Sekundarschule Wilmersdorf : Von der Schulküche ins Schloss Bellevue

In der Sekundarschule Wilmersdorf arbeiten Schüler in einer Genossenschaft. Mit ihrem Cateringservice beliefern sie sogar den Bundespräsidenten.

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Lecker. Schülerinnen präsentieren, was sie in der Schulküche gezaubert haben.
Lecker. Schülerinnen präsentieren, was sie in der Schulküche gezaubert haben.Fotos: Kai-Uwe Heinrich

Der Vorstandsvorsitzende hat seine gefalteten Hände auf den Tisch gelegt. Jetzt sitzt er sehr aufrecht, blickt sehr streng und redet sehr konzentriert. Das ist natürlich okay, es geht schließlich ums Geschäft. Es geht um Aufträge, es geht um die Frage, wer was erledigt, wie man am besten organisiert und, ganz wichtig, um die Frage, welche Aufträge man leider ablehnen muss, weil einfach die Kapazitäten der Firma nicht ausreichen. „Wir haben in diesem Jahr bis jetzt elf Aufträge angenommen, aber mussten 20 ablehnen, das ist enorm“, sagt der Vorstandsvorsitzende.

Er ist 15 Jahre alt.

Der Vorstandsvorsitzende heißt Jeremy, ist Schüler der Sekundarschule Wilmersdorf, seine Firma heißt BoZz Catering. Und er ist wichtiger Teil eines spannenden Projekts. BoZz ist eine von wenigen Genossenschaften in Berlin, die von Schülern geführt werden. Jeremys Boss sitzt neben ihm, auch konzentriert, auch mit strengem Blick. Lukas ist Aufsichtsratsvorsitzender. „Aber das bedeutet nicht, dass ich mehr weiß als Jeremy“, sagt er fast entschuldigend. Lukas ist 16.

Hier ist jeder ein Boss

Das ist eine der Maximen von BoZz Catering. Alle Mitglieder sind gleichberechtigt, alle haben bei der Mitgliederversammlung eine Stimme, deshalb ja auch der Firmenname. „Bei uns ist jeder Boss“, sagt Sabine Simunovic. Sie ist die betreuende Lehrerin, sie hat die Oberaufsicht über dieses Unternehmen.

BoZz Catering ist eine ideale Plattform, auf der Schüler in Eigenverantwortung vieles lernen: kochen, Rezepte schreiben, Buchhaltung, Kalkulation, Organisation, Kundenbetreuung, Personalführung. Vor allem aber, strategisch wichtigster Punkt: Selbstbewusstsein und vernünftiges Auftreten.

Seit vier Jahren gibt es BoZz, eigentlich eine Idee des Verbands Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen, in dem 90 Genossenschaften organisiert sind. Und weil kaum jemand weiß, wie Genossenschaften funktionieren, arbeitet der Verband mit ausgewählten Schulen zusammen. Die Besonderheit bei Genossenschaften: Alle Mitglieder einer Genossenschaft sind zugleich Eigentümer des Unternehmens, und jedes Mitglied hat die gleichen Stimmrechte. Die Sekundarschule Wilmersdorf hat die „Märkische Scholle Wohnungsunternehmen“ als Paten.

Der Bundespräsident ist auch Kunde

BoZz’ Kundenstamm ist breit gefächert. Den Weihnachtsmarkt des Bundespräsidenten belieferte BoZz mit Naschereien, und auch die Verpflegung einer Fachtagung im Oberstufenzentrum Max Taut gehörte zu ihrem Auftrag. Dort tafelte die Firma für 60 Personen Fingerfood, zwei verschiedene Suppen, selbst gebackenes Brot mit vegetarischem Aufstrich und selbst gebackene Kekse auf. 40 Personen einer Bootsfahrt erhielten Fingerfood, Braten, gefülltes Gemüse, Dessertvariationen und Service vor Ort.

Das alles erledigen derzeit 14 Schüler der Klassen sieben bis zehn. Die Genossenschaft ist in den Wahlpflichtbereich integriert. Die Klassen sieben und acht haben wöchentlich vier Stunden, in denen sie zum Beispiel Rezepte ausprobieren oder Regeln der Hygiene lernen, wenn sie nicht dabei helfen, Aufträge abzuarbeiten. Die Klassen neun und zehn haben drei Unterrichtsstunden.

