Verhältnismäßigkeit wahren : Zweite Chance – oder kein Abi? 

Streit über Konsequenzen bei Plagiatsfällen

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Die Frage, ob Schüler wegen Plagiats in Fach- oder Hausarbeiten vom Abitur ausgeschlossen werden sollen, hat zu heftigen Diskussionen geführt. Mieke Senftleben, bildungspolitische Sprecherin der Berliner FDP, sagt: „Dafür müsste es klare Richtlinien vonseiten der Bildungsverwaltung geben. Eine Kann-Bestimmung im Gesetz schiebt den Schwarzen Peter den Schulen zu.“

Fast noch wichtiger findet Senftleben entsprechende Informationen – nicht nur der Schüler, sondern auch ihrer Eltern. „Deren Medienkompetenz geht oftmals gegen null“, sagt sie, umso wichtiger sei es, dass Schüler so früh wie möglich Medienkompetenz lernen: „Dazu braucht man kein eigenes Fach, es reichen schon einige Stunden oder ein Projekt.“

Auch Wolfgang Harnischfeger, ehemaliger, langjähriger Schulleiter des Beethoven-Gymnasiums in Lankwitz, setzt auf Aufklärung: „Es wäre gut, wenn es in Berlin eine einheitliche Regelung zur Information der Schüler gebe“, sagt er: „Es muss gesichert sein, dass jeder junge Mensch weiß, was ihm droht, wenn er fremdes geistiges Eigentum als eigenes ausgibt.“

Das hält auch Felicitas Tesch, die bildungspolitische Sprecherin der Berliner SPD, für entscheidend. „Jemanden vom Abitur auszuschließen, ist schon hart. Da muss man nachweisen, dass man demjenigen auch zuvor genauso hart gesagt hat, was die Konsequenzen sind.“ Genau dies bestreiten jedoch einige Betroffene. So erzählt ein 22-Jähriger, der wie berichtet mit mehreren anderen Schülern wegen angeblichen Plagiats ein Oberstufenzentrum in Reinickendorf verlassen musste: „Natürlich war uns gesagt worden, dass und wie man zitieren muss. Aber dass diese Facharbeit einen solchen Stellenwert hat, dass ihr Nichtbestehen zum Ausschluss vom Abitur führt – das war uns nicht klar.“

Landeselternsprecher Günter Peiritsch meint: „Ich zweifle, ob hier die Verhältnismäßigkeit gewahrt ist. Einen einmaligen Betrugsversuch nach langer Schulzeit mit der Ultima Ratio, also dem Nichtbestehen des Abiturs, zu ahnden, halte ich zumindest für bedenklich.“

Der Landeselternsprecher gibt FDP-Sprecherin Mieke Senftleben in Sachen mangelnde Medienkompetenz von Müttern und Vätern übrigens uneingeschränkt recht. Der Landeselternausschuss bereite deshalb gemeinsam mit dem Senat gerade ein Kursangebot von dreimal zwei Stunden vor, sagt Peiritsch. DasThema: „Medienkompetenz für Eltern“.

Das Pilotprojekt soll in Kürze an der Wald-Grundschule in Westend starten und Eltern in Sachen neue Medien wieder auf Augenhöhe mit ihren Kindern bringen. Ein Kriminalist wird bei dem Kursus ebenso dabei sein wie ein Psychologe, sagt Peiritsch: „Das Thema Plagiat wird natürlich eine Rolle spielen. Das Interesse bei den Eltern ist jedenfalls sehr groß.“

Sascha Steuer, bildungspolitischer Sprecher der Berliner CDU, findet, „dass auch viele Lehrer Nachholbedarf in Medienkompetenz haben“. Was Plagiat sei, müsse Schülern nachhaltig vermittelt werden, aber „über die Nutzung des Internets wird noch viel zu wenig an den Schulen gesprochen“. Sandra Dassler

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