Schule : Von Tag zu Tag das Leben meistern

Nils hat eine geistige Behinderung. Die Familie hat gelernt, dies zu akzeptieren und seine Talente zu fördern. Die Fläming-Schule hilft ihnen dabei

Rita Nikolow
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Nähe, Hilfe und Spaß. Lehrer Norbert Fassbender hat Leonie im Blick und kümmert sich um Nils, der viel Zuwendung und Nähe braucht...

Die Autos im Fenster leuchten noch nicht. Es ist halb sieben, und im Kinderzimmer von Nils hat seine Mutter gerade ein kleines Licht angeknipst. Sein Bruder Linus liest ihm etwas vor, er hat sich zusammen mit seiner Mutter vor das Hochbett von Nils gesetzt. Linus ist sieben, er liest flüssig, auch wenn er manche Wörter nicht sofort versteht: „Zaghaft ist so etwas wie schüchtern“, erklärt ihm seine Mutter. Dann ruft sie ihrem älteren Sohn zu: „Aufwachen, sonst wird es wieder zu spät nachher.“ Aber Nils bleibt noch liegen, bis Linus den Text mehrmals gelesen – und seine Mutter ein paar Minuten ganz für sich gehabt hat.

Das kommt nicht so oft vor, denn sein großer Bruder braucht viel Zuwendung: Wenn er aus dem Bett geklettert ist, misst seine Mutter ihm den Blutzucker, denn Nils hat Diabetes. Mindestens sechs Mal am Tag muss deshalb sein Blutzuckerwert überprüft werden, und zu den Mahlzeiten bekommt er Insulin gespritzt. Dann kann Nils endlich zurück in sein Zimmer laufen und die Lichterkette anknipsen, die auf seinem Fensterbrett liegt. Nils hat die einzelnen Lämpchen in kleine Spielzeugautos gesteckt, die nun von innen leuchten. Das sieht aus wie eine Miniatur-Filmkulisse, und ihr Schöpfer lächelt stolz – wie ein zehnjähriger Junge eben lächelt, dem etwas gut gelungen ist.

Aber Nils’ Leben ist nicht so wie das von anderen Kindern seines Alters, denn er hat neben der Diabetes auch Epilepsie, ist auf einem Ohr taub und hat eine geistige Behinderung. Die man ihm nicht ansieht. Der große, schlanke Junge hat ein fröhliches Gesicht und ganz viel Energie. Warum Nils behindert ist, weiß man nicht so genau. Sein Gehirn ist anders gefaltet als das von gesunden Menschen, eher grob als fein strukturiert. Pachygyrie heißt das in der Fachsprache. „Deshalb kann er die Dinge nicht so differenzieren wie andere Kinder“, sagt seine Mutter Christiane Witzel. Zudem lernt er nicht so schnell wie seine Altersgenossen und kann Dinge auch nicht so gut umsetzen.

Einen normalen Schulabschluss wird er deshalb nie machen können. Aber seine Eltern wollen Nils so gut wie möglich fördern. Deshalb geht er zum Beispiel zum Gitarrenunterricht. Und spielt, nachdem er zurück ist aus dem Badezimmer, noch schnell ein kleines Stück aus seinem Liederbuch. Das besteht zwar nur aus zwei Noten, aber Nils zupft es mit Hingabe und will die Gitarre kaum mehr aus der Hand legen.

Nils hat einen starken Willen – das wissen auch sein Lehrer Norbert Fassbender und seine Klassenkameraden an der Fläming-Grundschule in Friedenau, die man als die Mutter aller deutschen Integrationsschulen bezeichnen kann. Gesunde und behinderte Kinder werden hier gemeinsam unterrichtet – Linus geht in die zweite Klasse, Nils in die vierte.

Nils, der sich nach dem Gitarrenspiel ein T-Shirt mit „Italia“-Aufdruck und eine blaue Trainingsjacke angezogen hat und dann von seinem Vater zur Schule gebracht wurde, sitzt jetzt im Stuhlkreis und erzählt von seinem Wochenende. „Ich habe geschneit und wir sind rausgegangen“, sagt er. Die 14 gesunden Kinder verstehen, was er sagen will. Und erzählen selbst davon, dass sie am Wochenende Plätzchen gebacken haben und auf dem Weihnachtsmarkt waren. Leonie, ein Mädchen mit Down-Syndrom, will gar nicht von ihrem Wochenende berichten, ihr lernbehinderter Klassenkamerad sagt dagegen ganz leise, dass er es am Samstag ziemlich kalt fand. Ein anderer Junge sitzt in seinem Rollstuhl im Kreis, er spricht nicht und hält den Kopf etwas schief. Er ist mehrfach behindert und kann kaum sehen. Aber er reagiert auf seine Klassenkameraden, lacht, wenn die anderen lachen. Und freut sich, wenn das Mädchen neben ihm über seine Hand streichelt, ganz selbstverständlich.