Und um einen Auftrag abzuarbeiten, benötigen die Schüler in der Regel zwei Unterrichtstage. An diesen Tagen arbeiten sie nach Dienstplan parallel zum Regelunterricht, die Schüler werden von den Fachlehrern freigestellt. Allerdings nur, wenn keine Arbeiten anstehen oder sonstige Gründe dagegensprechen.

BoZz Catering ist langsam zu seiner jetzigen Größe gewachsen, in der Anfangsphase war nur eine Klasse einbezogen. Und in der ersten Phase war die Begeisterung von Fachlehrern nur begrenzt. Sie hatten wenig Lust, ihre Schüler für dieses Projekt freizustellen. Das hat sich inzwischen geändert, auch weil BoZz die Schulcafeteria beliefert. Jetzt kann sich jeder Interessierte melden, dafür gibt’s einen Schnupperkurs. „Allerdings“, sagt Sabine Simunovic, „sind zwölf Schüler die optimale Größe.“

Die Schüler halten mit größtmöglicher Autonomie den Betrieb am Laufen. Das ist ja der Sinn der Sache, sie sollen selber lernen, wo die Grenzen des Möglichen sind. Sie schreiben Rezepte, sie reden mit den Kunden, sie rechnen durch, ob genügend Personal für einen Auftrag da ist. Die Palette des Angebots ist groß. Fleisch, Gemüse, selbst gebackenes Brot, Kuchen, Suppen, alles möglich. Bis zu 120 Personen kann BoZz beliefern, allerdings sind dann nicht mehr als zwei Suppen möglich. „Bei 120 Personen können wir kein Menu à la carte anbieten“, sagt Sabine Simunovic. Ob ein Auftrag angenommen wird, entscheiden die Schüler.

Kern der Firma ist die Schulküche, im obersten Stockwerk der Schule. Auf 16 Herdplatten können die Schüler hier kochen, in Plastikhüllen eingeschweißt stehen Rezepte auf den Beistelltischen. Ältere Schüler helfen den Jüngeren.

Der pädagogische Wert von BoZz ist enorm. „Die Schüler“, sagt Sabine Simunovic, „haben ein unglaubliches Selbstbewusstsein entwickelt.“ Der Vorstandsvorsitzende zum Beispiel. Jeremy sitzt wie die anderen Schüler in einem Nebenraum der Küche, er hat jetzt seinen strengen Blick verloren und schaut fast schon verklärt, als er seine Wandlung schildert. „Ich war früher lustlos, faul und habe mich ablenken lassen. Jetzt habe ich gelernt, Verantwortung zu übernehmen.“ Seine Noten sind entsprechend. Vor drei Jahren noch hatte er einen Schnitt von 3,6, jetzt liegt er bei 1,7. Und, ganz wichtig: „Ich habe keinen Tag gefehlt.“

Die Schüler verändern sich positiv

Drei Meter neben Jeremy sitzt Joanna, ein hübsches Mädchen mit schwarzer Brille. Sie hat eine ähnliche schulische Biografie wie der Vorstandschef. „Bei mir war es früher echt schlimm. Ich war sehr aufbrausend und wurde schnell wütend.“ Jetzt gilt sie zwar auch noch als jemand, die in der Küche durchaus Ansagen macht, aber kein Vergleich zu früher. Joanna redet mit den Kunden, sie hilft anderen, wenn die beim Würzen der Buletten nicht die richtige Dosis finden. „Die Lehrer merken, dass sich die Schüler verändern“, sagt Sabine Simunovic.

Auch weil in der Firma die klassische Rollenverteilung aufgeweicht ist. „Ich rede mit Frau Simunovic als Partnerin“, sagt Jeremy, „wir begegnen uns mit großem Respekt.“ Dem Erfolg von BoZz hilft es. Das Unternehmen erzielt einen kleinen Gewinn, aber der ist auch nötig. In der Schulküche zum Beispiel ging ein Backofen kaputt. Also wurde ein neuer Herd mit Backofen installiert. Bezahlt hat ihn BoZz Catering.

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