Schule : Unser Hund im Klassenzimmer

Tiere schaffen für viele Schüler einen neuen Lernzugang: Sie können bei Mathe helfen und auch bei der emotionalen Entwicklung.

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Auf dem Teppich.
Auf dem Teppich.

Wenn Schulhund Hanna in der Schilling-Schule ist, dann läuft der Leseunterricht nach anderen Regeln. Bevor die Schüler Buchstaben und Wörter üben, bekommt der schwarze Pudel eine Aufgabe gestellt. Eine Dose wird versteckt, der Hund muss sie suchen und bringen. „Sitz!“, „Such!“, „Gib!“, leiten die Schüler des jahrgangsübergreifenden Lernens im Neuköllner Förderzentrum den Hund an. Sie loben Hanna oder helfen ihr bei Bedarf, bis sie die Dose mit den Übungszetteln bringt. Und erst wenn Hanna ihre Belohnung bekommen hat und die Schüler stolz auf den Pudel sind, ziehen sie die Aufgabe für sich selbst aus der Dose.

Hunde im Unterricht schaffen für viele Schüler einen neuen Zugang zum Lernen: Sie helfen bei Lese-, Rechen- oder Sportübungen und beim emotionalen und sozialen Lernen. Sie verschieben das Gefüge zwischen Lehrer, Schülern und Tier: wer wem hilft, wer wem etwas beibringt und für wen es Regeln gibt.

„Wenn Hanna in der Klasse ist, sind die Kinder viel konzentrierter“, beobachtet Erzieherin Melitta Herberger. Sie hat den Arbeitskreis Schulhund Berlin gegründet und bringt seit vier Jahren – derzeit an vier Tagen pro Woche – ihren Hund in die pädagogische Arbeit ein. Die Kinder seien ruhiger. Eine Regel im Umgang mit Hanna lautet: Nicht schreien. Der Hund sei ein Motivationsfaktor. Bei motorischen Entwicklungsübungen auf einem Parcours zeigen zuerst die Kinder dem Hund die Übung und lernen sie dabei auch selbst. In einer dritten Klasse entsteht gerade ein selbst gemachtes Lesebuch mit Geschichten rund um Hanna, die die Schüler in Fotos und Texten umsetzen. Das Klima zwischen den Kollegen entspanne sich und auch bei den kleinen und mittleren Tragödien eines Schultages, wenn sich ein Schüler wehtut und wenn es mal Tränen gibt, hilft der Pudel als Trostspender.

Dass die Anwesenheit ihres Golden Retrievers Smykker die Kinder entspannt, beobachtet Britta Schulze-Niedack von der Schule am Bienwaldring in Neukölln besonders deutlich bei Kindern mit Spasmen. Verkrampfen sich sonst bei Übungen mit einem Ball die Hände, entkrampfen sie sich, wenn ihr Hund dabei ist. Autistische Kinder, die sich sonst im Unterricht kaum melden, sprechen mit dem Hund mehr als sonst, erzählt sie. Ein Hund sei für viele Kinder ein Türöffner.

Derzeit werden Schulhunde in Berlin vor allem in Grundschulen und Förderzentren eingesetzt. In Regelklassen sei es wegen der größeren Schülerzahlen schwerer, individuelle Übungen mit einem Schulhund umzusetzen, jedes Kind möchte drankommen. Aber auch hier könne ein Schulhund die Lernatmosphäre deutlich verbessern. An ihrer früheren Schule, der Reineke-Fuchs-Grundschule in Reinickendorf, hätten Schüler zum Beispiel auf einem Leseteppich dem Hund laut vorgelesen. Dabei lasen viele Schüler lauter und flüssiger als sonst, sagt Schulze-Niedack. „Warum soll ein Schulhund nicht die Aufgaben verteilen und damit den Einstieg in einen Test entspannen?“, fragt sie. Der Kreativität seien keine Grenzen gesetzt. Ein Hund sei aber auch „kein Zauberinstrument“, und man könne ihn auch nicht einfach mal für eine Stunde ausleihen und dadurch Klassenprobleme lösen, wie manche Kollegen sich das vorstellen.

Der Arbeitskreis Schulhund setzt sich für Standards für die pädagogische Arbeit mit Hunden ein (siehe Kasten). Dazu gehören eine Ausbildung für den Pädagogen und sein Tier und klare Regeln für den Einsatz in der Schule, um Unfälle zu vermeiden und das Tier vor Überlastung zu schützen. Auch auf Ängste von Kindern und Kollegen oder Allergien müsse man eingehen, sagt Melitta Herberger. Manche Eltern hätten anfangs Sorge. Für manche gläubigen Muslime gelten Hunde als unreine Tiere. Sie achtet dann darauf, dass der Hund in einer Sprechstunde nicht frei herumläuft, und informiert über die Arbeit mit dem Tier. Klare Regeln und die Wirkung des Hundes auf ihre Kinder zu sehen, nehme oft die Bedenken.

An der Sancta-Maria-Schule der Hedwigschwestern, einem Förderzentrum in Nikolassee, hat Heide Ruttmann einen „Hundeführerschein“ und ein „Hundeamt“ für ihre Labrador-Hündin Ada eingeführt. Niemand werde gezwungen, mit dem Hund umzugehen, erklärt sie. Durch klare Regeln und die Information über Hundehaltung würden sich ihrer Erfahrung nach auch ängstliche Schüler dem Tier langsam nähern.

Ruttmann beobachtet, wie ihre Schüler, häufig Jungs zwischen 16 und 18 Jahren, die Probleme mit Aggressionen und Bindungen hätten, gegenüber dem Hund ganz andere Töne anschlagen. „Der Hund wird zu einem echten Sozialpartner“, so Ruttmann. Schüler, die sonst selbst oft Hilfe bekommen, sehen, dass sie dem Hund etwas geben können. Wurde vor der Klassentür noch geflucht, nennen sie die Labrador-Hündin im Zimmer plötzlich „Schätzchen“, übernehmen Verantwortung für das Tier und vertreten sich bei der Hundepflege gegenseitig, wenn ein Schüler krank wird. Und selbst wenn ihr Hund im Unterricht mal schnarche, so Ruttmann, würden ihre Schüler sich freuen. Jetzt in den Ferien hat übrigens auch Ada Erholung. Sie fährt mit Ruttmanns Familie in Urlaub.

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