In der nächsten Stunde geht es ums Schreiben. Nils’ Klassenkameraden sitzen an einer Bildergeschichte von „Vater und Sohn“: „ Ich verstehe gar nicht, was da eigentlich passiert“, sagt ein Mädchen und beugt sich über die Bilder, die sie ausgeschnitten und in ihr Heft geklebt hat.

Nils arbeitet inzwischen an einem Text, den er sich vor ein paar Tagen ausgedacht hat: die Geschichte „Der Waldzwerg und die Schildkröte“, in der ein Zwerg einer Schildkröte eine Blume schenkt. Dann aber leider in einen Hubschrauber steigt und nach Hause fliegt. „Das traurige Ende ist typisch für Nils“, sagt die pädagogische Mitarbeiterin Renate Weiß, eine von zwei Frauen, die sich um die behinderten Kinder in der Klasse kümmern. Nils übt nun mit ihr, die Geschichte vorzulesen. Aber irgendwann kommt er nicht weiter, verdreht die Buchstaben oder kann manche Wörter einfach nicht aussprechen. Doch er liest sie wieder und wieder und dann vor der ganzen Klasse. Die Kinder hören geduldig zu, auch als der Zehnjährige über ein paar Buchstaben stolpert. Dass ihn alle anschauen, stört Nils nicht – es scheint ihm zu gefallen.

Und auch, dass Luisa ihm später, in der nächsten Stunde, bei einer Aufgabe am Computer hilft, bei der Nils Wörter erraten soll. Luisa ist seine Banknachbarin, und wie alle ihre gesunden Klassenkameraden hilft sie Nils und den anderen behinderten Kindern regelmäßig – schreibt ihm manchmal etwas auf oder erklärt ihm, wie ein Lernspiel funktioniert. Luisa und Nils mögen sich, auch wenn er manchmal etwas stürmisch ist und sie an den Haaren zieht. Oder er seinen Lehrer ganz fest in die Backen kneift, als dieser ihm den Blutzucker messen will. Denn Nils hat kein gutes Körpergefühl, er braucht starke Reize, um sich zu spüren. Und geht deshalb auch mit den Menschen in seiner Umgebung oft eher robust um.

„Manchmal muss ich Nils dann auch ins Nebenzimmer setzen, bis er auf sich zurückgekommen ist“, sagt Norbert Fassbender. Dort baue sich Nils dann eine kleine Festung aus Wellpappe, seine „Burg“. Bis er sich wieder beruhigt hat. Oft reiche es aber, Nils ganz fest zu drücken und sich hautnah mit ihm auseinanderzusetzen. „Nils sucht nämlich körperlichen Kontakt, das kann wirklich ins Schmerzhafte hinein gehen“, sagt Norbert Fassbender, der froh ist, dass an der Fläming-Grundschule behinderte und nichtbehinderte Kinder zusammenkommen.

„Das Rufen und Schreien um sie herum tut den behinderten Kindern gut“, sagt er. Denn ein lebendiges Umfeld sei für sie absolut wichtig. Und auch, dass die Kinder davon profitieren, dass so viel für sie getan wird. „Sie bearbeiten natürlich nicht den Stoff ihrer Klassenkameraden, sondern kriegen ihr eigenes Programm.“ Aber sie seien immer mitten im Geschehen. Mit den Eltern der behinderten Kinder legt Norbert Fassbender Ziele fest – auch, wenn ein richtiger Schulabschluss nicht erreichbar ist: „Wir müssen für jeden Schüler einen ihm gemäßen Weg ins Leben finden und mit den Eltern erarbeiten, wie ihre Kinder dorthin kommen“, sagt er.

Christiane Witzel wünscht sich für Nils vor allem eines: „Er soll lernen, Probleme zu lösen, indem er mit jemandem spricht“, sagt sie beim Kaffee, bevor sie ihre Kinder aus dem Hort abholt. Die Vierzigjährige arbeitet freiberuflich als rechtliche Betreuerin und kümmert sich um Menschen mit schweren Problemen: Alkoholabhängigkeit oder Behinderungen – kein leichter Job, zumal ihr Alltag auch so schon anstrengend genug ist. „Aber ich bekomme auch ganz viel von diesen Menschen zurück“, sagt Christiane Witzel. Sie müsse etwas für ihren Kopf tun, denn als sie nur zu Hause gewesen sei, hätten sich ihre Gedanken immer im Kreis gedreht: Ob sie für Nils alle Therapien ausgeschöpft und auch sonst alles für ihn getan habe, sei ihr im Kopf herumgegangen.

