Tag der freien Schulen : Schule machen in Pankow

Lebenskunde für Berlin: Der Humanistische Verband gründet die erste Humanistische Privatschule Deutschlands seit 1933.

Katja Gartz
Pankow
Die zukünftigen Schüler der ersten "Freien Humanistischen Schule" in Deutschland. -Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Eine Schule, in der Lehrer respektvoll mit Kindern umgehen, in der Schüler individuell gefördert werden und ohne Angst auch Fehler machen können – so eine Schule wünscht sich Bettina Zehrfeld für ihre Tochter Anna-Lena. Deshalb kommt die nächst gelegene staatliche Grundschule für sie nicht in Frage: „Zu große Klassen, der fächerübergreifende Unterricht funktioniert nicht, Kinder werden von den Lehrern herablassend behandelt und die Toiletten sind ekelig“, berichtet die Mutter aus Prenzlauer Berg. Ihre Tochter hat sie an der Humanistischen Grundschule angemeldet. Gute Erfahrungen mit der Kita Prenzelzwerge, eine von 22 Berliner Kitas in Trägerschaft des Humanistischen Verbands Deutschland (HVD) und das Schulkonzept überzeugten Anna-Lenas Eltern.

Nach dem Prinzip des Humanistischen Lebenskundeunterrichts sollen die Bedürfnisse der Kinder im Mittelpunkt stehen. So orientieren sich auch die Unterrichtsinhalte gemäß des Berliner Rahmenlehrplans am Entwicklungsstand und den Interessen der Schüler. Unterrichtet wird nach Wochenplänen, fächer- und jahrgangsübergreifend. Lesen, Schreiben, Rechnen sowie Fremdsprachen lernen die Schüler in Projekten. „Wir wollen keinen Plan abarbeiten, sondern zulassen, dass ein Thema riesige Kreise ziehen kann“, sagt Lebenskundelehrerin Jana Friedemann, die zum Gründungsteam der Schule gehört. So geht es beim Thema Piraten sowohl um Schätze aus dem Urlaub, materielle und ideelle als auch um das Wegnehmen und Stehlen. Gefragt sind dabei ebenso die persönlichen Erfahrungen der Schüler. „Wir wollen die Kinder dabei unterstützen, dass sie zu selbstständigen und selbstverantwortlichen Menschen heranwachsen“, erklärt Friedemann, die an einer staatlichen Schule unterrichtet. Deshalb gehört eine lebendige Gesprächskultur mit viel Raum zum Philosophieren zum Konzept. Schließlich würden sich bereits Kinder damit beschäftigen, wo sie herkommen, ob es einen Anfang und ein Ende der Welt gibt.

Religionen werden im Rahmen der Lebenskunde an der Weltanschauungsschule diskutiert. Durch einen Kinderrat sollen die Schüler den Schulalltag mitbestimmen können.

Zwischen 7.30 und 8.30 Uhr beginnt der Schultag. „In dieser Zeit können die Kinder kommen, ihre Aufgaben weitermachen oder ein Brot essen“, sagt die Lehrerin. Darauf folgen ein gemeinsamer Kreis mit Tagesbesprechung, neunzigminütige Arbeitsphasen, Freiarbeit und das Mittagessen. Die Lerngruppen mit bis zu 22 Kindern, werden von zwei Pädagogen unterrichtet. Nachmittags sind verschiedene Sport-, Kunst- und Musikangebote geplant. Betreut werden die Kinder in der Ganztagsschule bis 17.30 Uhr. Englisch wird ab der ersten Klasse unterrichtet, weitere Fremdsprachen werden nach Interesse angeboten.

Geplant ist eine Oberstufe, die zum Abitur führt. Die Schulkosten sind Einkommensabhängig und sollen im Durchschnitt 100 Euro monatlich betragen. Offen ist die Schule für alle Kinder unabhängig von ihrer sozialen oder religiösen Herkunft.

Wegen der großen Nachfrage wollte die erste Humanistische Schule Deutschlands in Berlin ihren Betrieb bereits zu Beginn dieses Schuljahres aufnehmen. Mehr als vierzig Kinder waren bereits angemeldet. Da aber keine Räume gefunden wurden, muss die Schule ihre Eröffnung um ein Jahr verschieben. Gesucht wird ein Standort im kinderreichen Bezirk Pankow. Interessiert ist der HVD an den frei werdenden Schulgebäuden in der Gürtelstraße in Prenzlauer Berg und in der Parkstraße in Weißensee. Da der Bezirk die Immobilien in den Liegenschaftsfonds übertragen wird, befürchten die Schulgründer, dass diese zu teuer werden. Das Interesse an einem Schulträger ist da. „Ich möchte die schulische Nutzung der Gebäude erhalten“, sagt Lioba Zürn-Kasztantowicz, Pankows Bezirksstadträtin für Gesundheit und Soziales. Weitere Gebäude für private Schulträger gäbe es in Prenzlauer Berg nicht mehr. Ob der HVD eines der Schulgebäude erwerben kann, entscheidet sich im Oktober. Sollte der Träger für das kommende Schuljahr kein Schulhaus finden, werden die ersten Klassen übergangsweise in einer Humanistischen Kita in Prenzlauer Berg eingerichtet. Künftig will sich der Verband stärker für Bildung engagieren. „Wir besitzen gute Erfahrungen mit dem Fach Lebenskunde an Schulen und mit unseren Kitas“, sagt der Geschäftsführer des HVD Berlin, Manfred Isemeyer. An 360 Berliner Schulen werden 45 000 Schüler in Lebenskunde unterrichtet, das sind 3000 Schüler und 20 Schulen mehr als im vergangenen Schuljahr. Eine weitere Humanistische Privatschule ist in Bayern geplant.

Weitere Informationen bei Jana Friedemann, Tel. 47 46 99 95 oder im Internet unter: www.hvd-berlin.de

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