Vergleichstest : Verflixte dritte Klasse

Der Vergleichstest kommt ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem sich viele Probleme der Kinder verschärfen.

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Das Alter, in dem die Vergleichstests für Grundschüler stattfinden, scheint eines der kritischsten und zugleich stressigsten in der gesamten kindlichen Entwicklung zu sein. „Ein Viertel bis ein Drittel aller Kinder, die bei einem Kinder- und Jugendpsychiater vorgestellt werden, kommen genau in diesem Alter zum ersten Mal, mit acht bis neun Jahren“, sagt Oliver Bilke, Chefarzt der Kliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie in den Vivantes-Krankenhäusern Neukölln und Friedrichshain. Ein ganz typisches Problem, von dem er berichtet: Die Kinder können sich in der Schule nicht konzentrieren. Oft wird dann ein Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) diagnostiziert. Während die Jungen eher durch Unruhe auffallen und den Unterricht stören, sind die betroffenen Mädchen häufig „verträumt“ und abwesend. Beides steht dem schulischen Erfolg gleichermaßen im Weg.

In den ersten beiden Schuljahren wird ein ADHS möglicherweise noch auf „Eingewöhnungsschwierigkeiten“ zurückgeführt. Nun aber geht es in der Schule zur Sache. Vor allem in den Bundesländern, in denen der Übertritt in die weiterführenden Schulen schon in der 5. Klasse vorgesehen ist, hat das Jahreszeugnis der dritten Klasse große Bedeutung. Eltern und Kinder haben das Gefühl, dass es in der Schule langsam schwerer wird. „Tatsächlich wird das Bild differenzierter“, sagt Bilke. „Auch Teilleistungsstörungen wie Lese-Rechtschreibschwäche oder Rechenschwäche finden oft erstmals Beachtung.“ Diese Schwächen sind wie die Aufmerksamkeitsstörung teilweise anlagebedingt. Wie das Kind mit einer solchen Schwäche beim Schreiben oder Rechnen klarkommt, hängt allerdings entscheidend von der Unterstützung ab, die seine Eltern und therapeutische Einrichtungen ihm bieten können.

Wenn die Grundschüler in dieser Phase leistungsmäßig auseinanderdriften, so hat das nach Bilkes Ansicht entscheidend mit dem Auseinanderdriften der Grundhaltungen ihrer Eltern zu tun. „Während die einen darauf vertrauen, dass sich das alles schon auswachsen werde, lassen die anderen jetzt eine intensive Diagnostik anlaufen.“ Zeitgleich mit den schulischen Anforderungen aus der Erwachsenenwelt wächst im Alter von acht bis neun Jahren typischerweise auch der soziale Druck, den die Altersgenossen aufeinander ausüben. „Körperlich ungeschickte Kinder werden jetzt verstärkt unter Druck gesetzt, das trifft die Jungen besonders hart“, sagt Bilke.

In den Vergleichstests geht es allerdings um die „klassischen“ schulischen Anforderungen in den Kulturtechniken Rechnen, Schreiben und Lesen. Wie hart ist ein solcher Leistungsvergleich für Schüler, die der Mehrzahl der Aufgaben nicht gewachsen sind – zum Beispiel, weil die sprachliche Hürde zu groß ist? Prinzipiell bringen kleine wie große Menschen am meisten Motivation dafür auf, sich an die Arbeit zu machen, wenn Probleme für sie einen mittleren Schwierigkeitsgrad aufweisen, wenn sie also eine reelle Chance haben, sie zu lösen, sich damit aber andererseits auch nicht unterfordert fühlen. „Allerdings spielen auch die Rahmenbedingungen eine große Rolle“, sagt Bilke. „Den Schülern muss die Bedeutung des Tests klar sein, aber man kann versuchen, den Rahmen für alle motivierend zu gestalten.“ Adelheid Müller-Lissner

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