Vereinssport : Freistoß für den Ehrgeiz

Viktoria Mitte macht Kindern Lust auf Vereinssport. Hier trainieren sie auch zweimal die Woche – und lernen Deutsch beim Kicken.

Rita Nikolow
Jugendsport
Ein Sieg ist natürlich das Schönste. -Foto: Thilo Rückeis

Der letzte Schuss war einfach zu temperamentvoll. Das kleine Tor fällt in sich zusammen. Trainer Elias läuft herüber, stellt den Kasten wieder auf, und das Spiel geht weiter. Mittwoch ist Fußballtag für viele Erstklässler der Gustav-Falke-Grundschule in Wedding. Um halb zwei kommt an diesem Tag der „Trainer“, wie sie ihn nennen, zu ihnen in die Turnhalle. Elias ist 35, groß, schlank, trägt ein rotes Sweatshirt, eine schwarze Jogginghose und steht keine Sekunde still.

Elias heißt eigentlich Lyés Bouziane, den Spitznamen hat er beim Fußball bekommen. Er ist Jugendleiter beim Verein SV Rot-Weiß Viktoria Mitte 08, der sich vergangenes Jahr gegründet hat. Elias macht das ehrenamtlich und aus Überzeugung. Er und die anderen Vereinsgründer wollen Kinder zum Sporttreiben verführen und ihnen Lust machen, in einen Verein einzutreten und dort regelmäßig zu trainieren, zweimal in der Woche. Denn es mangelt zwar nicht an Sportvereinen in Wedding. Aber es mangelt an Personen, die den Kindern zeigen, dass es sich lohnt, dort Mitglied zu werden. Es geht Elias aber noch um mehr. Beim Kicken bringt er den Jungen und Mädchen auch Deutsch bei.

Seit September 2008 trainiert Elias einmal in der Woche mit den Erstklässlern der Gustav-Falke-Grundschule, die dafür nichts bezahlen müssen. Viktoria Mitte 08 hat in dieser Schule noch zwei weitere Fußballgruppen aufgestellt, in denen insgesamt 70 Kinder kicken. Die meisten von ihnen kommen nur alle zwei Wochen, weil die Nachfrage so groß ist und die Gruppen nicht aus mehr als 15 Schülern bestehen dürfen. Außerdem arbeiten die Vereinsmitglieder von Viktoria Mitte auch mit Kita-Kindern und anderen Schulen im Bezirk.

„Noch drei Minuten“, ruft Elias. „Gib Pass“, brüllt ein Junge in blauem Netzhemd zu seinem Mannschaftskameraden herüber – und das gelbe Team bekommt einen „linguistischen Freistoß“. Der kleine Torschütze trifft, und die Jungen in den gelben Netzhemden jubeln. Dass die gegnerische Mannschaft einen Freistoß bekommt, wenn ein Spieler einen falschen Satzbau verwendet, gehört zu den Regeln, die Elias aufgestellt hat. „Denn alle wissen, wie es richtig heißen müsste“, sagt er. Und sollen sich an den richtigen Gebrauch gewöhnen, an klare deutsche Sätze, mit Wörtern, die auch im Duden stehen. So trainieren die Kinder beim Sport nicht nur ihr Ballgefühl, sondern auch ihr Sprachgefühl. Viele der kleinen Spieler kommen aus Einwandererfamilien. Manchmal brüllen sie sich Schimpfwörter in anderen Sprachen zu. Elias entgeht das nicht. Er hat einen algerischen Vater und spricht neben Deutsch auch Spanisch, Französisch, Englisch und Arabisch. „Wenn die Kinder merken, dass man die Sprachen versteht, lassen die das ganz schnell bleiben.“

Keiner der 14 Jungen, die hier mit quietschenden Turnschuhen durch die Halle rennen, würde freiwillig auf die Fußball-AG verzichten, diese Stunde am Mittwochnachmittag, in der Trainer Elias sie mit dem Ball durch einen kleinen Slalom-Parcours scheucht oder sie auf einer blauen Matte eine Rolle vorwärts üben. „Das macht Spaß“, ruft ein Junge, der sich gerade mit seinem Ball an den Stäben vorbeischlängelt. „Pass auf, dass du mit der Innenseite spielst“, ruft Elias zu ihm herüber. Viktoria Mitte ist in Wedding und in Altmitte tätig. Beide Viertel gehören zu dem Berliner Bezirk Mitte. „Zwischen der Arbeit mit Schulen in Wedding und Altmitte gibt es große Unterschiede“, sagt Elias.

Die bürgerlichen Eltern in Altmitte würden sehr selbstbewusst auftreten und ein großes Angebot an Aktivitäten von den Schulen einfordern. In Wedding kenne er lediglich zwei Eltern besser: „Die Kommunikation mit den Familien ist hier ein großes Problem.“ Trotzdem ist er sich sicher, dass es auch die Weddinger Eltern gut finden, wenn ihre Kinder einen Sportverein besuchen. Einige Jungen aus der Gustav-Falke-Grundschule sind in diesem Jahr bei Viktoria Mitte eingetreten, andere in Vereine in ihrer direkten Nachbarschaft – ein Erfolg für Elias. Es zeigt, dass er ihnen Lust machen konnte auf das Vereinsleben. Familien, die sich den Mitgliedsbeitrag in einem Verein nicht leisten können, werden dabei vom Landessportbund unterstützt.

Elias trainiert die Erstklässler der Gustav-Falke-Grundschule nun schon ein Schuljahr lang. „Am Anfang haben sich die Jungen oft angeschrien.“ Das sei nun anders. Einige hätten auch ihre motorischen Fähigkeiten verbessert. „Ein paar von ihnen sind anfangs hingefallen, wenn sie mit dem Ball geradeaus gelaufen sind“, erinnert er sich. „Wenn ich Fußball spiele, dann kann ich gewinnen und stolz auf mich sein“, sagt Edi, ein Junge aus der Erstklässlermannschaft, nach dem Training. Zum Abschied ruft er „Tschüss, Trainer“ in die Halle hinein.

Sobald Elias die Turnhalle verlassen hat, klingelt sein Handy alle fünf Minuten. Fast immer rufen Vereinsmitglieder an oder Menschen, die Viktoria Mitte beitreten oder ihre Kinder anmelden möchten. „Für die Vereinsarbeit brauchst du ehrenamtliche Verrückte“, sagt Elias, der studierter Historiker ist und nebenbei noch einen „Brotjob“ hat. Mindestens zwölf Stunden sei er täglich für seinen Verein da. Warum steckt einer so viel Zeit in einen Verein?

Elias’ Vereinskollege Vicente ist eigentlich Modedesigner und trainiert an der Gustav-Falke-Grundschule die Mädchenfußballmannschaft. Er begründet sein Engagement so: „Wenn du mit den Kindern arbeitest und das, was du ihnen beibringen willst, nach und nach bei ihnen ankommt, ist das ein wunderbares Gefühl.“

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