Studium : Der Bachelor – einmal ganz einfach

Australien hat eine neue Idee für den Bachelor. Statt deutscher Unübersichtlichkeit herrscht Klarheit.

Uwe Schlicht

Australien erprobt ein neues Rezept, um noch mehr internationale Erfolge bei der Nachfrage der Studenten aus den asiatischen Ländern zu erzielen als ohnehin schon. Vorreiter ist die Stadt Melbourne. Der dort entworfene Bachelor soll eine Marke werden, die auf die vielen ausländischen Anfängerstudierenden aus China, Indonesien, Malaysia und Vietnam zugeschnitten ist.

Den Undergraduates werden nicht mehr wie bisher 100 verschiedene Studiengänge angeboten, sondern nur noch 6, und diese sind nicht auf Spezialwissen, sondern auf Allgemeinwissen zugeschnitten. Außerdem müssen alle Bachelor-Studenten ein Viertel ihrer Studienzeit in einer anderen Disziplin belegen als im gewählten Fach. Im Angebot sind Geisteswissenschaften (Arts), Biomedizin, Wirtschaft, Umwelt, Musik und Naturwissenschaften.

Berufsausbildung hat auf dieser untersten Ebene im Bachelor nichts zu suchen – im Gegensatz zu den deutschen Grundsätzen. Hierzulande sollen alle Bachelor-Studiengänge die Beschäftigungschancen der Hochschulabsolventen durch Zusatzangebote an verwertbaren Skills verbessern. In Australien dient hingegen erst die zweite Ebene der Graduiertenstudien (Master) der beruflichen Vorbereitung in Recht, Architektur, Erziehung, Lehrerausbildung, Medizin und Ingenieurtätigkeit. Auf der dritten Ebene wird dann der wissenschaftliche Nachwuchs zum Doktor herangebildet.

Auf einer internationalen Konferenz in der Landesvertretung von Nordrhein-Westfalen, ausgerichtet vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD), der Fulbright-Kommission, der kanadischen Botschaft, dem British Council und der Gruppe der führenden acht australischen Universitäten, wurden die Hintergründe der australischen Reform offengelegt. Entscheidend war die Nachfrage der vielen ausländischen Studenten.

Michael Crommelin, Dekan an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Melbourne, sagt, seitdem die Studenten teure Gebühren für das Studium in Australien zahlen müssten, verlangten sie als Kunden eine Gegenleistung, die in ihren Heimatländern anerkannt wird und ihnen einen Sprung auf der Karriereleiter eröffnet. Er nennt das „die Konzentration auf überall bekannte Richtungen und Qualifikationen“. Mit anderen Worten: Firmen und Behörden in China oder Indonesien wollten wissen, was sie mit einem Kandidaten anfangen können, der einen Bachelor oder Master vorweist. Gefragt sind nicht Spezialitäten auf einem weit ausdifferenzierten Niveau, sondern Grundlagen, deren Wert sofort erkennbar ist. Das ist eine Folge der Globalisierung, und die Universität Melbourne hat auf diese Globalisierung reagiert, sagt Dekan Crommelin.

Den Weg zu dieser Studienreform hat die australische Regierung freigemacht. Früher betrachtete Australien auch die höhere Bildung als ein System. Heute haben die australischen Universitäten die Chance, ihr eigenes Profil zu entwickeln.

Während Australien auf Übersichtlichkeit setzt, richten die deutschen Hochschulen immer neue Studiengänge ein. Wenn schon die große Studienreform mit den neuen Abschlüssen Bachelor und Master bis zum Jahr 2010 weitgehend vollzogen sein soll, dann möglichst vielfältig. In Deutschland ist man stolz auf 11 400 Studiengänge, von denen bereits 7606 auf Bachelor und Master umgestellt worden sind. Doch die Studiengänge werden von Hochschule zu Hochschule so stark auf ein besonderes Profil ausgerichtet, dass die Mobilität der Studenten darunter leidet. Jeder Studiengang wird in Module als die thematische Zusammenfassung von Vorlesungen, Seminaren und Übungen unterteilt, und jedes Modul muss mit einer Prüfung abschließen, für die Kreditpunkte vergeben werden. Wenn man die Spezialisierung in den Studiengängen so auf die Spitze treibt, wird es bei einem Hochschulwechsel schwierig mit der Anerkennung von Modulen und Kreditpunkten.

Für den deutschen Spezialisierungsdrang sprechen Zahlen: In den Ingenieurwissenschaften gibt es über 2000 Studiengänge, in Mathematik und Naturwissenschaften ebenfalls über 2000 Studiengänge, ähnlich sieht es in Rechts- Wirtschaft- und Sozialwissenschaften aus. Die Geistes- und Sprachwissenschaften schießen wieder einmal den Vogel ab: Sie verzeichnen rund 5000 Studiengänge.

Christian Bode, der Generalsekretär des DAAD, sparte nicht mit kritischen Anmerkungen: Man müsse sich schon fragen, ob Deutschland bei dem Bolognaprozess auf dem richtigen Weg sei. In der Mobilität herrsche Stagnation. Ein Auslandsaufenthalt während des Studiums mache nur Sinn, wenn er mindestens ein Semester, wenn nicht sogar ein Jahr dauere. Deutschland pflege eine Philosophie der Beschäftigungsmöglichkeiten, aber wo bleibe die Orientierung an der Allgemeinbildung in den vielen dreijährigen Bachelor-Studiengängen? Die alte Vorstellung Wilhelm von Humboldts, dass die Schulen für die Allgemeinbildung zu sorgen hätten, sei nicht mehr zu halten. Die Universitäten müssten diese Aufgabe mit übernehmen. Auch die starre Festlegung des Zeitrhythmus auf drei Jahre Bachelor- und zwei Jahre Masterstudium müsse überdacht werden.

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