Da Nils Diabetes und Epilepsie hat, ist sie immer in Alarmbereitschaft: Obwohl er in diesem Jahr dank Medikamenten nur einen großen Anfall hatte, aber auch elf kleine. „Nach jedem Anfall geht viel mühsam Erlerntes verloren und muss geduldig neu eingeübt werden“, sagt Christiane Witzel. Den Epilepsie-Typ, den Nils habe, könne man nur schwer behandeln. Christiane Witzel ist deshalb dauernd unter Strom, auch wenn sie arbeitet und Nils in der Schule ist. Und wenn er bei ihr ist, schaut sie ständig nach Anzeichen für einen Epilepsie-Krampf, der sich ankündigen kann, wenn Nils seine Augen verdreht. „Und wenn er unruhig ist, frage ich mich, ob das mit der Unterzuckerung zusammenhängt oder damit, dass er mit zu vielen Reizen konfrontiert war“, sagt sie.

Üben muss sie mit Nils ohnehin viel: „Er hat Lesen gelernt, aber vertauscht ganz oft die Buchstaben.“ Und er brauche sehr viele Wiederholungen und vergesse schnell, was er gelernt habe. Es tue ihm gut, wenn er über verschiedene Kanäle lerne, Buchstaben zum Beispiel nicht nur mit den Fingern schreibe, sondern auch lege und spreche. „Das kostet viel Arbeit und Kreativität, aber es kommt ihm sehr zugute“, sagt sie. Manchmal mache es Nils aber auch wütend, dass er die Dinge nicht so schnell begreife. Und ab und zu mache es auch sie wütend und traurig, dass er vieles so schnell wieder vergisst.

„Nils ist fröhlich und offen, manchmal kann er aber keine Distanz halten.“ Wenn ein Betrunkener im Park ihn in eine Gespräch verwickle, sei er dort nur schwer wieder wegzubekommen. „Und er ist sehr mitfühlend und sensibel“, sagt Christiane Witzel.

In der Schule sei Nils gut aufgehoben. Aber manchmal mache es sie traurig, dass er in der Freizeit so wenig von anderen Klassenkameraden eingeladen werde: „Ich glaube, dass viele seiner positiven Eigenschaften im Unterricht gar nicht zum Tragen kommen, weil ihn sein Gesamtpaket an Krankheiten und Anforderungen so beansprucht.“ Und er dann eher schwierig, hartnäckig und ruppig sei und sich nicht konzentrieren könne.

Die Leistungen von Linus und Nils vergleicht sie nicht. „Linus hat Nils in den letzten anderthalb Jahren überholt“, sagt sie nüchtern. Früher hätte sie aber schon geschaut, was Nils’ Altersgenossen konnten und was er. „Am Ende der Kindergartenzeit haben die Erzieher gesagt, dass Nils gar nicht so sehr zurückliegt und dass er jetzt wirklich schulreif ist.“ Damals hätte sie schon noch geschaut, ob er mitkomme. Aber Nils fiel zurück, und sein erstes Schuljahr war für Christiane Witzel sehr, sehr hart.

„Ich musste mich damals von dem Gedanken verabschieden, dass mein Kind einmal annähernd normale Zukunftschancen hat und dem Lehrplan folgen wird.“ Das habe Tränen gekostet, aber irgendwann habe sie locker lassen können, und der Druck sei von ihr abgefallen. Weil sie begriffen hatte, dass sie um etwas Unerreichbares nicht kämpfen musste. „Aber ich habe mir vorgenommen, das Beste aus der Lage zu machen“, sagt sie. Und seine Fähigkeiten zu fördern und ihn bei dem zu unterstützen, was er gerne macht. Jeden Freitag ist für Linus und Nils übrigens Papa-Tag: Dann unternimmt ihr Vater etwas mit den beiden, und Christiane Witzel hat ein bisschen Zeit, um zum Sport zu gehen oder eine Freundin zu treffen.

Und einmal in der Woche bekommt Nils Besuch von einem Einzelfallhelfer und geht dann oft mit dem Kettcar auf die Straße. Keine echte Straße, sondern eine Anlage in der Verkehrsschule, die ganz in der Nähe seiner Wohnung liegt. „Nils liebt das“, sagt Christiane Witzel. Genauso, wie er es liebe, in ihrem Garten im Umland zu sein: „Dort kann er sich spüren.“ Zum Beispiel, wenn er über Tannenzapfen laufe. Für die meisten Menschen ist das ziemlich schmerzhaft. Aber Nils bringt es zu sich.

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