Schule : Via Bildschirm in die Parklücke

Der Lexus GS ist ein komfortables Auto – wenn der Fahrer die richtige Körpergröße hat

Helmut Schümann

Der Autor der folgenden Zeilen ist 1,72 Meter klein. Wenn er im neuen Lexus GS sitzt, fehlt ihm nach vorne der Überblick und nach hinten sieht er gar nichts. Das ist aber nicht schlimm. Das Auto nämlich sieht alles und macht das meiste ohnehin alleine. Wenn der kleine Mann zum Beispiel rückwärts einparken möchte, dann legt er den Rückwärtsgang ein, dreht sich in klassischer Manier um und sieht gerade noch, wie die Sonnenschutzblende in der Versenkung verschwindet.

Ansonsten sieht er den blauen Himmel.

Ansonsten hat er das Blickfeld eines Piloten im Cockpit.

Auf Gehör einparken ist indes unelegant und geht bei einem Auto, dass alles in allem so um die 65 000 Euro kostet, ins Geld. Die Lösung findet sich auf dem Flachbildschirm des Navigationssystems. Dort nämlich läuft seit Einlegen des Rückwärtsgangs die Live-Übertragung des rückwärtigen Geschehens. Uiii, denkt sich der kleine Mann, in Farbe.

Ein anderes Beispiel. Eins, das die Autonomie des Lexus GS sehr plastisch herausarbeitet, erprobt im schönen Katalonien. Ins schöne Katalonien nämlich hatte die Firma Toyota geladen, um dort seinen Ableger Lexus vorzustellen. Warum dort? Genauso gut könnte man die Frage stellen: Warum dort nicht? Autofirmen laden immer in schöne Gegenden und bieten schönes Ambiente. Das hat mutmaßlich etwas mit der Laune der professionellen Autotester zu tun. Zurück zum Lexus.

Der kleine Mann fuhr also in Barcelona am Museu de les Aiges los und stellte auf der Autobahn 130 Km/h ein (wie man das macht, muss hier nicht erläutert werden, das steht in der Gebrauchsanweisung und um ehrlich zu sein: Der kleine Mann ließ einstellen, er ist technisch nicht so versiert). Im Grunde genommen war damit seine fahrerische Arbeit erledigt. Per Radar misst das Auto den Abstand zum Vordermann. Und wenn das Auto dem zu nahe kommt, bremst es automatisch ab. Einfach so. Danke, Auto. Der kleine Mann wollte aber nicht hinter dem Vordermann herzuckeln. Also scherte er auf die linke Spur aus – das Lenkrad muss der Fahrer noch selber bedienen, in dem Punkt ist die Technik noch etwas rückständig – und ohne zu Meckern und ohne, dass der kleine Mann den Fuß aufs Gaspedal stellen musste, beschleunigte das Auto wieder auf 130 Km/h. Einfach so. Danke Auto. Man könnte beim GS 430 auch auf 250 Km/h stellen, da würde sich das Auto auch nicht beschweren. Die Selbstständigkeit hat einen Namen: Adaptive Cruise Control, oder wie wir Autotester sagen ACC.

Und so ging es dahin nach Sant Vicenc de Castallet zum Circuito de Can Prado, einem Testkurs im Landesinneren. Etwas unschön ist, dass man während der Fahrt als Fahrer kein Nickerchen machen kann. Man kann auch kein gutes Buch lesen. Fährt das Auto nämlich auf einen Stau auf, versagt der Radar, Vollbremsung kann das Auto noch nicht selbstständig, herrje, denkt sich der kleine Mann, muss man denn alles selber machen. Wenigstens warnt das Auto rechtzeitig, strafft den Gurt, erhöht den Bremsdruck und aus irgendeinem technischen Grund, bleibt das Auto auch bei der stärksten Bremsung immer in der Waage. Ist ja wohl auch das mindeste, was man verlangen kann. Wir Autotester nennen das Pre-Crash Safety System PCS.

Dann gibt es im Lexus GS noch ABS, EBD, BA, TRC, VSC und VGRS. Der kleine Mann mag das jetzt im Einzelnen nicht alles erläutern, das verstehen eh nur wir Autotester. Nur soviel: Es hat was mit einer automatischen Stotterbremse zu tun, mit einem Schleuderschutzprogramm und mit einer Lenkung, die selbstständig Lenkfehler des Fahrers ausgleicht. Mit anderen Worten: Man kann um die Kurve rasen und schleudert trotzdem nicht. Oder man kann sich die Nase putzen, wenn man auf nassem Laub eine Vollbremsung machen muss, das Auto bleibt trotzdem in der Spur, das Lenkrad zuckt nicht einmal. Wenn das Auto jetzt noch waschen und bügeln könnte, wäre es perfekt. Musik machen kann es nämlich schon, es gibt einen Sechsfach-CD-Wechsler. Und dieses furchtbar lästige Schlüssel-in-das-Schloss-stecken-und-umdrehen braucht’s beim Lexus GS auch nicht. Zugegeben, der kleine Mann hat etwas länger gebraucht, um den Startknopf zu finden.

Nun zum Design. Da gehen die Meinungen zwischen Hersteller und kleinem Mann doch arg auseinander. Der Hersteller sagt, dass der Kotflügel die Biegung des Zen-Bogens aufnimmt. Der kleine Mann sagt, nö, tut er nicht. Insgesamt sei dem Design die Zeremonie der fernöstlichen Teezubereitung zu Grunde gelegt worden, sagt der Hersteller. Jaaa, im Ledersitz vielleicht, oder in den Armaturen. Aber sonst doch nicht. Man ziele mit dem Lexus GS auf den gebildeten Besserverdiener als Käuferschicht, „ja, wenn man so will auf den FDP-Wähler“ sagt der Pressesprecher. Im vergangenen Jahr wurden 2566 Lexusse (oder sagt man Lexi) in Deutschland verkauft. Da müsste Westerwelle ein wenig nachlegen. Immerhin passt eine Golftasche leicht in den Kofferraum. Oder ein Sattel.

Der Lexus GS 430 hat den kleinen Mann dann wieder nach Barcelona gefahren, ins traumschöne Hotel Casa Fuster auf dem Passeig de Gracia. Es hat sich nicht einmal verfahren. Danke Auto. Eine gemeinsame Zukunft aber haben der kleine Mann und der Lexus gewiss nicht. Zum einen hat der kleine Mann keine Golftasche und keinen Sattel, die FDP wählt er garantiert nicht. Und, vor allen Dingen: Wenn alles perfekt ist in einem Auto und alles Luxus, wo ist denn dann die Seele?

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