• Turbo-Abiturienten fordern Notenausgleich Kommender Doppeljahrgang fürchtet Konkurrenz – an den Gymnasien wächst die Unruhe

Schule : Turbo-Abiturienten fordern Notenausgleich Kommender Doppeljahrgang fürchtet Konkurrenz – an den Gymnasien wächst die Unruhe

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Foto: Uwe Steinert
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Für viele Zehnt- und Elftklässler gibt es zurzeit nur ein Thema – das Doppelabitur im Jahr 2012. Beide Jahrgänge werden zeitgleich die Prüfungen ablegen. Reichen dann die Studienplätze? Gibt es zusätzliche Azubi-Stellen? Wie gut müssen die Noten sein, wenn plötzlich statt 12 000 rund 20 000 Abiturienten auf dem Markt sind? Besonders groß ist die Verunsicherung bei den jetzigen Zehntklässlern, die erstmals das Abitur nach zwölf Jahren ablegen müssen.

„Wir werden einem unglaublichen Lern- und Leistungsdruck ausgesetzt“, befürchtet die 15-jährige Zehntklässlerin Annika Westphal, die das Charlottenburger Sophie-Charlotte-Gymnasiums besucht. Sie beklagt, dass sie nächstes Jahr viele Kurse zusammen mit den Zwölftklässlern belegen muss, die über mehr Routine und Wissen verfügen. Mit ihren Klassenkameraden fordert sie deshalb einen „Nachteilsausgleich“ – beispielsweise durch einen Notenbonus.

Tatsächlich steht den Gymnasiasten eine schwierige Umstellungsphase bevor: Die jetzigen Zehntklässler müssen ohne die sogenannte Einführungsphase (bisher: Klasse 11) auskommen, in der sie sich bislang auf das Abitur vorbereiten konnten. Somit treten sie nach Klasse 10 direkt in die „Qualifikationsphase“ ein (bisher: Klasse 12 und 13), in der sie die Punkte für die Abiturnote sammeln. Dort treffen sie auf Schüler, die noch nach der alten Ordnung die Schule durchlaufen und die Einführungsphase absolviert haben.

Dies ist aber nicht der einzige Vorteil, den die älteren Konkurrenten verbuchen können: Sie haben außerdem weniger Wochenstunden und weniger Klausuren als die neuen Turbo-Schüler, können sich also besser auf die einzelnen Kurse vorbereiten. „Die Stundenplandichte wird für uns sehr hoch sein. Das bedeutet, dass wir keine Freistunden oder längere Pausen haben werden, um uns auszuruhen und das Gelernte zu verarbeiten“, beklagt deshalb Annika Westphal. „Wir werden im Stoff unterlegen sein“, befürchtet auch Johanna Schwencke vom Lichtenberger Manfred- von-Ardenne-Gymnasium.

Die Bildungsverwaltung macht eine andere Rechnung auf. Dazu gehört, dass Annikas und Johannas Jahrgang in der Mittelstufe mehr Unterricht hatte als der Jahrgang davor, so dass das wegfallende elfte Schuljahr schon im Vorgriff nahezu kompensiert worden ist. Die dann noch fehlenden Stunden werden in den zwei Jahren der Oberstufe nachgeholt.

Die Bildungsverwaltung rät den Schulen, diese zusätzlichen Stunden für „Einführungskurse“ zu nutzen, um den Schülern über etwaige Lücken hinwegzuhelfen. Außerdem könne es den jüngeren Schülern nutzen, wenn die Klausuren jeweils an das Ende des Schulhalbjahres verlegt würden. So hätten sie mehr Zeit, mögliche Defizite aufzuholen. Ein „Nachteilsausgleich“ allerdings sei schon rechtlich nicht möglich.

Und wohl auch nicht nötig. Das jedenfalls legen die Erfahrungen der Vorreiter in Sachen „Doppeljahrgang“ nahe. So hatten die Absolventen in Sachsen-Anhalt mit 13 Jahren Schullaufbahn einen Schnitt von 2,43 und die „Turboschüler“ 2,47. Im Saarland zeigte sich ein ähnliches Bild. Auch hier gab es im Vorfeld viel Aufregung bis hin zu Warnungen, die jüngeren Schüler würden „ins Bodenlose stürzen“ und „in großer Zahl die Schulen verlassen müssen“. Hinterher war man schlauer: Der Abischnitt lag bei 2,480 bzw. 2,473. Lediglich in Mathematik habe es kurzzeitig Probleme gegeben, die durch Zusatzkurse hätten ausgeglichen werden können, heißt es im Saarbrücker Ministerium

Angesichts solcher Erfahrungen in den anderen Bundesländern geht Ralf Treptow vom Verband der Berliner Oberstudiendirektoren nicht davon aus, dass ein Nachteilsausgleich nötig ist. Als Schulleiter weiß er allerdings, dass es eine „gefühlte Angst“ bei den Schüler gibt, die man „nicht vor der Hand weisen kann“. Er empfiehlt seinen Kollegen, mit Informationen gegenzusteuern. So müsse man die Schüler darauf hinweisen, dass schon jetzt an sehr vielen Schulen jahrgangsgemischte Kurse eine Selbstverständlichkeit sind.

Tatsächlich kommen viele Leistungskurse nur deshalb zustande, weil die Jahrgänge 12 und 13 zusammengefasst werden. Vor allem in weniger nachgefragten Fächern wie Physik ist das der Fall. Zudem trügen Wiederholer und Rückkehrer aus dem Auslandsjahr schon jetzt dazu bei, „dass Schüler unterschiedlichen Alters und mit unterschiedlichen Unterrichtserfahrungen in den gleichen Kursen sitzen“, ergänzt Verwaltungssprecher Jens Stiller. All diese Aspekte sollen demnächst in einer Infoschrift zusammengefasst und den Familien an die Hand gegeben werden, um die Befürchtungen einzudämmen.

Dass es viele Informationslücken gibt, bestätigt die Leiterin der Ardenne- Schule, Annemarie Sardisong: Die Eltern hätten sich an den Bildungssenator gewandt und ihre Fragen und Befürchtungen zum Ausdruck gebracht. Auch Annika Westphals Mutter hat so einen Brief mitverfasst, denn eines stehe fest: „Die Eltern regen sich unheimlich auf“.

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