Studienreform : Der Bachelor als Eigentor

Viele Mängel der Reform sind hausgemacht.

Anja Kühne

Die Studienreform ist gescheitert. So sieht es Julian Nida-Rümelin. „Kein einziges Ziel wurde erreicht“, sagte der Münchener Philosophie-Professor am Mittwochabend beim „Zeit-Forum Wissenschaft“ in Berlin. Die neuen Bachelor-Studiengänge würden die Lage sogar verschlechtern.

Wollten die Deutschen mit der Bologna-Reform wettbewerbsfähiger werden, hätten sie nun ein Eigentor geschossen: In den USA, die früher schon ein deutsches Vordiplom als Bachelor-Äquivalent akzeptiert hätten, werde wegen des verkürzten deutschen Abiturs der in Deutschland übliche dreijährige Bachelor oft nicht anerkannt, sagte Nida-Rümelin. Auch seien Studienleistungen trotz des Kreditpunktesystems nicht besser, sondern schlechter vergleichbar als vorher. Wie viele Kreditpunkte ein Seminar bringe, variiere in Europa um den Faktor drei. Wegen der Unvergleichbarkeit, aber auch wegen der neuen Verschulung würden die Studierenden jetzt seltener ins Ausland gehen als vorher.

„Bachelor und Master – alles nur Desaster?“ lautete der Titel der Veranstaltung. Anders als Nida-Rümelin antwortete Georg Winckler, Rektor der Uni Wien und Präsident der European University Association, auf diese Frage mit Nein. Viele Probleme seien in Deutschland hausgemacht. In Österreich müssten sich die Hochschulen nicht von völlig überlasteten Akkreditierungsagenturen vorschreiben lassen, ob sie einen Studiengang stärker forschungsorientiert gestalten wollten oder nicht. Damit sei die Voraussetzung für die dringend erwünschte Vielfalt im Hochschulwesen gegeben – nicht nur zwischen Unis und Fachhochschulen, auch innerhalb der beiden Hochschultypen könne es stärker forschungs- oder stärker berufsorientierte Programme geben. Nida-Rümelin hingegen lehnt berufsorientierte Studiengänge an Unis ab, fordert aber das Promotionsrecht für angewandte Forschung an Fachhochschulen. Winckler warf Nida-Rümelin vor, er mache sich mit seiner Kritik an der Berufsorientierung des Uni-Studiums zum „Nischenprediger“. Mit alten Rezepten für wenige könnten die Unis nicht den wachsenden gesellschaftlichen Bedarf an Akademikern decken.

Imke Buß vom „Freien Zusammenschluss von StudentInnenschaften“ kritisierte die Umsetzung der Reform durch die Unis: „Der Bologna-Prozess hat nie verlangt, dass die Studiengänge völlig verschult sein sollen, dass es Anwesenheitspflichten geben muss und dass für jedes Modul fünf Prüfungen gemacht werden sollen“, sagte Buß.

HU-Präsident Christoph Markschies gab zwar zu, dass die Unis noch nachbessern müssten. Da sie die Reform aber kostenneutral umsetzen müssten, sei es schwierig, die Qualität des Studiums zu steigern. Markschies behauptete auch, die Politik habe die Unis zu dreijährigen Bachelor-Studiengängen gezwungen und vierjährige verboten – ein unter Hochschulleitungen beliebter Mythos, denn solche Vorschriften existieren nicht. Deutsche Unis bevorzugen kürzere Bachelor, um mehr Zeit für den wissenschaftlichen Nachwuchs im Master zu gewinnen.

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