Verabschiedung des Senators : Jürgen Zöllner hat mit der Hauptschule abgeschlossen

Mit Jürgen Zöllner verabschiedet sich das dienstälteste Mitglied einer Landesregierung. Allein die Bildungsreform unter ihm bot genug Anlass zu Streit. Wie beurteilen Sie Zöllners Amtszeit in Berlin? Diskutieren Sie mit!

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Abschied vom Amt. Mehr als 20 Jahre gehörte Jürgen Zöllner einer Landesregierung an, zunächst in Rheinland-Pfalz, seit 2006 in Berlin.
Abschied vom Amt. Mehr als 20 Jahre gehörte Jürgen Zöllner einer Landesregierung an, zunächst in Rheinland-Pfalz, seit 2006 in...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Es ist die Zeit der Abschiede. Die Senatoren der Linkspartei wurden am Donnerstag entlassen, nächsten Mittwoch sind die SPD-Kollegen dran. Politische Karrieren gehen da wider Willen zu Ende oder in die Warteschleife. Nur einer hat schon vor einem halben Jahr gesagt, dass er von sich aus geht: Bildungssenator Jürgen Zöllner. Dabei ist er nicht der Älteste – das ist Innensenator Ehrhart Körting – , aber er ist länger im Amt als Körting und Wowereit zusammen: Mit ihm geht Deutschlands dienstältester Ressortchef.

Wie setzt man so einen Schlusspunkt? Gibt es einen rauschenden Empfang und die ultimative Abschiedsrede?

Eher nicht. Zöllners Terminkalender der letzten Tage liest sich prosaisch. Da ist nichts, was nach Glamour klingt oder Hauch der Geschichte.

Aber wer sich umhört in diesen Tagen in den Schulen und Universitäten, bekommt Antworten, die so prosaisch gar nicht klingen. Die häufigste lautet ungefähr so: dass sich der rheinland-pfälzische Importsenator in Berlin unsterblich gemacht hat, weil er das dreigliedrige Schulsystem beerdigt hat. Und weil er das geschafft hat, obwohl es nicht im Koalitionsvertrag von Rot-Rot stand; mit dem einfachen Argument, dass es ein Ende haben sollte mit der programmierten Perspektivlosigkeit der Hauptschulkinder. „Diese Kinder können nicht mehr warten“, wurde zu Zöllners Schlachtruf, der letztlich auch die Zweifler in den eigenen Reihen überzeugt hat.

Alles andere, was der Sozialdemokrat in Berlin sonst noch geleistet oder auch nicht geleistet hat, verschwindet hinter dieser Reform. So jedenfalls sehen es die Schulleute. „Sein bleibendes Verdienst wird die Schulstrukturreform sein: das Augenmaß für das politisch Machbare und ein im Rahmen der Möglichkeiten optimales Vorgehen“, lautet das Urteil von Paul Schuknecht aus den Reihen der GEW-Schulleiter. Er befindet sich damit in seltener Eintracht mit den konservativen Vertretern der Oberstudiendirektoren. Ihr Vorsitzender Ralf Treptow lobt die „alternativlose Schulreform“, attestiert dem Sozialdemokraten ein „erfreulich unideologisches und in der Sache pragmatisches und von Grundwerten geprägtes Handeln“ sowie „eine bemerkenswerte Kultur der Kommunikation“.

Ein Schulleiter, der noch nicht lange in Berlin ist, kam deshalb ins Staunen, als er kürzlich Zeuge wurde, wie rund 100 Schulleiter den Senator verabschiedeten. Ein „inniges, warmes Verhältnis“, sei da spürbar geworden. Auch aus Zöllners Heimatland Rheinland-Pfalz gibt es Lob: Er habe dort „die Grundlage für die Modernisierung, den Ausbau und die Verbesserung der Forschungs- und Wissenschaftslandschaft geschaffen“, sagte Ministerpräsident Kurt Beck (SPD), der ihn 2006 nur ungern hatte gehen lassen.

