Spendenaktion des Tagesspiegel : Sprache geht durch den Magen

In der Schöneberger Lernwerkstatt Familienküche können geflüchtete Kinder und Eltern gemeinsam kochen und Deutsch lernen.

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Weihnachtsbäcker. Myriel , Yvonne Bellin, Farshad und Ayda. Foto: Thilo Rückeis
Weihnachtsbäcker. Myriel , Yvonne Bellin, Farshad und Ayda.Foto: Thilo Rückeis

Dass Ayda in einer Berliner Küche steht und Weihnachtsplätzchen aussticht – das wäre für die Neunjährige vor wenigen Monaten kaum denkbar gewesen. Da lebte sie noch mit den Eltern und den zwei Brüdern in ihrem Heimatort nahe Kabul in Afghanistan. Plätzchen kennt sie seit vergangener Woche. Als sie jetzt wieder in die Räumlichkeiten des Schöneberger Täks e.V. kommt, schlüpft sie sofort in eine der Schürzen und schnappt sich den vorbereiteten Teig und die Formen. Dann legt sie Wale, Teddys und Igel nebeneinander auf das Backblech. „Pinsel“, sagt sie langsam und deutlich, als sie das Eigelb darauf verteilt.

Auf der anderen Seite der geräumigen Küche rührt Aydas Mutter zwischen weiteren Frauen stehend in einem großen Topf. Unter den Keksduft mischen sich die Gerüche von Gewürzen, Curry-Hühnchen und gebratenen Zwiebeln. Seit einem Monat lebt Aydas Familie in Berlin, in einer Notunterkunft in der ehemaligen Luise-und-Wilhelm-Teske-Schule in Schöneberg. Sie kommen jeden Donnerstag in die „Lernwerkstatt Familienküche“ des Kinder- und Jugendhilfeträgers Täks e.V., der mit der Notunterkunft kooperiert. Hier entstehen Gerichte aus verschiedensten Nationen. Durch das Einkaufen und den Weg in die etwa zehn Gehminuten von der Schule entfernten Räumlichkeiten lernen die Familien aus der Notunterkunft die Nachbarschaft kennen. Sie können erste Deutschkenntnisse erwerben und Kontakte knüpfen. „Lernen durch Leben“, nennt das Yvonne Bellin, Inklusionsbeauftragte des Täks e.V.

Die Schränke und Schubladen sind zur einfachen Verständlichkeit mit Fotos des Inhalts versehen: von Pfannen und Deckeln über Knoblauchpresse und Handrührgerät zu den verschiedensten Gewürzen, die sich mittlerweile angesammelt haben. Die Räumlichkeiten finanziert der Träger, zudem erhält das zugehörige Inklusionsprojekt „Mensch Mach Mit“ Unterstützung von der Aktion Mensch. Doch vor allem für die wöchentlichen Einkäufe braucht der Verein Geld, wie für Kochutensilien, Hygieneartikel und Spielzeug für die Kinderbetreuung. Insgesamt hofft Yvonne Bellin auf knapp 5000 Euro der Tagesspiegel-Leser aus der Spendenaktion „Menschen helfen“. Auch eine große Tafel für die wichtigsten Wörter möchte sie anschaffen, ebenso wie Lehrmaterial zum Spracherwerb.

Ehrenamtliche geben Sprachkurse

Zusätzlich zur Familienküche finden in den Räumen des Vereins Sprachkurse durch ehrenamtliche Helfer statt. Es gibt ein Angebot für geflüchtete Frauen mit Kinderbetreuung und ein Nachbarschaftscafé. Auch die Räume der offenen Jugendarbeit des Vereins, mit Tischtennis, Tischfußball und Jugendküche nutzen die Besucher. Aydas zehnjähriger Bruder Farshad hat sich gleich über die Duplo-Kiste im Spielzimmer hergemacht, bevor er seiner Schwester beim Backen hilft.

„Bist du jetzt in der Schule?“, fragt Myriel, eine der ehrenamtlichen Helferinnen, als ein weiteres Blech in den Ofen wandert. „Ja“, sagt Ayda. „Vier Lehrer“ habe sie. Manchmal können auch Jugendliche mit Migrationshintergrund aus der offenen Jugendarbeit beim Übersetzen helfen – und sind dann enorm stolz. Yvonne Bellin erzählt, wie sie vergangene Woche mit Kindern beim Tischtennis Zählen geübt habe. Dafür wisse sie jetzt, wie man einen Samowar benutzt. Solch einen großen Teekocher hat der Verein auch angeschafft. „Lernen ist keine Einbahnstraße“, sagt Bellin, während sie die kleinen Teegläser auffüllt.

