Theaterprojekt : Heine mit Zischlaut

An der Produktionsschule Mitte lernen Schüler, die vorher wenig Erfolg im Unterricht hatten. Mit Poesie hatten sie bisher nichts am Hut. Jetzt stehen sie in ihrem eigenen Stück auf der Bühne.

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Im Ballsaal Glaskasten in Wedding proben Jugendliche eine Theatercollage. Mit Poesie hatten die Schüler vorher nichts zu tun.Alle Bilder anzeigen
Foto: Doris Spiekermann-Klaas
07.06.2011 11:39Im Ballsaal Glaskasten in Wedding proben Jugendliche eine Theatercollage. Mit Poesie hatten die Schüler vorher nichts zu tun.

MitteStani steht breitbeinig auf der Bühne und stutzt mitten im Text: „Wo war isch noch ma?“ Der 18-Jährige sieht kurz auf einen Zettel, dann deklamiert er weiter, mit ausholenden Armbewegungen und viel Pathos: „Deutschland hat ewigen Bestand/Es ist ein kerngesundes Land/Mit seinen Eichen, seinen Linden/ Werd ich es immer wiederfinden.“ Statt „Eichen“ sagt er „Aischen“, und auch sonst wird aus „ch“ immer „sch“ – im besten Ghetto-Zischlaut-Slang, den man bei vielen Jugendlichen hört, deren Familien nicht zum Bildungsbürgertum gehören.

So ähnlich reden sie hier alle: Die vier anderen Jungs und zwei Mädchen, die mit Stani gerade im Ballsaal Glaskasten in Wedding ihr Collagen-Stück proben. Sie sind alle 17 oder 18. „Ich will sein – keine Erfolgsgeschichten“, heißt es. Es wird auch gerappt, getanzt, und die Schüler haben eigene Szenen geschrieben. Mit Heinrich Heine hatten alle bislang nicht viel am Hut. Sie gehen auf die Produktionsschule Mitte. Wer dort landet, hatte vorher wenig Erfolg im Unterricht. „Zu uns kommen Jugendliche, die an normalen Schulen nicht klarkommen und sonst ins Abseits rutschen würden“, sagt Peter Urban von der Zukunftsbau GmbH, zu der die Produktionsschule gehört. Dort lernen sie in Projekten: Mal produzieren sie Möbel, mal machen sie Theater. „Dabei lernen sie Literatur, Teamarbeit, Verlässlichkeit und auch, ihre eigenen Macken in den Hintergrund zu stellen“, sagt Urban.

Bei den Proben wird deutlich, dass genau das ziemlich schwierig ist. Regisseurin Michaela Benn, sonst Dozentin an der Berliner Schule für Schauspiel, hört zwar oft Widerworte, aber man merkt, dass die Schüler sich zusammenreißen: „Jetzt gehen Sie mir doch nicht immer auf...“ Stani zögert, sagt schließlich doch nichts Vulgäres, sondern: „äh – ins Wort.“ Dann wiederholt er brav seinen Text – wie verlangt. Amina, die zuerst nur schmollend in der Ecke sitzt, fängt irgendwann an, elegant zu tanzen, während die anderen auf Cajons und Djembés trommeln. Rade trommelt die schwierigsten Rhythmen: „Das liegt mir im Blut.“ Er ist auf der Hauptschule gescheitert, „aber jetzt reicht es mit den Faxen. Auf der Produktionsschule habe ich ein Ziel – wie die anderen.“ Zum Beispiel Sandra, die auf der Hauptschule 40 Fehlstunden hatte: „Jetzt habe ich keinen Grund mehr zum Schwänzen.“

Von der Hauptschule geflogen ist keiner von ihnen. Ihre Lehrer haben sie zur Produktionsschule geschickt, bevor es dazu kam. „Sie bleiben weiter Schüler ihrer alten Schule und werden von dort ihr Abschlusszeugnis bekommen“, sagt Urban. Bis Oktober 2012 wird die Produktionsschule als Modellprojekt vom Bundesprogramm Soziale Stadt finanziert. Urban möchte, dass danach die Bildungsverwaltung die Finanzierung übernimmt, als Teil des Regelschulangebots. „Aber es herrscht die Meinung, die Produktionsschule sei zu teuer. Dabei wird es erst dann richtig teuer, wenn die Jugendlichen von der Schule fliegen und in lebenslängliche Hilfesysteme einmünden.“

Die Schule hat die Schauspielerin Meret Becker als Schirmherrin gewonnen, bei der Aufführung am Mittwoch wird sie das Stück ankündigen (14 Uhr Prinzenallee 33, Eintritt frei). Diesmal ist Meret Becker zur Probe gekommen und verteilt am Ende viel Lob: „Das funktioniert. Es ist total eindrucksvoll. Eigentlich einfach geil“, sagt sie. Und hat noch einen Rat: „Immer einfach improvisieren, wenn es mal hakt.“ Stani nickt. Daniela Martens

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