Dennoch hat Zöllner zugegeben, dass er sich überschätzte, als er das Mammutressort übernahm. Dass er nicht damit gerechnet hatte, wie schwer es sein würde, neben Wissenschaft und Forschung auch noch den Kita- und Schulbereich zu übernehmen. Er habe sich „oft einsam gefühlt“, hat er mal gesagt. Es gab Tiefpunkte rund um die Auseinandersetzung um Einstein-Stiftung und Charité-Rettung. Im Nachhinein hat sich das meiste zurechtgeruckelt. Der Regierende Bürgermeister gibt zu Protokoll, Zöllner habe „große Leistungen vorzuweisen, die Berlin weit vorangebracht haben“. Als Beispiel nennt er die Exzellenzinitiative und die Einstein-Stiftung, „vor allem aber die zukunftsweisenden Reformen im Schulbereich“. Nicht viel anders sieht es der Vorsitzende der Berliner Rektorenkonferenz, FU-Präsident Peter-André Alt: Der Wissenschaftsstandort Berlin habe von der „politischen Kompetenz“ Zöllners profitiert, dem er überdies noch eine „charaktervolle Mischung aus Ausdauer und Gelassenheit“ attestiert.

Wen wundert es da, dass Zöllner künftig nicht nur auf seiner Dachterrasse in Prenzlauer Berg sitzen will, sondern „eine neue Aufgabe ansteuert – irgendwo im Wissenschaftsbereich“.

Der rot-schwarzen Koalition möchte er zur Zeit keine öffentlichen Ratschläge erteilen. Bekannt ist nur, dass er angesichts der Finanzklemme noch mehr auf Qualität und Effektivität bei der Bildung achten würde. Auch zur Frage des Lehrermangels hat Zöllner sich geäußert: Wenn man die Pädagogen nicht verbeamten wolle, dann müsse man zumindest „die Attraktivität ihres Arbeitsplatzes erhöhen“. Soll heißen: Bessere Aufstiegsperspektiven, neue Arbeitszeitmodelle und genug Geld, um nicht dem Lockruf anderer Bundesländer zu folgen. Diese Herausforderung gegenüber dem künftigen Finanzsenator durchzusetzen, liege dann aber „im Geschick des Nachfolgers“.

Nicht nur Landesschülersprecher Jonas Botta hat so seine Zweifel, ob das klappen wird. Zu Zöllners Abschied lobte er zwar dessen „grundsätzlich gute Ideen wie die Einführung der Sekundarschule“, fügte aber gleich die Mahnung an den Nachfolger an, „dass Bildung und Schulreformen nicht zum Nulltarif gehen“.

Zöllner hat sich immer wieder angeguckt, wie die Schulen zurecht kommen. Er holte erstmals eine versierte Elternvertreterin als Qualitätsbeauftragte, um einzelne Schulprobleme zu klären.

Wie viele Schulen er in Berlin besucht hat, weiß er nicht. Aber welches die letzte war, steht fest: Die kleine, verwunschen gelegene Lindenhof-Grundschule in Schöneberg. Da war er „so aufgeregt wie nur selten in den letzten fünf Jahren“, weil er vor den erwartungsvollen Kindern mit angemessen verstellter Stimme einen Dialog zwischen Schaf und Wolf vortragen sollte. Er hat auch das hingekriegt.

Jetzt spürt Zöllner im Angesicht seines letzten Arbeitstages nach mehr als 20 Amtsjahren als Minister und Senator „weder Wehmut noch Erleichterung“, sondern nur, dass etwas abgeschlossen ist und etwas Neues beginnen soll.

Vielleicht wird er seinen Wecker nicht mehr auf 6.30 Uhr stellen. Vielleicht wird er sich freuen, dass er den Termindruck los geworden ist. Ob er sich auch freier fühlen wird ohne all das und ohne die Parteiraison? Zöllner Antwort drauf lautet nur: „Ich habe mich nie unfrei gefühlt“. Susanne Vieth-Entus

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