Schule : Wartburg, Simson, Pluto, Freia, BMW, Loreley und Piccolo

In Thüringen werden schon seit 1898 Autos gebaut – und das nicht nur in Eisenach

Ingo von Dahlern

Autos aus Sachsen - da fallen einem gleich mehrere große Marken ein. Ganz im Unterschied zum Nachbarland Thüringen. Doch wenn das Stichwort Wartburg fällt, dann denkt man an die Eisenacher Automobilwerke – eine der ältesten Automobilfabriken in Deutschland, die bereits 1896 und damit nur ein Jahrzehnt nach der Erfindung des Autos durch Benz sowie Daimler und Maybach gegründet wurde und 1898 mit dem Wartburg als Lizenzproduktion des französischen Decauville die Automobilfertigung aufnahm. Doch längst vergessen ist, dass es ein Wartburg war, für den am. 14. April 1899 die Werksvertretung in München von Daniel und Hermann Beissbarth das erste deutsche Autokennzeichen erhielt – eine schwarze „1“ auf gelbem Grund, wie man von Horst Ihling erfährt, der in seinem Buch „Autoland Thüringen – gestern und heute“ viele schon fast vergessene Namen und Marken in die Erinnerung zurückruft.

Aber Eisenach ist nicht nur Heimat des Wartburg, der in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts eine der wenigen Automobilmarken der DDR war. Eisenach ist auch Wiege der Autofertigung von BMW, die ebenfalls mit einem Lizenzprodukt begann – dem als Dixi 3/15 PS firmierenden britischen Austin Seven. Diese Marke nutzten die Eisenacher Automobilwerke bereits seit 1904 nach dem Ausscheiden des Firmengründers Heinrich Erhardt, der seine Modelle unter dem Namen Erhardt fortan in Düsseldorf und Zella St. Blasi, dem späteren Zella-Mehlis, weiterbaute. Erhard gründete übrigens 1901 in Eisenach den „Verein Deutscher Motorfahrzeug-Industrieller“ (VDMI), dessen Nachfolgeverband der heutige Verband der Automobilindustrie (VDA) ist. Die Marke Dixi wurde schnell erfolgreich, ehe sie in der Wirtschaftskrise Anfang der Zwanziger in die roten Zahlen geriet und schließlich 1928 von BMW gekauft wurde – einschließlich der Rechte am letzten Dixi, der fortan als erstes Auto unter dem BMW-Markenzeichen aus den Produktionshallen rollte, 1929 in Berlin präsentiert wurde und mit einer Fertigung von fast 16 000 Exemplaren bis 1932 zu einem regelrechten Bestseller wurde. Allerdings hatte BMW das Fahrzeug gemeinsam mit Ambi-Budd in Berlin-Johannisthal, einem Spezialisten für Ganzstahl-Karosserien, weiterentwickelt und technisch verbessert.

1941 wurde die Autoproduktion bei BMW in Eisenach eingestellt. Und als schon 1946 wieder Autos und Motorräder unter dem bekannten BMW-Markenzeichen in Eisenach entstanden, waren das Produkte der Sowjetischen Aktiengesellschaft Awtowelo, deren BMW 340 mit neuer Front ohne Niere 1949 in Serie ging. Nach mehreren Prozessen um die Markenrechte firmierte das Unternehmen schließlich als EMW (Eisenacher Motorenwerk) mit einem weiß-roten Signet. Im Juli 1952 wurde das Werk an die DDR zurückgegeben und gehörte als Volkseigener Betrieb (VEB) zur Vereinigung Automobilbau (VVB Auto) in Chemnitz (Karl-Marx-Stadt). Eisenach übernahm die Fertigung des Vorkriegsmodells DKW F9/IFA F9 als EMW 309 – damit endete die Ära der seidenweich laufenden Viertakt-Reihensechszylinder, an deren Stelle nun lautstarke Zweitakter traten. Aus dem EMW 309 wurde der viertürige Wartburg 311 entwickelt – „schwarz“, also ohne staatlichen Auftrag, was erst zur Bestrafung und dann zur Prämiierung der Verantwortlichen führte, denn der Wartburg 311 wurde zur Keimzelle der zweiten Geschichte der Marke Wartburg im Automobilwerk Eisenach. Das schloss nach der Wende auf der Suche nach einem starkem Partner nach Gesprächen mit Volkswagen, BMW und Opel 1990 einen Kooperationsvertrag mit Opel. Schon bald begann mit dem Bau des hochmodernen Opel-Montagewerks in Eisenach eine neue Phase des Automobilbaus in Thüringen und am 5. Oktober 1990 rollte der erste Eisenacher Vectra vom Band.

