Universitäten : Humboldts Geist

Nabelschau: die Humboldt-Uni zwischen Massenuniversität und Elitewettbewerb. Geht es womöglich den knapp gescheiterten Unis besser? Schließlich wurden auch die amerikanischen Eliteunis nicht einfach ernannt - sondern hatten Zeit, zu wachsen.

Uwe Schlicht

„Humboldts Zukunft im Gespräch“ – so lautete der Titel einer Podiumsdiskussion mit Protagonisten, die den Aufbau der Humboldt-Universität nach der Wende vorangetrieben haben. Es war eine große Zeit: Die Berliner Politik setzte auf die Humboldt-Universität als den Motor zur Reform. Die HU formulierte ein Leitbild im Sinne ihrer großen Geister – der Brüder Humboldt, des Philosophen Hegel und des Naturforschers Helmholtz. Man hatte außerdem 29 Nobelpreisträger in der Ahnengalerie.

Tatsächlich eilte die HU damals von Erfolg zu Erfolg: Sie gab sich eine Reformsatzung, die in ganz Deutschland Aufmerksamkeit erregte, und sie schaffte es bis auf den neunten Platz unter den deutschen Universitäten im Forschungsranking der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Über diese große Zeit hat jetzt der HU-Politikwissenschaftler und Skandinavist Bernd Henningsen als Herausgeber mit anderen Reformern ein Buch über „Humboldts Zukunft“ veröffentlicht. Es bildete den Hintergrund der Podiumsdiskussion.

Den anderen Hintergrund bildete die große Enttäuschung: Im Exzellenzwettbewerb errang die örtliche Konkurrentin, die Freie Universität, den Elitestatus und nicht die Humboldt-Universität. Vielleicht deshalb dominierte bei dem Zukunftsgespräch im Senatssaal der HU nicht Aufbruchsstimmung, sondern Skepsis – und ein Quäntchen Trotz.

Der Philosoph Volker Gerhardt, von dessen Ideen das Leitbild der Humboldt-Universität stark geprägt worden ist, erinnerte daran, dass die Mitglieder einer Universität sich nach der Leitidee Wilhelm von Humboldts als Teil eines lebendigen Ganzen verstehen sollten. Die Pläne von Wissenschaftssenator Zöllner, den außeruniversitären Forschungsinstituten Einfluss auf Promotionen und die Gestaltung von Masterstudiengängen zu geben, gefährdeten diese Idee. Die Einheit von Forschung und Lehre könne nur erhalten bleiben, wenn die Universität die akademisch leitende Institution in einer solchen Kooperation bleibe – und die Masterstudiengänge und nicht den Bachelor zur Hauptsache mache.

Während Zöllners Pläne Berlin im Exzellenzwettbewerb insgesamt weiter nach vorne bringen sollen, stellte der ehemalige Wissenschaftssenator George Turner den Wettbewerb an sich infrage. Die amerikanischen Eliteuniversitäten seien nicht ernannt worden, sondern hätten 200 Jahre wachsen können, bevor sie ihre herausragende Stellung erreichten. Der deutsche Exzellenzwettbewerb dagegen trage Züge einer Planwirtschaft. So wurden Pläne bewertet, nicht Leistungen. Und die seien ja noch nicht erbracht. Sicher, die deutsche Hochschullandschaft habe sich durch den Wettbewerb differenziert: in die neun mit dem Elitestatus ausgezeichneten Universitäten, die elf Hochschulen, die mindestens einen Forschungscluster und eine Graduiertenschule zuerkannt bekamen, und die zwölf Unis, die nur in einem Förderkonzept erfolgreich waren. Die über 50 weiteren Universitäten, die keinen Zuschlag erhielten, verfügten aber in einzelnen Fächern ebenfalls über Leuchttürme.

Da lag die Frage von Bernd Henningsen nahe, ob sich die im Exzellenzwettbewerb ausgezeichneten Universitäten in ihrer neuen Rolle wohlfühlten oder ob es den knapp gescheiterten Universitäten nicht besser gehe? HU-Präsident Christoph Markschies wollte darauf keine eindeutige Antwort geben. Der Exzellenzwettbewerb habe die Hochschulen kräftig durchgerüttelt. Die Aktiven unter den Wissenschaftlern hätten sich besser kennengelernt, gleichzeitig seien im uniinternen Auswahlverfahren um die herausragenden Projekte Konflikte aufgebrochen.

Und Humboldts Zukunft? Markschies sieht folgende Alternative: Im schlechtesten Falle sei Humboldts Idee in der Massenuniversität verloren gegangen, im besseren Falle bleibe das Streben nach Humboldts Ideen etwas noch nicht ganz Aufgefundenes. An seiner Universität sieht Markschies Humboldts Geist noch lebendig: Er nannte als Beispiel die Lebenswissenschaften. Dieser neue Schwerpunkt solle die Integration von Geistes- und Naturwissenschaften sowie der Medizin erreichen.

(Bernd Henningsen (Hrsg.): Humboldts Zukunft. Das Projekt Reformuniversität. Berliner Wissenschaftsverlag, Berlin 2008. 388 Seiten, 39 Euro).

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