Sekundarschulen: : Aufbau von Oberstufen kaum möglich

Der dramatische Rückgang der Schülerzahlen hat Konsequenzen für die Strukturreform der Berliner Schulen.

Susanne Vieth-Entus

Die neuen Sekundarschulen werden es schwer haben, mit den Gymnasien zu konkurrieren: Die Mehrzahl von ihnen wird wohl keine eigene Oberstufe aufbauen können, sondern auf Kooperationen angewiesen sein. Diese Erkenntnis setzt sich jetzt angesichts eines anhaltenden Schülerrückgangs durch. Bildungsfachleute gehen davon aus, dass es nur einzelnen Standorten gelingen wird, selbst zum Abitur zu führen.

Tatsächlich wirkt sich der starke Geburtenrückgang, der nach der Wende begann, noch immer aus: Von Jahr zu Jahr sinken die Schülerzahlen. Inzwischen ist der Schwund nicht mehr in den Grundschulen, dafür aber in den gymnasialen Oberstufen zu merken. Während es noch im vergangenen Jahr 38 000 Schülern in den Klasse 11 bis 13 gab, sind es laut Bildungsverwaltung in zwei Jahren nur noch 31 500. Dann geht es sogar runter auf 25 500, weil die 11. Klasse wegfällt.

„Nur die allerwenigsten Sekundarschulen werden es schaffen, eigene Oberschulen zu gründen“, erwartet Steffen Zillich (Linkspartei) angesichts des Schülerrückgangs. Er sieht aber eine gute Alternative in einer engen Kooperation mit Oberstufenzentren. Die seien ja ohnehin gefragt, wenn es darum gehe, das duale Lernen an den Sekundarschulen aufzubauen. Ähnlich sieht es die Bildungsverwaltung: Nur in Einzelfällen wie etwa der Moabiter Heinrich-von-Stephan-Schule sei vorstellbar, dass neue Oberstufen entstünden, meint Referatsleiter Siegfried Arnz.

Bisher hatte die Beschreibung der Sekundarschulen anders geklungen. Sie sollten bis zur allgemeinen Hochschulreife führen – „ohne Umwege und Brüche“, hieß es im Strukturpapier, das Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) dem Senat vorgelegt hatte. Dort war auch zu lesen, dass „die Sekundarschulen und das Gymnasium gleichwertig (sind) im Hinblick auf die angebotenen Abschlüsse“. Einschränkend hieß es lediglich, dass „alle Sekundarschulen, die nicht über eine eigene Oberstufe verfügen, feste Kooperationen mit bestehenden gymnasialen Oberstufen oder mit Oberstufenzentren (OSZ) vereinbaren und institutionalisieren“.

Fachleute vermuten, dass nur jene Sekundarschulen über eine Oberstufe verfügen werden, die aus Gesamtschulen mit gymnasialer Oberstufe hervorgehen. Davon gibt es etwa 35. Für die rund 90 Sekundarschulen, die aus Hauptschulen, Realschulen oder Gesamtschulen ohne Oberstufe entstehen, dürfte es schwierig werden, genügend leistungsstarke Kinder zu rekrutieren. Landeselternsprecher André Schindler glaubt, dass bildungsbewusste Eltern skeptisch auf Sekundarschulen ohne eigene Oberstufe reagieren werden.

Jetzt sind die Bezirke am Zug: Sie müssen entscheiden, ob sie genug Schüler haben, um zusätzliche Oberstufen zu genehmigen. Dann muss geklärt werden, wer für Kooperationen infrage kommt. In Neukölln etwa sieht Bildungsstadtrat Wolfgang Schimmang (SPD) schon jetzt so viele Kapazitäten bei den vorhandenen gymnasialen Oberstufen der Gesamtschulen, dass er es für unnötig hält, Kooperationen mit den OSZ anzuregen.

Die OSZ-Leiter stehen allerdings bereit. Sie legen großen Wert darauf, bei der aktuellen Reform nicht übergangen zu werden. „Warum sollen neue Oberstufen gegründet werden, wenn es unsere Angebote doch bereits gibt?“, fragt sich der Vorsitzende des Verbands Berufliche Bildung in Berlin, Pit Rulff.

Tatsächlich verfügen die Oberstufenzentren über eine große Bandbreite an Möglichkeiten. Unter ihrem Dach gibt es nicht nur Berufs- und Fachschulen, sondern auch berufliche Gymnasien, die ein vollwertiges Abitur mit einem speziellen Schwerpunktfach wie Wirtschaft, Psychologie oder Lebensmitteltechnik anbieten. Damit sie als vollwertige Kooperationspartner für Sekundarschulen infrage kommen, werden sie künftig auch das Abitur mit ausschließlich allgemeinbildenden Fächern ohne Berufsbezug im Programm haben, kündigt Rulff an. Susanne Vieth-Entus

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