Doch Eisenach ist nur ein, wenn auch der wichtigste, Standort für die Autofertigung in Thüringen. Zu den großen Marken gehört auch Simson in Suhl, eine große Waffenfabrik, die sich noch vor dem Ersten Weltkrieg in der Autofertigung versuchte, allerdings mangels Erfahrung ohne Erfolg. Der stellte sich aber nach Kriegsende ein, als die Waffenfertigung verboten wurde und man sich mehr um die Autos bemühte. Sportliche und luxuriöse Simson-Supra machten sich bald einen Namen, bis 1935 die Enteignung der jüdischen Eigentümer der Simson-Werke auch das Ende der Autoproduktion brachte und in Suhl als Betrieb der Gustloff-Werke wieder Waffen gebaut wurden. Mit Mopeds und Kleinkrafträdern erlebte die Marke Simson dann in DDR-Zeiten eine zweite Blüte.

Weitgehend vergessen sind heute Marken wie Apollo und Piccolo aus Apolda, die Anfang des vergangenen Jahrhunderts in aller Munde waren, sowie die Pluto-Wagen aus Zella-Mehlis, anfangs auf Amilcar-Lizenz und später Eigenentwicklungen. In Arnstadt baute Alfred Ley seit 1906 Autos, begann mit dem Modell Loreley, das mit einem patentierten Verdeck der Firma Traugott Golde aus Gera ausgestattet war, die sich schnell zu einem international aktiven Verdeckspezialisten entwickelte und unter anderem das Schiebedach erfand. Auch Ley fand schnell internationale Anerkennung, überlebte aber die Wirtschaftskrise Anfang der Dreißiger nicht. In Ronneburg in Ostthüringen schließlich bauten die Gebrüder Hering den einfach zu bedienenden Rex Simplex und stiegen schnell in höhere Klassen auf. Schon bald galten die Autos der Richard & Hering AG als „Ronneburger Mercedes“, die in alle Welt exportiert wurden. 1922 mit der Berliner Elitewagen AG fusioniert, verlor der Ronneburger Betrieb seine Eigenständigkeit. Freia in Greiz, Friedrich Erdmann in Gera (FEG), Peter & Moritz in Eisenberg/Naumburg, Koco in Erfurt, das Karosseriewerk Richard Hiller in Ehrenhain, die Karosseriefabrik Assmann in Eisenach, die Karosserie- und Fahrzeug-Fabrik Fritz Fleischer in Gera, das Karosseriewerk Erfurt und schließlich die seit 1920 bestehende Multicar Spezialfahrzeuge GmbH in Waltershausen sind weitere Beispiele für die vielseitige Fahrzeugindustrie in Thüringen, zu der heute neben dem Eisenacher Opel-Werk Dutzende von Zulieferern gehören – bis hin zum neuen derzeit seiner Vollendung entgegengehenden Motorenwerk von DaimlerChrysler in Kölleda, dessen Motoren künftig Fahrzeuge von Mitsubishi und Smart antreiben werden und auch nach Japan exportiert werden sollen.

Horst Ihling: Autoland Thüringen – Gestern und heute, Schrader Verlag, 70032 Stuttgart, 205 Seiten, 24,90 Euro

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