Vor dem Schulprotest : „Wir brauchen eine Präsenzpflicht für Lehrer“

Rektor Jens Großpietsch fordert 6000 zusätzliche Pädagogen für Berlin. Am großen Protest an diesem Donnerstag wird er aber nicht teilnehmen. Die Lehrergewerkschaft GEW findet er im Augenblick eher peinlich.

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Am 5. April kamen rund 5000 Lehrer zur Demonstration der Gewerkschaft am Alexanderplatz. Foto: Thilo Rückeis
Am 5. April kamen rund 5000 Lehrer zur Demonstration der Gewerkschaft am Alexanderplatz.Foto: Thilo Rückeis

Am Donnerstag demonstrieren Lehrer, Eltern und Schüler für mehr Geld für Bildung. Gehen Sie mit?

Nein. Die Forderungen sind mir zu pauschal.

Es geht konkreter: Die Gewerkschaft fordert eine Altersermäßigung für Lehrer. Sie sollen weniger unterrichten müssen.

Die Stundenverpflichtung ist nicht unbedingt eine Altersfrage. Ich denke zum Beispiel, dass auch junge Lehrer direkt nach der Ausbildung weniger unterrichten sollten. Sonst verlieren sie vor lauter Belastung und Praxisschock gleich am Anfang die Freude am Beruf und daran, pädagogisch Neues auszuprobieren.

Mit welchem Stundensoll würde man allen gerecht?

Das muss flexibel gehandhabt werden. Eine reine Reduzierung der Stundenverpflichtung trägt nicht zur Verbesserung des Schullebens bei.

Und was dann?

Man muss eine Präsenzpflicht einführen – von 8 bis 16 Uhr. Wenn Lehrer auch über ihre Unterrichtsstunden hinaus da sind, ergeben sich zwischen den Kollegen automatisch Gespräche über Schule und über Schüler. In Schweden ist das so. Nach anfänglichen Protesten ist das dort längst akzeptiert und erfolgreich.

Wie viele Unterrichtsstunden kann ein Lehrer dann schaffen?

Wenn man gutenUnterricht machen will, sollten es im Schnitt nicht mehr als 21 Stunden sein. Das kann von Woche zu Woche variieren und auch von der Lebensphase abhängen. Wie gesagt: Ein unerfahrener Lehrer sollte gegenüber einem erfahrenen entlastet werden.

21 Stunden, das entspräche einer Reduzierung um rund ein Fünftel. Das würde rein rechnerisch bedeuten, dass Berlin 6000 Lehrer mehr braucht. Macht rund 300 Millionen Euro pro Jahr. Und das soll Berlin sich leisten können?

Ja. Das muss Berlin sich leisten. Anders lassen sich pädagogische Effekte kaum erzielen. Man sollte darüber hinaus aber auch die Ferien verkürzen: Die Schüler werden in den vielen langen Pausen schlechter und nicht besser. Und die Lehrer müssten auch mindestens drei Tage vor Ende der Sommerferien präsent sein.

Das wollte doch schon der vorletzte Bildungssenator.

Ja, aber er hat das gleich wieder zurückgenommen als Ausgleich für andere Verschlechterungen bei den Arbeitsbedingungen.

Den Berliner Lehrern wurde viel zugemutet an Verschlechterungen. Dennoch fordert Bildungssenator Zöllner, sie sollten mehr über die schönen Seiten ihres Berufs reden und sich weniger beklagen. Klagen sie zu viel?

Es gibt zwei Fraktionen. Die einen sagen, der Job ist anstrengend, aber dann reden sie irgendwann über die Schüler und erzählen auch Positives. Die andere Fraktion kommt aus der Klagehaltung nicht heraus. Wenn jemand den Job wirklich so fürchterlich findet, sollte er aufhören.

Das ist leichter gesagt als getan: Wer will schon seine Pension und seine Sicherheit verlieren?

Alles kann man eben nicht haben. Aber es stimmt schon: Man müsste den Lehrern, die wechseln wollen, einen einfacheren Ausstieg ermöglichen – den Schülern zuliebe.

