Sekundarschulbilanz : Neue Restschulen oder neue Hoffnung?

Vor vier Jahren startete die Sekundarschulreform. Jetzt gibt es die ersten Absolventen. Eine vorsichtige Zwischenbilanz an der Johanna-Eck-Schule in Tempelhof.

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Sommer 2014 - Abschiedsfoto des ersten Sekundarschuljahrgangs. Lehrer Reiner Haag und Lehrerin Annett Michaelis (ganz links) haben den ersten Sekundarschuljahrgang an der Tempelhofer Johanna-Eck-Schule von Anfang an unterrichtet und sehen die Reform kritisch. Aber die Hauptschule wollen sie nicht zurück.
Sommer 2014 - Abschiedsfoto des ersten Sekundarschuljahrgangs. Lehrer Reiner Haag und Lehrerin Annett Michaelis (ganz links) haben...Foto: Thilo Rückeis

Da sitzen sie also wieder in ihrem Klassenraum in der Tempelhofer Ringstraße. So als wäre es gestern gewesen, als Siham, Hussein, Sarah und all die anderen sich gerade erst kennen gelernt hatten. Vier Jahre ist das her. Damals gehörten sie zum ersten Berliner Jahrgang der neuen Sekundarschulen, und der Tagesspiegel berichtete über die Anlaufschwierigkeiten, die es dabei gab, eine Hauptschule mit einer Realschule zu verschmelzen. Jetzt, kurz vor ihrem Abschied aus ihrer Schule, soll Bilanz gezogen werden.

„Ziemliche Chaoten waren wir damals“, fällt Schulsprecher Hussein als Erstes ein, wenn er an den Herbst 2010 denkt. „Aber im Laufe der Jahre wurde es viel besser“. Darin sind sich die Schüler einig. Aber sie bestätigen auch, dass es ein harter Kampf war, und einige auf der Strecke geblieben sind: Sieben Schüler sind gar nicht mehr dabei, eine Mitschülerin verweigert bis heute jegliche Mitarbeit. Die Gesamtbilanz fällt dennoch positiv aus. „Die Schüler haben eine enorme Entwicklung durchgemacht“, sagt Klassenlehrer Reiner Haag nicht ohne Stolz. Aber er schiebt gleich hinterher, dass das eine Knochenarbeit war, die nicht alle Pädagogen heil überstanden haben.

Entstehen jetzt neue XXL-Restschulen?

Haag gehört zu den Lehrern, die von Anfang an skeptisch waren, und bis heute stellt er große Teile der Reform infrage. Vor allem die Sache mit den zwei Sorten von Sekundarschulen – die mit und die ohne gymnasiale Oberstufe: „Die Sekundarschulen ohne gymnasiale Oberstufe sind der Gefahr ausgesetzt, wieder Brennpunktschulen zu werden und eine neue Art von XXL-Hauptschulen zu bleiben – egal wie sehr sie sich bemühen“, lautet Haags Mahnung. Andererseits würde „kein Lehrer unserer Schule die Wiedereinführung der Hauptschule befürworten“, betont Haag im selben Atemzug.

Die Erleichterung darüber, dass Berlin seinen Schülern seit vier Jahren das böse Label „Hauptschule“ erspart – diese Erleichterung gehört zum Grundton der meisten Gespräche, die zur Bilanz des ersten Sekundarschuljahrgangs geführt werden. Dann jedoch folgt immer sehr schnell das Aber – nicht nur bei Haag, auch bei seiner Schulleiterin Hannelore Weimar. „Wir ackern wie die Blöden, aber wir haben Angst, dass wir trotzdem nicht den entsprechenden Erfolg haben werden“, sagt Weimar, die vor der Reform Hauptschulleiterin war. Ihre Werner-Stephan-Schule war mit der Dag-Hammarsjköld-Realschule in eine Fusion gedrängt worden, was für beide Seiten mit großen Schwierigkeiten einherging, und manches Problem blieb.

Auf der Habenseite steht das sehr gute Ergebnis der Schulinspektion. Es zeigt, dass Lehrer und Schulleitung fast alles richtig machen. Wer sich in der Schule aufhält, bemerkt den guten Ton im Miteinander. Ein Meilenstein war die Einigung auf den neuen Namen Johanna Eck und das mit der Namensgebung einhergehende Fest vor zwei Wochen, bei dem Lehrer und Schüler kräftig mithalfen.

Eine Mensa gibt es immer noch nicht

Die Sollseite beinhaltet die Sache mit der Schülermischung. „Es sind zu wenig Leistungsstarke und zu viel Lerndistanzierte“, fasst es Annett Michaelis zusammen, die mit Reiner Haag Husseins Klasse unterrichtet. Anfangs sei sie „mehrfach kurz davor gewesen, das Handtuch zu werfen“, berichtet Michaelis. Nur dank des guten Lehrerteams habe sie diese Zeit überstanden. Jetzt geht es ihr besser, aber Kritik bleibt: Etwa am Fehlen der Mensa und an den spartanischen Räumen für die Nachmittagsbetreuung. Das dafür vorgesehene Geld brauchte der Bezirk plötzlich für eine Schule, die Schwammbefall hatte.

„Ein weiteres Problem sind die schlechten Bedingungen für die Integration der Förderschüler“ schiebt Sozialpädagoge Paul Wellenreuther hinterher, während er die von Lehrern und Schülern liebevoll ausgebauten Werkstätten zeigt. Stolz sind er und Haag darauf, dass an der Johanna-Eck-Schule alle Schüler zusammen unterrichtet werden: Anders als in vielen anderen Sekundarschulen werden die schwächeren Schüler nicht in Praxisklassen ausgesondert, sondern bleiben im Klassenverband, wenn auch mitunter in verschiedenen Kursen.

Und wurde das große Ziel erreicht, das über allem stand: Bleiben jetzt weniger Schüler ohne Abschluss als früher? Das war es doch auch, worum es bei der Reform ging: Das Etikett „Hauptschule“ sollte weg und die Zahl der Absolventen ohne Perspektive gesenkt werden.

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