Sommercamps : Kreativ sein statt pauken

Hauptschüler und Hochbegabte lernen in Sommercamps, wie sie sich auf den Beruf vorbereiten oder Spiele entwickeln können.

Ferda Ataman
Planspiele bereiten Jugendliche auf den Berufseinstieg vor. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Planspiele bereiten Jugendliche auf den Berufseinstieg vor.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

„So einen Stuhl suche ich schon lange“, sagt Britta Steffen freundlich. Die 26-jährige Weltrekord-Schwimmerin ist heute zu Besuch im Jugenddorf Gnewikow, nördlich von Berlin. Sie steht vor einem Plakat mit einer chaotischen Zeichnung – dem Entwurf für den Liegestuhl „Futurwackler“, den eine Gruppe von 20 Jugendlichen gerade entworfen hat. Steffens lässt sich das Konstrukt erklären: Der Futurwackler ist ein Schaukelstuhl für den Strand und als solcher die Innovation des Jahrhunderts. Zumindest aus Sicht der Jugendlichen, die gerade einen Teil ihrer Ferien im Sommercamp von „Futour plus“ verbringen. Den Stuhl soll es wirklich geben, er muss bis zum nächsten Tag fertig werden. Neun Jugendliche arbeiten dafür in der Werkstatt am Prototyp. „Wird schon“, sagt der 15-jährige Nico und schleift weiter an der Kante, während Steffen die Werkstatt besichtigt.

Insgesamt zehn Tage sind die Hauptschüler aus Berlin im Sommercamp am Ruppiner See, das sie auf ihren Berufseinstieg vorbereiten soll. In einem Planspiel sind die Schüler deshalb „Angestellte“ einer erfundenen Firma namens „Komfortzonen GmbH“. Der Stuhl muss dabei entworfen, gebaut und vermarktet werden. Dafür kommen auch Experten zu Besuch und stehen Rede und Antwort – wie heute Britta Steffen, die als Motivationstrainerin hier ist.

Die Jugendlichen sitzen im Kreis und die zweifache Weltmeisterin und Olympiasiegerin Steffen soll ihnen erklären, wie sie es schafft, neben ihrem Studium zur Wirtschaftsingenieurin auch noch Profischwimmerin zu sein. Die 15-jährige Naddel fragt: „Wie schaffen Sie es, immer zu trainieren?“ „Auch ich muss den inneren Schweinehund überwinden“, gibt Steffen zu. Es sei schwierig, sich jeden Tag aufs Neue für das Training zu motivieren. Am besten gehe das, sagt sie, wenn sie dabei nicht an den Berg von Arbeit denkt, der für Training und Studium noch vor ihr liegt.

Spitzenschwimmerin Britta Steffen als Motivationslehrerin Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Spitzenschwimmerin Britta Steffen als MotivationslehrerinFoto: Kitty Kleist-Heinrich

Motivation und Disziplin – zwei Themen, die den Achtklässlern aus ihrem Alltag in Berlin eher fremd sind. Fast alle Schüler sind vom Schulgeld befreit, weil die Eltern zu wenig verdienen. Sie kommen aus Familien, in denen Schule und Bildung hintanstehen.

Doch die 14- und 15-Jährigen sind freiwillig hier. Schon letztes Jahr waren sie alle drei Wochen lang im Vorbereitungscamp von „Futour“ zur beruflichen Frühorientierung. Von den 80 Teilnehmern im letzten Jahr haben sich 40 für das weiterführende Camp beworben – doch leider gibt es nicht genügend Plätze. Also wurden die ausgesucht, die auf die Verantwortlichen besonders engagiert wirkten.

Die Idee für „Futour plus“ kam vom Berliner Unternehmer Werner Gegenbauer, umgesetzt wird sie von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung. Während das erste Camp noch spielerisch angelegt war, geht es diesmal ganz konkret zur Sache: Die Schüler haben verschiedene Betriebe besucht und mussten sich am Anfang des Camps auf eine Stelle in der imaginären „Komfortzonen GmbH“ bewerben. Es gab ein Vorstellungsgespräch und ein Assessment-Center, „wie im richtigen Leben“, erklärt Teamleiterin Sophia Zimmermann. Ein Schüler sei sogar mit Hemd, Krawatte und Anzug zum Gespräch gekommen.

Die 15-jährige Nadja „Naddel“ geht an die Paul-Löbe-Schule in Reinickendorf und will ihren Mittleren Schulabschluss machen. Sie habe erst im letzten Sommer erfahren, dass das überhaupt möglich ist, sagt sie. Bis dahin war der Hauptschulabschluss das einzig greifbare Ziel. „Ich weiß jetzt auch, wie man persönlich sein muss, um einen Job zu bekommen“, sagt sie. Nämlich? „Ordentlich und normal, nicht wie ein Ghettogangster eben.“ Sie selbst hat kurze blondierte Haare und trägt weite Rapperklamotten. Für ein Bewerbungsgespräch müsste sie also ihren Style ändern.

Freizeitspaß gehört auch dazu. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Freizeitspaß gehört auch dazu.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

„Was den Schülern oft fehlt, sind realistische Perspektiven“, sagt Campleiter Philipp Möller. Fast alle Jugendlichen hier wollen Rapper, Tänzer, Sänger oder Fernsehstars werden. Ähnlich waren ihre kreativen Ansätze beim „Futurwackler“: Der sollte anfangs durch ein Magnetsystem schweben. Am Ende waren die Jugendlichen schon glücklich, dass der Stuhl hält.

Etwas Eigenes entwickelt haben noch mehr Kinder in den ersten Sommerferientagen: Am Freitag stellten 60 hochbegabte Schüler in einem Saal der Humboldt-Universität ihre Ergebnisse vor, die sie nach einer Woche an der Deutschen Junior-Akademie auf der Insel Scharfenberg erarbeitet haben. Im Humboldt-Jahr 2010 sollten sie auf Wissenschaftliche Entdeckungstour gehen und sich spielerisch mit Biologie, Erdkunde, Physik, Mathematik und Geschichte befassen. Wer wollte, konnte auch etwas zur Gehirnforschung in der Psychologie lernen oder zur Molekularbewegung in Chemie. Die Mathematikinteressierten unter den zwölf bis 15-jährigen Schülern haben Gesellschaftsspiele entwickelt – mit Spielfeld, Anleitung, Karten und Figuren. Und sie haben die Wahrscheinlichkeit der jeweiligen Würfelseiten ausgerechnet.

Der zwölf Jahre alte Lars vom Herder-Gymnasium in Charlottenburg hatte sich bereits Wochen zuvor für diesen Kurs eingeschrieben. „Ich habe mal selbst versucht, ein Spiel zu entwerfen“, sagt er, „aber das wurde nicht so gut.“ Jetzt sei er mit „Treasures and Thieves“ ziemlich zufrieden, einem komplizierten Rollenspiel mit aufwendiger Geschichte. Dass die Schüler ein Humboldtsches Utensil in ihrem Spiel unterbringen mussten, „hätte nicht sein müssen“, sagt Lars. Aber es war auch kein Problem: „Wir haben einfach eine Gipsbüste von Humboldt eingebaut.“

Informationen zu den Sommercamps gibt es unter www.futour06.de und unter www.hochbegabte-nordberlin.de

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