U18-Wahl für Kinder und Jugendliche : Wahllokal im Klassenzimmer

Bei der U18-Wahl am Freitag können Kinder und Jugendliche ihre Stimme abgeben. Die Veranstalter rechnen mit 150 000 Teilnehmern. In Berlin gibt es rund 300 Wahllokale, wir haben eines in Zehlendorf besucht.

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Hand drauf. Das U18-Team der Zehlendorfer Droste-Hülshoff-Schule.
Hand drauf. Das U18-Team der Zehlendorfer Droste-Hülshoff-Schule.Foto: Georg Moritz

Die Siebt- bis Zwölftklässler sitzen im Kreis im Computerraum und besprechen die anstehenden Wahlen. Wie viele Wahlkabinen werden aufgestellt? Gibt es in allen Schichten genügend Wahlhelfer? Wäre es sinnvoll, noch mehr Plakate aufzuhängen? Nicht, dass jemand vor dem Wahlzettel sitzt und keine Ahnung von den Parteien hat. „Ach, nehme ich mal Grün, das ist ’ne schöne Farbe“, witzelt einer der Anwesenden.

Doch den Schülern ist mehr zuzutrauen – das ist das Motto der anstehenden U18-Wahl. Sie findet bundesweit zum zweiten Mal statt. Mehr als 1200 Wahllokale haben sich angemeldet, um am 13. September, neun Tage vor der Bundestagswahl, allen Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren eine Stimme zu geben. Das Wahllokal in der Droste-Hülshoff-Schule in Zehlendorf ist eines von rund 300 Wahllokalen in Berlin, wo es bereits mehrere U18-Wahlen zum Abgeordnetenhaus gab.

Begonnen hat alles 1995 in einer Jugend- und Freizeiteinrichtung in Wedding – mit einem einzigen Wahllokal. Daraus wurde in den Jahren darauf ein großes Netzwerk. Bei der U18-Wahl 2009 gab es 127 000 abgegebene Stimmen. Die SPD gewann knapp mit 20,45 Prozent, gefolgt von den Grünen mit 20 Prozent und der CDU mit 19,35 Prozent. Dieses Mal rechnen die Organisatoren mit rund 150 000 Stimmen.

Wenn am 13. September um 18 Uhr alle Wahllokale geschlossen sind, geht es an die Auszählung. Den weiteren Verlauf können die Schüler über ein richtiges Wahlstudio verfolgen, auf der U18-Webseite. Die eineinhalbstündige Sendung organisieren Schüler und Studenten, es gibt Studiogäste, Schaltungen in Wahllokale und erste Hochrechnungen.

„Der Wahltag ist natürlich das Highlight des Projekts“, sagt Milena Feingold, U18-Projektkoordinatorin. „Doch das Wichtigste sind die Wochen davor.“ Die Infoveranstaltungen, Vorbereitungen, die ganze Auseinandersetzung mit Parteien und Wahlabläufen – das ist politische Bildung zum Anfassen.

Ein Notizbuch mit einem „Atomkraft? Nein danke“-Aufkleber liegt auf dem Tisch des Computerraums in der Droste-Hülshoff-Schule. Die drei Hauptorganisatorinnen des U18-Wahlteams der Schule sind auch Leiterinnen der Klima AG: Katharina, 14, und die Zwillinge Johanna und Louisa, 15. Daniel Eckardt, Lehrer für Geschichte, Politik und Sozialkunde, unterstützt sie – er ist selbst regelmäßig offizieller Wahlhelfer.

Johanna hat schon einiges dabei gelernt. „Ich will nicht mit 18 Jahren zum ersten Mal einen Wahlzettel sehen und mir dann denken: Was mach ich hier eigentlich?“ Auch Lena, 18, ist im Helferteam – dabei darf sie dieses Jahr zum ersten Mal offiziell wählen gehen. Sie hat sich noch nicht für eine Partei entschieden, aber sie sagt: „Gerade deshalb finde ich es gut, dass ich mich hier schon damit beschäftigen kann.“

Noch bis zum 12. September können Wahllokale über die U18-Webseite angemeldet werden. Infrage kommen alle Orte, wo sich Jugendliche aufhalten: Schulen, Freizeiteinrichtungen, Bibliotheken. Parteien und deren Jugendorganisationen sind ausgeschlossen. Auch mobile Wahllokale wird es geben, wie ein altes Feuerwehrauto in Zehlendorf, in dem das Nachbarschaftshaus Wannseebahn e.V. Wahlkabinen einrichtet.

U18 ist dezentral organisiert. Die Umsetzung erfolgt über die einzelnen Wahllokale – auf der U18-Webseite gibt es eine Menge Info-Materialien und Anregungen. Die Veranstaltungen im Vorfeld gehen von der Vorbereitung über Diskussionsrunden und Kiezspaziergänge mit Politikern bis zu Wahlpartys. Diese Veranstaltungen sind das Schönste an den U18-Wahlen für Marcus Lehmann, Jugendhilfeplaner im Bezirksamt Mitte. Lehmann ist der Erfinder von U18. Er sagt: „Ich hätte nicht gedacht, dass wir es zu dieser Dimension bringen.“ Er sagt aber auch: „Bei der nächsten bundesweiten U18-Wahl wünsche ich mir 2000 Wahllokale.“

Als 1995 die Wahl zum Abgeordnetenhaus anstand, dachte Lehmann, der damals in einer Weddinger Jugendeinrichtung arbeitete: „Es muss doch etwas geben, um die jungen Menschen dafür zu interessieren.“ Also startete er ein Projekt, in dem er sich gemeinsam mit den Jugendlichen mit den Parteien auseinandersetzte. Als krönenden Abschluss gab es eine Wahl. U18 war geboren und breitete sich später auf Mitte, dann berlin- und bundesweit aus.

Katharina, Johanna und Louisa aus dem U18-Team an der Droste-Hülshoff-Schule sind alle noch etwas unentschlossen, für welche Partei sie sich entscheiden sollen. Wichtig sind für die drei Schülerinnen die Themen Energiewende, Vermögensverteilung und Waffenlieferungen ins Ausland.

Auch Marcus Lehmanns achtjährige Tochter wird an ihrer Schule ihre Stimme abgeben. Wenn Papa dann am 22. September ebenfalls wählt, will sie unbedingt mitkommen. „Sie fiebert richtig mit“, sagt Lehmann. Schon mit acht Jahren weiß seine Tochter durch U18, was eine Erst- und eine Zweitstimme ist, sie kennt die Parteien und sie weiß, wie man wählt. Sie wird darauf bestehen, mit ihrem Vater die ersten Hochrechnungen anzusehen.

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