Schule : Sinneswandel in den USA beim Diesel

Einst schärfster Diesel-Gegner in Kalifornien für eine Neubewertung

Horst Heilbronner

Er ist eine europäische Spezialität – der Dieselmotor. Nicht nur im Bereich der Nutzfahrzeuge, sondern mit seit Jahren unverkennbar steigendem Trend nach oben auch bei den Personenwagen, wo inzwischen europaweit ein Drittel aller neu zugelassenen Personenwagen einen Diesel unter der Haube haben. Noch nicht einmal ein Prozent erreichen die Diesel-Zulassungen im Unterschied zu Europa in den USA. Denn dort gilt der Diesel als ein schmutziges Triebwerk, das mit seinen schwarzen Rußwolken die Straßen verdunkelt. Allerdings sind diese wie Fabrikschlote rauchenden Diesel keine modernen Aggregate, sondern Motoren von gestern, die zum Beispiel zu Zehntausenden in bereits mächtig in die Jahre gekommenen Schulbussen ihre Arbeit tun, von denen 26 000 allein in Kalifornien unterwegs sind – jenem Bundesstaat, der wegweisend ist, wenn es um die Verminderung der Luftbelastung durch den Autoverkehr geht.

Und so ist es mehr als interessant, dass sich gerade dort immer mehr Stimmen erheben, die zu einer Neuorientierung bei der Bewertung des Diesels aufrufen. Ihnen allen voran Alan C. Lloyd, Chairman des California Air Resources Board und in der amerikanischen Presse gern als „Clean-Air Czar“ bezeichnet, der, vor zehn Jahren noch absoluter Dieselgegner, dieses Triebwerk heute ganz anders einschätzt, vom „sauberen Diesel“ spricht und betont, dass der Diesel dem Benziner bei Verbrauch und Kohlendioxidemissionen deutlich überlegen sei, den Diesel heute als umweltfreundlich einstuft, wie der „PS Automobil Report“ berichtet.

Wie kommt es zu solchem Sinneswandel, der nicht nur die künftige Entwicklung in Kalifornien, sondern in den gesamten USA und sogar über ihre Grenzen hinaus schon bald tiefgreifend beeinflussen könnte. Die Antwort von Lloyd ist klar und eindeutig: „Ich lerne jeden Tag Neues dazu, und deshalb sind Erkenntnisse von gestern nicht unbedingt auch die von morgen.“ Und die alten Diesel sind tatsächliche eine schmutzige Angelegenheit. Deshalb hat die kalifornische Umweltschutzbehörde noch im Herbst eine Vorschrift erlassen, die es den Fahrern von Schulbussen verbietet, die Fahrzeuge vor den Schulen im Leerlauf warten zu lassen, bis die Kinder eingestiegen sind. Aber die in diesen Bussen arbeitenden Maschinen sind Technik von gestern, haben ebenso wie die Diesel in den meisten Lokomotiven außer dem Namen nichts gemein mit den modernen Dieseln unserer Tage, die High- Tech-Aggregate mit aufwändigem elektronisch gesteuerten Motormanagement und nicht weniger aufwändiger Abgasreinigungstechnik sind.

Das allerdings ist in den USA noch viel zu wenig bekannt. Und das macht es den dort aktiven Diesel-Gegnern vergleichsweise einfach, mit dem allgemein verbreiteten schlechten Diesel-Image auch weiter gegen solche Motoren zu agieren. Ein Weg, auf dem sie Alan C. Lloyd allerdings nicht mehr weiter begleitet. „Sauberer Diesel – früher ein Widerspruch in sich – wird bald kein Widerspruch mehr sein“, argumentiert er heute. Und er verweist vor allem auch auf die erheblichen Verbrauchsvorteile, die bei rund 40 Prozent liegen – was wiederum entsprechend weniger Kohlendioxid bedeutet und damit eine deutliche Verminderung der Treibhauswirkung. Und das müsse auch bedacht werden, wenn jetzt von den Dieselgegner darauf verwiesen wird, dass von den Partikeln ein Krebsrisiko ausgehen könne. Keinesfalls sei es zulässig, dieses Problem isoliert zu betrachten. Und im Gesamtzusammenhang zeige sich ganz deutlich, dass die Amerikaner als größte Kohlendioxiderzeuger der Welt mit Hilfe des Diesels einen wirksamen Beitrag dazu leisten könnten, Treibhauseffekte aus dem motorisierten Bereich wirksam zu vermindern.

Und hier besteht enormer Handlungsbedarf. Denn der wachsende Erfolg von Sport Utility Vehicles (SUV), Geländewagen, Minivans und so genannten Light Trucks mit zum Teil großvolumigen Triebwerken hat inzwischen dazu geführt, dass der Zulassungsanteil solcher Fahrzeuge die 50-Prozent-Marke überschritten hat. Damit aber unterliegen mehr als die Hälfte der Fahrzeuge nicht den für Personenwagen geltenden besonders strengen Verbrauchs- und Abgasbestimungen. Zugleich hat der Durchschnittsverbrauch aller Fahrzeuge den höchsten Wert der letzten 20 Jahre erreicht. Höchste Zeit also, um hier wirksam gegen zu steuern.

Und dabei könnte der Diesel auch in den USA bald eine entscheidende Rolle spielen. Schon jetzt gibt es bei kalifornischen Autohändlern – hier darf Volkswagen zum Beispiel pro Jahr 2000 Diesel-Personenwagen auf den Markt bringen – lange Wartelisten für den Jetta (Bora) mit TDI-Motor. Und auch unter amerikanischen Autofahrern spricht sich langsam herum, wie viel weiter man mit einer Diesel-Tankfüllung kommt als mit einem Benziner .

Wenn in dieser Situation eine so einflussreiche Person wie Alan C. Lloyd den derzeit besonders aktiven Diesel-Gegnern, die für so weit verschärfte Abgasbestimungen plädieren, die den Diesel praktisch verhindern würden, antwortet: „Ich werde deutlich machen, mich nur an den Fakten zu orientieren. An denen kommt man auch beim Diesel nicht vorbei. Manchmal sind diese positiven Argumente schwer zu verkaufen“, dann scheint sich hier eine grundlegende Wende abzuzeichnen, die den modernen Diesel nicht länger eine rein europäische Spezialität bleiben lassen könnte.

Und wenn dann in den USA auch konsequent schwefelarmer Dieselkraftstoff eingeführt wird – spätestens 2015 sind maximal 15 ppm erlaubt – steht die Neue Welt, die neben wenigen veralteten Dieseln auch einen der qualitativ schlechtesten Dieselkraftstoffe anbietet, vielleicht schon bald vor einem wahrem Diesel-Boom.

Wobei auch Alan C. Lloyd den Diesel in letzter Konsequenz nur als einen Zwischenschritt sieht – auf dem Weg zur Wasserstofftechnik nämlich. Aber dabei sieht er sowohl beim Diesel als auch bei verschiedenen Hybridtechniken attraktive Möglichkeiten, die Kohlendioxidemissionen wirksam zu vermindern,. Denn „wir müssen wirklich alles ausschöpfen, um unsere Umwelt zu erhalten, ohne auf mobile Lebensqualität zu verzichten“.

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