Inzwischen ist eine weitere Bewohnerin der Schule mit einer Ehrenamtlichen vom Supermarkt zurückgekommen. Auf dem großen Tisch in der Mitte der Küche breiten sie die Einkäufe aus. Ein Kopfsalat, Tomaten, Zitronen, Auberginen, Zwiebeln, Fladenbrot, getrocknete Datteln. Die Helferin zeigt den Einkaufszettel: Er ist in erster Linie mit Zeichnungen bedeckt. Ein Ei kullert aus einem Huhn. Jemand hat ein großes Einweckglas gezeichnet. „Ist das das Richtige?“, fragt die Helferin Aydas Mutter und zeigt ihr ein großes Glas mit eingelegtem Gemüse. Die schüttelt den Kopf und zeigt auf eine Gurke darin. Dann muss eben improvisiert werden.

Die Arbeit lässt sich kaum planen

Wie viele Besucher kommen, wisse vorher keiner, sagt Yvonne Bellin. Manche bekommen eine neue Unterkunft oder sie haben einen Termin beim Lageso. Planen ließe sich kaum. „Das ist die große Herausforderung, aber auch das Schöne daran“, sagt Bellin. „Wir brauchen eine große Offenheit und müssen flexibel reagieren.“ Als im September das Angebot startete, waren sie einmal 40 Leute in der Küche. Über Aushänge und Helfer in der Schule wird die Information über den Verein verbreitet. Ziel war es, besonders die Frauen zu interessieren, da an den Sprachkursen vor Ort fast nur Männer teilnahmen.

Nun gibt es ein großes Hallo: Neda Alimardani ist gekommen. Die 39-Jährige ist das Bindeglied zwischen den Familien aus der Notunterkunft und den Helfern. Alimardani ist selbst vor 15 Jahren aus Iran nach Berlin gekommen. Sie spricht Deutsch, Türkisch, Persisch, Aserbaidschanisch und ein bisschen Arabisch. Zum 1. Januar wurde für sie eine Bundesfreiwilligendienst-Stelle bei Täks e.V. bewilligt. Sie klärt nun die Verwirrung um das Gemüse. „Sie wollte nur saure Gurken“, sagt sie. Die Helferin lacht. „Und ich dachte, sie wollte die Gurken nicht.“

Mit Neda Alimardanis Hilfe erzählt Aydas Mutter jetzt im Esszimmer vor dem Weihnachtsgesteck von ihrer Flucht. Die Familie sei in Afghanistan bedroht worden, so dass sie sich über eineinhalb Monate auf die Flucht begab. „Es war eine Katastrophe“, übersetzt Alimardani. „Sie mussten durch die Berge und der Weg war voller Schlamm. Sie hatten ständig Angst, in den Abgrund zu stürzen.“ Solche Geschichten hört sie viele. „Ich habe das Gefühl, hier können die Familien mal loslassen“, sagt Helferin Myriel. Eine der Frauen habe beim gemeinsamen Kochen einmal sogar ihr Kopftuch abgenommen. Danach haben alle ein Lied angestimmt – ein Kind war mit Xylophon in die Küche gekommen und spielte „Frère Jacques“. Zum Schluss ertönte Gesang auf Deutsch, Französisch, Arabisch und sogar Chinesisch. Und schmecken tut es auch immer.

Spenden bitte an: Spendenaktion Der Tagesspiegel e. V., Verwendungszweck: „Menschen helfen!“, Berliner Sparkasse (BLZ 100 500 00), Konto 250 030 942 - Namen und Anschrift für den Spendenbeleg notieren. BELADEBE, IBAN: DE43 1005 0000 0250 0309 42. www.tagesspiegel.de/themen/spendenaktion. Auch Online-Banking ist möglich. In diesem Jahr unterstützt der Tagesspiegel-Spendenverein insgesamt 58 soziale Vereine, Wohlfahrtsverbände und Ehrenamtsinitiativen sowie ein Hilfsprojekt für Flüchtlinge in ihren Herkunftsländern.

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