Schule : Viel heiße Luft

Ford hat jetzt die neue Sportversion des Focus vorgestellt. Das Modell mit dem Kürzel ST bietet nicht nur ein spezielles Äußeres, sondern auch Fahrspaß pur

Sabine Beikler

Die Mitarbeiter machten irgendwann einen großen Bogen um Gunnar Herrmann, den Vehicle Line Director von Ford Europe. „Nicht schon wieder der Gunnar“, stöhnten sie in den Werken Köln und Saarlouis, wenn er auftauchte. Herrmann hatte für den neuen Ford Focus ST eine Farbkomposition im Kopf, die die Techniker schier verzweifeln ließ. „Unglaublich viel Ausschuss“ sei produziert worden, erzählt er, bis dieses Electric Orange entstanden ist – eine Farbe, für die in Saarlouis sogar eine eigene Lackierstraße aufgemacht werden musste. Herrmann ist zufrieden: „In der Sonne sieht das gut aus. Und diejenigen, die auf die Idee kommen, es handle sich um die Farbe städtischer Müllfahrzeuge, sind eben Ignoranten.“ Und die haben beim neuen Focus ST – ST steht für Sports technology – nichts zu suchen.

Im ersten Moment erinnert die Farbe tatsächlich an eine viel zu grelle, knallige Farbkugel. Im zweiten Augenblick aber denkt man an traumhafte Sonnenuntergänge in Asien – oder an das typische „Lamborghini-orange“. Wem das aber zu auffällig ist, kann beim ST, der ab dem 12. November bei den Händlern steht, auch auf „konventionellere“ Lackierungen (wie zum Beispiel Indianapolisblau) zurückgreifen.

Der neue Focus soll Alltagstauglichkeit und sportliches Fahrvergnügen verbinden. Mit den Worten „kraftvoll, agil, uneingeschränkt einsetzbar und schnell“ beschreibt Jost Capito, Leiter des Ford Team RS und zuständig für alle sportlichen Modelle bei Ford in Europa, den Fünfzylinder-Turbo, der dem Golf GTI und dem Opel Astra OPC Konkurrenz machen will.

Dynamik strahlt der ST schon auf den ersten Blick aus: Im Frontbereich trägt der neue Focus einen schmaleren Kühlergrill als die anderen Modelle – mit einem schwarzen Gitter in dreieckiger Wabenstruktur vor den Öffnungen. Die Aluminium-Einfassungen an den Nebelscheinwerfern wirken elegant und passen zum sportlichen Design des Fahrzeugs. An der Seite sind die Blinker im Spiegelgehäuse integriert. Der Heckbereich trägt einen markanten Spoiler an der Dachkante. Unten blitzen die verchromten Blenden der Doppelrohr-Auspuffanlage hervor.

Wegen der 18-Zoll-Leichtmetallfelgen mussten sich die Techniker etwas besonderes einfallen lassen: Der ST hat eine optische Stoßstangenverbreiterung, die wie rifflige Seiteneinschlüsse aussehen, so genannte „Spats“ im Fachjargon.

Wenn das Auto auch so fährt, wie es aussieht, dann wäre es tatsächlich ein Traumauto, dachte sich die Autorin, die der sportlichen Fahrweise doch sehr zugeneigt ist. Da reicht es freilich nicht, bei der Präsentation des ST auf Landstraßen durch die Provence zu zuckeln – so ein Auto gehört auf die Rennstrecke. Wie praktisch, dass Formel-1-Guru Bernie Ecclestone die fast sechs Kilometer lange Rennstrecke Paul Ricard in Le Castellet in den letzten Jahren vollständig modernisierte und ausbaute. Früher fuhr dort noch die Formel 1, heute soll dort zum Beispiel Ferrari seine neuen V8-Motoren oder Bridgestone neue Slicks für die GP 2, eine Stufe unter der Formel 1, testen – wie man gerüchteweise hörte …

Nach der Sicherheitseinweisung geht’s auf die Strecke, geradeaus, rechts, in die Schikane, auf der Geraden beschleunigen und dann die Kurven! Extreme Haarnadelkurven, dazwischen schalten, Gas geben, irgendwann auch mal bremsen. Was für Glücksgefühle auf einmal – und das nicht nur durch den Adrenalinpegel. Der ST liegt absolut fest auf der Straße, bei Fahrfehlern – was auf Rennstrecken selbst Ford-Managern hin und wieder passiert – schaltet sich das ESP sanft ein. In genau 6,8 Sekunden jagt der 2,5-Liter-Turbo von 0 auf Tempo 100. Die Leistung kommt auf 166 kW (225 PS) und bringt eine Höchstgeschwindigkeit von 241 km/h: Für die Alltagstauglichkeit, wie sie Ford beschreibt, reicht das ja nun wirklich aus. Der Kompaktsportler hat mit einem Drehmoment von 320 Newtonmetern bei 1600 bis 4000 Umdrehungen pro Minute eine gute Bandbreite: In ein Turboloch ist der ST weder auf der Rennstrecke noch beim Fahren über Serpentinen kein einziges Mal gefallen. Man kann den ST zwar schaltfaul fahren, doch macht das Schalten des Sechsganggetriebes extremen Spaß.

Damit das Fahrzeug stabil auf die Straße kommt, hat Ford unter anderem das Fahrwerk um 1,5 Zentimeter tiefer gelegt, die Dämpferabstimmung überarbeitet und die Lenkung um acht Prozent direkter als beim Standard-Focus ausgelegt. Um in den Kurven nicht wie Wackelpudding durchgeschüttelt zu werden, halten Recaro-Sportsitze den Fahrer in einer optimalen Position.

Ja, und was gehört zum sportlichen Fahren noch dazu? Natürlich, der Sound. Ein eigens für den ST entwickelter Sound Symposer leitet das Luftholen des Motors, regelrechte Ansauggeräusche, über eine Membran bis ins Cockpit. Ein satter Sound durch viel heiße Luft sozusagen, der bei höheren Geschwindigkeiten aber nicht mehr zu hören ist.

Das Cockpit-Feeling wird im Innenraum durch einen schwarzen Dachhimmel verstärkt. Ford hat bei der Ausstattung auf Schnickschnack bewusst verzichtet, allerdings sind die Seitenablagen für Kartenmaterial zu klein geraten. Die Spielerei mit den Mini-Zusatzinstrumenten auf dem Armaturenbrett für Turboladedruck sowie Öldruck und -temperatur ist völlig überflüssig: Erstens sind die Anzeigen so klein geraten, dass man beim Ablesen schon fast eine Lupe zur Hand nehmen muss, zweitens kann ein „alltagstauglicher“ Fahrer mit den Werten auch nicht viel anfangen und drittens: Warum wurden die Werte nicht einfach ins digitale Display integriert?

Aber sonst ist der ST durchaus alltagstauglich: Sitze und Lenkrad lassen sich stufenweise verstellen und die Hinterbank kann völlig umgeklappt werden, so dass das Kofferraumvolumen von 385 Litern auf ungefähr das Doppelte erweitert werden kann.

Bis Oktober dieses Jahres hat Ford in Deutschland einen Marktanteil von etwa 7,5 Prozent erzielt. Mit dem ST will der Konzern jetzt in der Kompaktklasse einschlagen. Das steht für die Ford-Manager zumindest fest. Deshalb denken Jost Capito und Gunnar Herrmann schon über neue Modelle nach. Vielleicht ein Cabrio im nächsten Jahr? Und ich werde in meinem nächsten Leben auf jeden Fall Rennfahrerin.

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