Die GEW erwartet, dass der Krankenstand geringer wird, wenn die älteren Lehrer weniger unterrichten müssen.

Der Grad der Belastung ist nicht unbedingt eine Altersfrage. Es gibt junge Kollegen, die noch nie Kraft hatten. Und ältere, die sich nicht überanstrengt fühlen. Wem es zu viel ist, der kann doch ein paar Stunden reduzieren. Und wenn die Pension dann geringer ist, wird er schon nicht verarmen. Ich würde lieber für die jungen Kollegen streiken. Die verdienen weniger, brauchen das Geld aber dringender.

Schüler, Lehrer und Eltern wollen am Donnerstag auch auf die Straße gehen, weil sie die Nase voll haben von maroden Gebäuden und Unterrichtsausfall.

Ich verstehe das. Es kann nicht sein, dass bei uns Schulen nur alle 30 Jahre saniert werden. Es gibt einen Grundstandard, für den muss der Staat sorgen. Als Sie eben in unsere Schule gekommen sind, haben Sie ja gesehen, wie die Aufgänge aussehen. Es gibt keinerlei Aussicht darauf, dass sich daran etwas ändert. Es gibt dafür kein Geld.

Und wie ist es mit dem Unterrichtsausfall?

Bei uns fällt kaum Unterricht aus. Einmal waren es 1,5 Prozent und das war schon der Supergau.

Und wie schaffen Sie das? Haben Sie so viele Lehrer?

Viele Lehrer allein helfen nicht, wenn es die falschen sind. Es kommt darauf an, dass es die Lehrer sind, die hierher wollten. Dann ist auch der Krankenstand geringer.

Haben Ihre Lehrer keinen Bandscheibenvorfall?

Der Bandscheibenvorfall ist nicht das Problem. Das Problem sind die, die sich zum Beispiel am Mittwochmorgen krank melden, weil am Nachmittag Konferenzen sind. Diese Arbeitsvermeidungsstrategien sind das Problem.

Aber Sie sagen doch selbst, dass 26 Stunden Unterricht zu viel sind. Dann müssten Sie der GEW doch eigentlich folgen.

Die GEW muss erst mal sagen, was passiert, wenn die Lehrer weniger unterrichten und mehr Geld in Bildung fließt. Mehr Geld allein hilft nicht. Schule ist doch keine Käsefabrik. Die Frage muss sein: Was ist gut für die Schüler? Wo soll das Geld hin? Darauf muss die GEW eine Antwort geben. Sie soll doch mal eine Modellschule aufmachen, dann würde ich direkt wieder eintreten in die GEW.

Die GEW will den Protest als Projekttag deklarieren und nicht als Warnstreik, damit die Lehrer keinen Ärger bekommen. Ein kluger Schachzug?

Das ist ein Grund fürs Fremdschämen. Wenn sie streiken wollen, dann sollen sie das auch so benennen. Der Bauarbeiter verzichtet doch auch auf Geld, wenn er streikt. Wenn man seinen Arbeitgeber unter Druck setzt, muss man dazu stehen!

Jens Großpietsch, 62, kam 1975 als Referendar an die Heinrich-von-Stephan-Hauptschule in Moabit, seit 1985 ist er dort Schulleiter. Durch konsequente Reformen gelang 1999 der Schritt zur verbundenen Haupt- und Realschule, zahlreiche Auszeichnungen wie die Theodor-Heuss-Medaille folgten. Im Jahr 2004 würdigte die Süddeutsche Zeitung die Entwicklung der Schule weg von der Restschule hin zur gefragten und erfolgreichen Vorzeigeschule als „Das Wunder von Moabit“. Die Schule ist inzwischen Gemeinschaftsschule und führt zum Abitur. Aus Platzgründen zog sie 2009 zum Neuen Ufer um, ebenfalls in Moabit. Zum kommenden Schuljahr haben sich 228 Schüler für vier siebte Klassen angemeldet.

Das Interview führte Susanne Vieth-Entus

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