-Beauftragte des Hamburger Senats, bei der Veranstaltung: „Sie verschweigen dabei aber meist, dass die Gruppierung zu Scientology gehört.“ So wollten sie politisch engagierte Jugendliche für die Organisation ködern. „Dabei ist es ein Witz, dass Scientologen vorgeben, sich für Kinder- und Menschenrechte einzusetzen“, sagt Caberta. Dann berichtet sie von Isolationshaft oder Straflagern innerhalb der Organisation. Außerdem müssten Kinder von Scientologen hart arbeiten und würden für ein totalitäres, verfassungswidriges System erzogen – „zu 150-prozentigen Mitgliedern bar jeder Menschlichkeit.“

Scientology-Aussteiger Wilfried Handl spricht oft in Schulen über Scientology und hat bemerkt, „dass viele Schüler eine sehr neutrale Einstellung haben.“ Das liege auch am „Vorzeigemitglied“ Tom Cruise, mit dem sie Scientology hauptsächlich in Verbindung brächten.
Seit der Eröffnung der Scientology-Zentrale sei es für Charlottenburger Schüler eine beliebte Mutprobe geworden, dort einen so genannten Auditing-Test „unbeschadet zu überstehen“, sagt Jutta Loch nach der Veranstaltung. Die Religionslehrerin an der Charlottenburger Wald-Oberschule ist mit einer Gruppe Oberstufenschüler gekommen. Inzwischen spricht sie das Thema in allen Klassen häufig im Unterricht an.

„Ich wusste nicht, dass die so radikal sind“, sagt der 18-Jährige Christian aus Jutta Lochs Kurs trotzdem. Er habe Scientology bislang nicht sehr ernst genommen. „Aus dem Fernsehen kannte ich die als seltsamen Verein und fand das Ganze eher lustig.“ Und sein Mitschüler Sören fügt hinzu: „Ich dachte, das sind nur Spinner, die sich auf einen komischen Science-Fiction-Roman berufen.“

Um Lehrern, Erziehern und Eltern bei der Aufklärung über Scientology zu helfen, organisiert Brigitte Kippe von der Volkshochschule City West eine Veranstaltungsreihe und kann sich „vor Anfragen nicht retten“. Interessierte können sich unter Tel. 902 919 416 informieren. Bis zu acht Anfragen täglich im Zusammenhang mit Scientology verzeichnen auch die Experten der zuständigen Anlaufstelle der Senatsjugendverwaltung (Tel. 9026 5574). Dort gibt es auch Informationsmaterial für Schulklassen. 

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